Home
http://www.faz.net/-gun-z6bv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Strickkunstwerke Mit bunten Maschen für eine schönere Welt

Sie umhüllen Laternenmaste oder ganze Bäume - „Guerilla-Stricken“ heißt der neue Trend. Ob subversiv oder im öffentlichen Auftrag: flauschige Wollkunst soll Farbe in die Welt bringen.

© Vergrößern Umgarnt: Trauerweide in Velbert

Wenn Ute Lennartz-Lembeck zu ihrem Baum fährt, ist sie immer ein bisschen nervös. Ist noch alles unbeschädigt? Wie wirkt der Baum jetzt? Einmal im Monat fährt die 50 Jahre alte Kunstpädagogin mit ihrem grünen Kleinwagen von Remscheid nach Velbert, um nachzusehen, wie sich ihr Projekt entwickelt. Eine Häkelblume flattert am Heckscheibenwischer im Wind. Am Parkplatz angekommen, kann Lennartz-Lembeck die Trauerweide schon sehen. Sie ist bunt geringelt. Acht Meter hoch windet sich bunte Wolle um Stamm und Äste des Baums, der in der Mitte eines neu angelegten Parks mit Spielgelände steht.

Ursula Scheer Folgen:  

Guerilla-Stricken heißt der neue Trend in der subversiven Straßenkunst und kommt aus den Vereinigten Staaten. Mit handgemachten Wollobjekten wollen die - meist weiblichen - Aktivisten den öffentlichen Raum erobern. Sei es, um zu protestieren, zu verschönern oder einfach nur mitzuteilen: „Ich war hier.“ Auch hierzulande findet die Bewegung immer mehr Anhänger. Sie umstricken Laternenpfähle oder eben ganze Bäume, binden wollene Banner an Zäune oder werfen gestrickte Früchte in Hecken und Äste. Inzwischen gibt es - wie in Velbert - sogar die ersten öffentlichen Aufträge. Die Anfrage an Ute Lennartz-Lembeck, eine 60 Jahre alte Weide mit Maschenwerk zu umhüllen, kam von der Stadt. Die weichen Gebilde der Guerilla-Stricker finden oft Gefallen. Sie beschädigen nichts und sind problemlos wieder zu entfernen. Mit Anarchie hat solche Auftragskunst aber dann nichts mehr zu tun.

„Vom Wellness-Stricken - nach dem Motto: Hauptsache hübsch - möchte ich mich trotzdem abgrenzen“, sagt Lennarzt-Lembeck. „Wenn man in die Krone der Weide hinaufschaut, kann man nicht anders, als sich umfangen zu fühlen“, erklärt die zierliche Frau ihre Intention, und stellt sich ganz dicht an den Stamm. Frei nach Paul Klee die Wahrnehmung herausfordern wolle sie mit ihrem Strickkunstwerk, zum Nachdenken über Verwurzelung und Wachstum anregen und der Seele gut tun. Das passt zu der flauschig-bunten Hippie-Ästhetik, die die Weide jetzt ausstrahlt. Die Kindergartenkinder auf der Schaukel gleich daneben finden die Baum gewordene Villa Kunterbunt toll, und auch den Müttern und Großeltern auf dem Spielplatz gefällt sie.

"Guerilla-Strickerinnen" - Ute Jonetat und Ute Lennartz-Lembeck umstricken GegenstŠnde wie Laternen, Schilder und BŠume im šffentlichen Raum in den StŠdten Wuppertal, Essen  und Velbert © Vergrößern „Kein Wellness-Stricken”: Ute Lennartz-Lembeck will zum Nachdenken anregen

Zwanzig Kilogramm Polyacrylwolle hat Lennartz-Lembeck seit Beginn des Projekts im Oktober 2010 verwendet. Das sind 72 Meter Faden, täglich zwei Stunden in der Freizeit zu 400.000 Maschen geschlagen. Die daheim vorgefertigten Bahnen wurden von ihr Anfang Mai mit Hilfe zweier Mitarbeiter des Gartenamts auf Leitern um den Baum genäht oder mit Kabelbindern befestigt. Die locker gehäkelte Kunstfaser am Baum saugt sich bei Regen nicht voll, ist farbbeständig und schadet weder Borke noch Käfern. Das ist Lennartz-Lembeck wichtig, denn Guerilla-Stricken ist trotz des militanten Namens grundsätzlich gewaltfrei. Deshalb ist sie besonders froh, dass der Baumschmuck noch kein Opfer von Vandalismus geworden ist. Anderthalb Meter weiter in die Krone hinein würde sie den Baum gerne noch schmücken. Sie hofft, dass ihr dafür ein Hubwagen zur Verfügung gestellt wird.

Kuschelige Botschaften kommen an

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Burka in Europa Raus aus der Quengelecke

Auch wenn die Burka eigene Kulturleistungen hervorgebracht hat: Die Trägerin vereitelt eine Form der Kommunikation, die Europa stark macht. Wer Burka trägt, kann hierzulande nur Tourist sein. Mehr Von Kerstin Holm

12.12.2014, 16:32 Uhr | Feuilleton
Zugsocking Gemeinsam in der Bahn stricken

Immer mehr Frauen verabreden sich zum Stricken im Zug. Gestrickt werden vor allem Socken, weil sie sich trotz geselliger Ablenkung leicht stricken lassen. Mehr Von Deutsche Welle

08.12.2014, 15:06 Uhr | Gesellschaft
Abenteuer Advent Der Wunsch war Vater des Gesprächs über Geld

Wie es kam, dass es beim vorweihnachtlichen Wünschdirwas auf einmal ums Geld ging. Und warum wir zum guten, alten Wunschzettel zurückgekehrt sind. Mehr Von Fridtjof Küchemann

10.12.2014, 13:01 Uhr | Feuilleton
Lichtermeer Die Fete des Lumieres in Lyon

Alljährlich im Dezember wird die französische Stadt Lyon vier Tage lang zu einer strahlenden Kunstwelt, die rund vier Millionen Besucher anlockt: Dann verwandeln bunte Projektionen, untermalt mit Musik und unterstützt durch den Auftritt von Schauspielern oder Tänzern die Plätze, Straßen und Parks in ein Lichtermeer. Mehr

09.12.2014, 11:05 Uhr | Reise
Velázquez-Austellung in Wien Die Unschärfe in ihrem Blick

Das Kunsthistorische Museum in Wien zeigt das Werk des spanischen Malers Diego Rodriguez de Silva y Velázquez in einer Ausstellung, wie es sie so noch nicht gab. Worin genau liegt die Magie seiner Bilder? Mehr Von Rose-Maria Gropp

19.12.2014, 21:23 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.05.2011, 20:57 Uhr

Madonna Popdiva verschenkt Songs zu Weihnachten

Madonna veröffentlicht vorzeitig sechs Songs ihres neuen Albums, Schüler finden eine alte Flaschenpost von Kardinal Reinhard Marx und Prinzessin Madeleine von Schweden ist wieder schwanger – der Smalltalk. Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden