Wenn Ute Lennartz-Lembeck zu ihrem Baum fährt, ist sie immer ein bisschen nervös. Ist noch alles unbeschädigt? Wie wirkt der Baum jetzt? Einmal im Monat fährt die 50 Jahre alte Kunstpädagogin mit ihrem grünen Kleinwagen von Remscheid nach Velbert, um nachzusehen, wie sich ihr Projekt entwickelt. Eine Häkelblume flattert am Heckscheibenwischer im Wind. Am Parkplatz angekommen, kann Lennartz-Lembeck die Trauerweide schon sehen. Sie ist bunt geringelt. Acht Meter hoch windet sich bunte Wolle um Stamm und Äste des Baums, der in der Mitte eines neu angelegten Parks mit Spielgelände steht.
Guerilla-Stricken heißt der neue Trend in der subversiven Straßenkunst und kommt aus den Vereinigten Staaten. Mit handgemachten Wollobjekten wollen die - meist weiblichen - Aktivisten den öffentlichen Raum erobern. Sei es, um zu protestieren, zu verschönern oder einfach nur mitzuteilen: „Ich war hier.“ Auch hierzulande findet die Bewegung immer mehr Anhänger. Sie umstricken Laternenpfähle oder eben ganze Bäume, binden wollene Banner an Zäune oder werfen gestrickte Früchte in Hecken und Äste. Inzwischen gibt es - wie in Velbert - sogar die ersten öffentlichen Aufträge. Die Anfrage an Ute Lennartz-Lembeck, eine 60 Jahre alte Weide mit Maschenwerk zu umhüllen, kam von der Stadt. Die weichen Gebilde der Guerilla-Stricker finden oft Gefallen. Sie beschädigen nichts und sind problemlos wieder zu entfernen. Mit Anarchie hat solche Auftragskunst aber dann nichts mehr zu tun.
„Vom Wellness-Stricken - nach dem Motto: Hauptsache hübsch - möchte ich mich trotzdem abgrenzen“, sagt Lennarzt-Lembeck. „Wenn man in die Krone der Weide hinaufschaut, kann man nicht anders, als sich umfangen zu fühlen“, erklärt die zierliche Frau ihre Intention, und stellt sich ganz dicht an den Stamm. Frei nach Paul Klee die Wahrnehmung herausfordern wolle sie mit ihrem Strickkunstwerk, zum Nachdenken über Verwurzelung und Wachstum anregen und der Seele gut tun. Das passt zu der flauschig-bunten Hippie-Ästhetik, die die Weide jetzt ausstrahlt. Die Kindergartenkinder auf der Schaukel gleich daneben finden die Baum gewordene Villa Kunterbunt toll, und auch den Müttern und Großeltern auf dem Spielplatz gefällt sie.
Zwanzig Kilogramm Polyacrylwolle hat Lennartz-Lembeck seit Beginn des Projekts im Oktober 2010 verwendet. Das sind 72 Meter Faden, täglich zwei Stunden in der Freizeit zu 400.000 Maschen geschlagen. Die daheim vorgefertigten Bahnen wurden von ihr Anfang Mai mit Hilfe zweier Mitarbeiter des Gartenamts auf Leitern um den Baum genäht oder mit Kabelbindern befestigt. Die locker gehäkelte Kunstfaser am Baum saugt sich bei Regen nicht voll, ist farbbeständig und schadet weder Borke noch Käfern. Das ist Lennartz-Lembeck wichtig, denn Guerilla-Stricken ist trotz des militanten Namens grundsätzlich gewaltfrei. Deshalb ist sie besonders froh, dass der Baumschmuck noch kein Opfer von Vandalismus geworden ist. Anderthalb Meter weiter in die Krone hinein würde sie den Baum gerne noch schmücken. Sie hofft, dass ihr dafür ein Hubwagen zur Verfügung gestellt wird.
Kuschelige Botschaften kommen an
Bis dahin treibt Lennartz-Lembeck ihr nächstes Projekt um, das wieder stärker zur Protestkultur gehören soll. Kleine Häkelbanner mit aufgestickten Slogans, die für geistige Offenheit werben, schickt sie über Freunde und Verwandte in die Welt hinaus, unter anderem nach Frankreich, Amerika und Russland. „Die Banner machen auf nett und kuschelig. So kommen die Botschaften eher an.“ Ein Schildchen mit ihren Kontaktdaten hängt an jedem Stück. Deshalb bekommt die Häkelkünstlerin öfter Rückmeldung von Menschen, die ihre Werke entdeckt haben. Mit anderen Leuten über die Strickkunst in Kontakt zu kommen, findet sie besonders spannend. Wie viele Guerilla-Strickerinnen ist sie über Facebook mit Gleichgesinnten vernetzt. Man kennt sich, trifft sich und bereitet zusammen Aktionen vor.
So auch Ute Jonetat. In ihrer Wohnung in Essen stapelt sich die Wolle in allen Farben. Angefangene Strickereien liegen auf dem Sofa; auf der Terrasse steht eine Mülltonne, die sie mit Gestricktem verkleiden will - für eine Ausstellung, nicht für den Hausgebrauch. Seit die Dreiundsechzigjährige vor zwei Jahren einen Baum mit Schal entdeckte, ist es um sie geschehen. Inzwischen hat die Medizinisch-technische Assistentin fast 40 „Strick-Graffiti“, wie sie es nennt, im Revier untergebracht.
Es sind textile Zeichen für eine buntere Welt
„Ich vermumme mich nicht und bin nicht nachts unterwegs, deshalb benutze ich den Begriff Guerilla für mich nicht“, sagt sie. Auch bei ihr hängt ein Etikett mit einem Hinweis auf die Urheberin an jedem Werk. Aber sie kennt auch anonym strickende Freischärlerinnen, wie die „Katernberger Strick-Guerilla“ oder „Strick und Liesel“ aus Düsseldorf, die textil gegen Atomkraft protestieren. Jonetat will in erster Linie verschönern, die Welt bunter und dadurch auf Hässliches aufmerksam machen. Der Recyclinggedanke - sie benutzt ausschließlich gespendete Wollreste - und ein bisschen „Alt-68“ spielen mit hinein. Sie will zeigen, dass der öffentliche Raum allen gehört. Zu Jonetats Zielen zählen verrostete Poller, Straßenlaternen in Abbruchgebieten, Bauzäune und ungenutzte öffentliche Mülleimer. Wenn sie davon erzählt, wie aufregend es immer wieder sei, draußen etwas anzubringen, fährt sie sich mit den Händen durch die kurzen Haare und zündet sich noch eine Zigarette an. Die Reaktionen der Leute seien ja nie vorherzusehen. Sie habe überwiegend gute Erfahrungen gemacht, bewusst wegschauende Polizisten etwa, sei aber auch schon auf offene Ablehnung gestoßen.
Heute hat Ute Jonetat den neuen Thyssen-Krupp-Park im Visier, den der Konzern auf dem Gelände seiner früheren Gussstahlfabrik hat anlegen lassen. Jonetat findet: „Der Park ist schön gemeint, aber noch so tot und wenig angenommen.“ Genau der richtige Ort für ein Strick-Graffito. Rasch packt sie ihre Strickereien, Befestigungsmaterial und eine dreistufige Trittleiter ins Auto. Die Abenteuerlust steht ihr ins Gesicht geschrieben. Angekommen, wählt sie den Pfahl eines Hinweisschilds aus. Ein rechteckiges Stück Strick mit Streifen und Blume soll es sein. Schon steht die schmale Frau auf der Leiter und näht mit geübten Stichen das Graffito um das Rohr. Drei vorbeikommende Radfahrer verdrehen die Hälse, zwei Spaziergänger tun, als bemerkten sie nichts. Dann bleibt eine alte Frau stehen. „Das ist aber schön, was sie da machen“, sagt sie. „Gefällt es ihnen?“, fragt Jonetat lächelnd von der Leiter herunter. „Aber ja, sehr! Davon sollte es mehr hier geben.“
gestrickt?
Karin Jürgens (Bashi49)
- 27.05.2011, 19:24 Uhr
Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum
Hildegard Grygierek (hildegardswelt.de)
- 29.05.2011, 23:37 Uhr