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Nach Bluttat in Kandel : Streit über Alterstest bei Flüchtlingen

Jugendliche Flüchtlinge 2015 in der zentralen Inobhutnahme für unbegleitete minderjährige Flüchtling Bild: dpa

In der Wissenschaft tobt ein Streit darüber, ob Minderjährigkeit medizinisch ausgeschlossen werden kann. Nach der Bluttat von Kandel unterstreicht die Bundesärztekammer ihre Position – Rechtsmediziner halten in gewohnter Schärfe dagegen.

          Der Rauch der Silvesterböller hat sich verzogen, im neuen Jahr werden aber schon wieder fleißig Nebelkerzen gezündet. So nennt man zum Beispiel das lautstarke Entkräften von Argumenten, die überhaupt niemand angeführt hat. Zu beobachten ist das gerade sehr gut in der Debatte um Alterstests für Flüchtlinge, die vergangene Woche nach der Bluttat eines jungen Mannes in Kandel aufkam. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen Asylbewerber, der im Frühjahr 2016 unbegleitet nach Deutschland kam und 15 Jahre alt sein soll.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Weil diese Angaben unter anderem der Vater des Opfers anzweifelte, fordern Politiker jetzt eine strengere Altersprüfung bei jungen Flüchtlingen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte den Funke-Medien: „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und die Bundespolizei müssen schon bei der Identitätsfeststellung von Anfang an medizinisch zweifelsfrei klären, wer tatsächlich minderjährig ist und wer dies nur vorgibt.“

          „Bisher keine verlässliche wissenschaftliche Methode“

          Ob das „medizinisch zweifelsfrei“ überhaupt möglich ist – darüber tobt seit Jahren ein erbitterter Streit in der Wissenschaft – gerne wird dabei mit den erwähnten Nebelkerzen gearbeitet. Eine Sprecherin des Integrationsministeriums in Mainz sagte nach der Tat in Kandel: „Es gibt bisher keine verlässliche wissenschaftliche Methode, um das aktuelle Lebensalter eines Menschen festzustellen.“ Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, sagte der „Süddeutschen Zeitung“ am Dienstag, dass mit Hilfe medizinischer Verfahren der Geburtstag eines Menschen juristisch nicht sicher bestimmt werden könne. Und am Samstag hatte ein Arzt in der „Tagesschau“ gesagt: „Ich kann nicht auf eine Woche, auf einen Tag, oder auch nur auf einen Monat genau belegen, wie alt jemand ist. Man kann nur Mindestangaben konstatieren.“

          Spätestens da hätte die Nebelkerze erlöschen müssen: Mindestangaben reichen logischerweise aus, um die Minderjährigkeit eines Menschen auszuschließen. Und die in Deutschland führenden Experten auf dem Gebiet der Rechtsmedizin schrieben schon 2016 im Deutschen Ärzteblatt: „Die Anwendung des Mindestalterskonzepts stellt sicher, dass das forensische Alter der begutachteten Person keinesfalls zu hoch angegeben wird, sondern praktisch immer unter dem tatsächlichen Alter liegt. Liegt das ermittelte Mindestalter oberhalb der juristisch relevanten Altersgrenze, ist das Überschreiten dieser Altersgrenze mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bewiesen.“

          Einer der Autoren des Artikels war Andreas Schmeling, der auf dem Gebiet arbeitet, seit er 1997 an der Berliner Charité der Humboldt-Universität promoviert hat. 2007 bekam er für seine „hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen“  den Konrad-Händel-Stiftungspreis, seit 2008 ist Schmeling stellvertretender Direktor des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Münster. Heute hat der Professor kaum noch Lust, Interviews zu dem Thema zu geben – weil er schlechte Erfahrungen gemacht hat. Stichwort: Nebelkerzen.

          Ist jemand 14, über 18 oder über 21 Jahre alt?

          So hieß es zum Beispiel 2015 in einem ZDF-Beitrag: „In einem Interview mit Frontal 21 räumt er (Schmeling) die Ungenauigkeit der Methode ein.“ Darauf folgt ein Ausschnitt, in dem die Reporterin fragt: „Herr Professor Schmeling, wie kann ich denn das Alter bestimmen?“ Er antwortet: „Ich würde zunächst von Altersschätzung sprechen, da das Alter nicht exakt auf den Tag genau bestimmt werden kann.“ Schnitt. Nicht klar gemacht wurde den Zuschauern, dass Behörden und Gerichte eben kein exaktes Alter brauchen, sondern nur wissen müssen, ob jemand über 14, über 18 oder über 21 Jahre alt ist. „Und das kann man ohne vernünftige Zweifel feststellen“, sagt Schmeling.

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