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Sterbebegleitung : Ratschläge aus dem  Letzte-Hilfe-Kurs 

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Beistand bis zuletzt: Oft können Kleinigkeiten darüber entscheiden, wie wohl sich jemand am Ende seines Lebens fühlt. Bild: dpa

Wer einem anderen Menschen am Lebensende ein Begleiter sein will, der kämpft häufig mit seinen eigenen Ängsten und Unsicherheiten. In Letzte-Hilfe-Kursen gibt es Rat für solche Momente – und Denkanstöße.

          Gerda Hartwig ist eine resolute ältere Dame, doch das Lebensende anderer Menschen hat sie schon oft verzweifeln lassen. Hartwig, die sonst mit fester Stimme spricht und ihr Gegenüber mit offenem, freundlichem Blick anschaut, bricht die Stimme, wenn sie davon redet. Tränen rollen ihre Wangen herunter, und sie blickt zu Boden. So auch jetzt, als sie von ihrer kürzlich verstorbenen Nachbarin erzählt. Der Atem der Nachbarin sei sehr schwer gegangen, sagt Hartwig. Ihre Lippen hätten extrem trocken ausgesehen, doch sie sei schon nicht mehr ansprechbar gewesen, und man habe ihr nichts mehr zu trinken geben können. „So will man nicht sterben“, sagt Hartwig und schnäuzt in ein Taschentuch.

          Gerda Hartwig ist Ende 60 und heißt eigentlich anders. An diesem Oktobernachmittag sitzt sie mit elf anderen Frauen und Männern zwischen Anfang 40 und Ende 70 in einem schmucklosen Raum eines Alten- und Pflegeheims im Hamburger Osten. Die Tische stehen sich in Hufeisenform gegenüber, am Kopfende des Raums sind ein Beamer und eine Leinwand aufgebaut. Sie alle sind Teilnehmer eines sogenannten Letzte-Hilfe-Kurses. Kursleiterin Marina Schmidt erklärt, was das ist: „Während es in Erste-Hilfe-Kursen darum geht, jemandem beispielsweise nach einem Unfall beim Überleben zu helfen, liegt der Fokus von unseren Letzte-Hilfe-Kursen darauf, am Lebensende das Leid von Menschen zu lindern. Angst fällt beispielsweise darunter, aber auch allgemeine Unruhe, Durst oder Schmerzen.“ Schmidt leitet den ambulanten Hospizdienst im Hamburger Stadtteil Winterhude. Sie betreut seit vielen Jahren Schwerkranke, Sterbende und deren Angehörige.

          Der Tod bleibt ein Tabuthema

          Die Erste Hilfe ist ein fester Bestandteil der Hilfskultur in unserer Gesellschaft. Fast jeder hat schon einmal einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert und erinnert sich zumindest vage daran, wie man einen Menschen reanimiert oder in die stabile Seitenlage bringt. Zumindest aber daran, wie man auf schnellstem Wege Unterstützung holt.

          Aber Letzte Hilfe? Einen Menschen begleiten, der im Sterben liegt? Für viele, die mitten im Arbeitsleben stehen, sich um ihren Job, die Kinder und den Haushalt kümmern, aber auch für fit gebliebene Rentner ist das kein Thema, mit dem sie sich gerne beschäftigen. "Die meisten Menschen wachsen eben doch so auf, dass der Tod ein Tabu bleibt", erzählt Marina Schmidt. „Viele haben große Angst, einem sterbenden Menschen zu nah zu kommen.“ Vielleicht, weil der Tod anderer auch immer daran erinnert, dass das eigene Leben nicht unendlich ist.

          Etwa 860.000 bis 890.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland. Statistisch gesehen, kommen gerade einmal zwei Prozent ums Leben, indem sie einschlafen und nie wieder aufwachen. Dabei wünschen sich so einen friedlichen Tod wohl die allermeisten. Sehr viel mehr sterben durch Unfälle und die allermeisten durch Erkrankungen. Allein deshalb müssen sich fast alle Menschen irgendwann mit dem manchmal quälenden Prozess des Sterbens beschäftigen. Sei es, weil ein naher Angehöriger schwer krank wird oder ein guter Freund im Sterben liegt. „Dann fühlen sich sehr viele hilflos“, sagt Marina Schmidt. So wie Gerda Hartwig, als ihre Nachbarin im Sterben lag.

          Auch die anderen elf Männer und Frauen, die an diesem Nachmittag gekommen sind, haben schon Erfahrungen mit dem Tod gemacht oder wollen für die Zukunft vorbereitet sein: Ein Mann hat vor vielen Jahren seinen Sohn verloren und kümmert sich jetzt um seine Mutter und eine alte Dame, die im Seniorenheim lebt. Eine Frau betreut ehrenamtlich einen dementen Mann, der keine Angehörigen hat. Sie beobachtet, wie er kontinuierlich schwächer und unselbständiger wird. Andere kümmern sich um ihre Ehemänner, Freunde oder Verwandte, die alt und krank sind.

          Marina Schmidt hat mit Laptop und Beamer inzwischen ihre Präsentation gestartet. Eine lange Liste mit Stichworten erscheint auf der Leinwand. Schmidt will den Kursteilnehmern Anregungen geben, wie sie einem Schwerkranken oder Sterbenden auch ohne Medikamente und tiefergehendes medizinisches Wissen helfen können. „Losgehen kann es beispielsweise damit, dass wir einem Menschen, der schwer krank, aber noch gut ansprechbar ist, einfach zuhören. Dasein und Zuhören - vielen nimmt es einen Teil ihrer Last, wenn sie jemanden zum Reden haben“, sagt Schmidt. Viele Schwerkranke empfinden auch eine friedliche Umgebung als angenehm. Manch einer mag es, wenn der Raum abgedunkelt wird, andere entspannen sich bei ruhiger Musik oder Meditation.

          Angenehme Düfte können beruhigen

          Je nachdem, wie nahe man der Person steht, empfiehlt Schmidt auch Berührungen, sanfte Hand- oder Fußmassagen, beispielsweise mit Öl. Auch über den Kopf oder die Wange streichen wirkt oft beruhigend. Ist man jemandem eher freundschaftlich verbunden, kann es helfen, die Person an der Schulter festzuhalten und zu signalisieren: Ich bin für dich da!

          Bewegt sich jemand nur noch schwer von allein, kann es Linderung verschaffen, wenn man ihn in seinem Bett anders lagert. „Was auch sehr gut beruhigt und eine behagliche Atmosphäre schafft, sind angenehme Düfte“, sagt Schmidt. „Fragen Sie die Person nach ihrem Lieblingsduft oder -parfüm und bringen Sie das mit.“ Es sind solche Kleinigkeiten ohne großen Aufwand, die darüber entscheiden können, wie wohl sich jemand fühlt, der an seinem Lebensende ist.

          Entwickelt wurden die Letzte-Hilfe-Kurse vor knapp drei Jahren von Georg Bollig, einem Palliativmediziner und Notarzt aus Schleswig. Fragt man Bollig, wie er auf die Idee gekommen ist, erzählt er die Geschichte des Schweizers Henry Dunant, des Gründers der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Im Sardinischen Krieg stand Dunant auf dem Schlachtfeld von Solferino am 24. Juni 1859 den schwerverwundeten Soldaten des Kaisertums Österreich und des Kaisertums Sardinien zur Seite, die hier gegeneinander kämpften. „Einige sollen Dunant regelrecht angefleht haben, bei ihnen zu bleiben, damit sie nicht alleine sterben müssen“, erzählt Bollig. „Auf diese Weise hat Dunant zugleich eine Art Erste Hilfe und Letzte Hilfe geleistet.“ Die Geschichte Dunants hat Bollig sich zum Vorbild genommen.

          Der erste Kurs fand Anfang 2015 in Schleswig statt, mittlerweile gibt es die Kurse im ganzen Bundesgebiet. Menschen von 20 bis 80 Jahren nehmen daran teil. „Viele setzen sich mit dem Thema auseinander, wenn die eigenen Eltern älter werden“, erzählt Schmidt. Aber sie hatte auch schon eine Teilnehmerin, die erst Ende 20 war und sich auf den Tod ihres Lebensgefährten vorbereiten musste, der an einer unheilbaren Krankheit litt.

          Manchmal melden sich Einzelpersonen, meistens aber ganze Gruppen zu den Kursen an. Marina Schmidt hat den Eindruck, dass viele sich eher mit anderen zusammen zu solch einer Veranstaltung trauen. Was gar nicht funktioniert: wenn die Kurse in den Räumen eines Hospizes stattfinden. „Die müssen wir fast immer wegen mangelnder Teilnehmerzahl absagen“, erzählt Schmidt. Die Hürde, bloß die Räume einer solchen Einrichtung zu betreten, scheint für viele zu hoch. Auch wenn sie mit den kranken und sterbenden Menschen während des Kurses gar nicht in Kontakt kommen.

          Auch die Vorsorge ist ein wichtiges Thema

          Um in ganz Deutschland Kurse anbieten zu können, bildet Palliativmediziner Georg Bollig zusammen mit Kollegen permanent neue Kursleiter aus. Mittlerweile sind es mehr als 250. Interessenten sollten bereits Erfahrung in der Hospiz- und Palliativarbeit oder grundlegendes medizinisches Wissen haben.

          Marina Schmidt spricht mit ihren Kursteilnehmern an diesem Nachmittag auch über das Thema Vorsorge. Denn die Teilnehmer sollen sich nicht nur Gedanken über den Umgang mit dem Tod anderer machen, sondern auch an sich selbst denken: „Eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht gehören dazu“, sagt Schmidt. Doch viele zögern es möglichst lange hinaus, diese Schriftstücke anzufertigen.

          Die Patientenverfügung ist eine Art Willenserklärung, die für den Fall ausgefüllt wird, dass jemand sich nicht mehr selbst äußern kann. Darin legt man fest, ob und, wenn ja, welche lebenserhaltenden Maßnahmen man im Notfall erhalten möchte. Mit einer Vorsorgevollmacht ermächtigt man eine andere Person, bestimmte Entscheidungen für einen zu treffen. „Beide Dokumente müssen nicht von einem Notar beglaubigt werden - auch wenn das viele denken“, erklärt Schmidt. Es reiche aus, wenn sie von der Person, die sie betreffen, unterschrieben werden.

          Wichtig sei, so Schmidt, dass man sich diese Dokumente einmal im Jahr wieder vornehme: „Und dann sollte ich mich fragen: Will ich das immer noch so, wie es dort steht? Und soll die Person, die ich hier vermerkt habe, wirklich meine Rechte und meinen Willen durchsetzen, wenn ich dazu mal nicht in der Lage sein sollte?“ Ändert sich die Situation und fühlt man sich mit seiner Entscheidung nicht mehr wohl, vernichtet man die Dokumente und stellt sie einfach neu aus.

          Viele setzen ganz selbstverständlich ihre Kinder oder ihren Partner als Bevollmächtigte ein, doch Schmidt rät dazu, genau darüber nachzudenken. Schließlich stünden sehr nahe Angehörige in einem lebensbedrohlichen Notfall unter großem emotionalem Druck. Es könne helfen, wenn dann jemand entscheidet, der dem Betroffenen nicht ganz so nahe stehe.

          In ihrem Hamburger Kurs ist Schmidt inzwischen einige Präsentationsfolien weiter. Es geht jetzt um die allerletzte Lebensphase, wenn einem Menschen nur noch wenige Tage oder Stunden bleiben. Viele sind dann schon zu schwach, um selbst zu trinken oder zu essen. Marina Schmidt hat deshalb sogenannte Mundpflegestäbchen mitgebracht: Das sind kleine Schaumstoffstückchen, die ähnlich wie ein Lolli an einem kleinen Stab befestigt sind. Jeder Kursteilnehmer packt nun zum Ausprobieren einen aus.

          „Den saugfähigen Schaumstoff können Sie jetzt mal in Ihr Wasser oder Ihren Saft vor sich tauchen und sich dann die Lippen oder Zunge damit befeuchten. Merken Sie, wie gut das tut?“, fragt Schmidt. „Genau das Gleiche können Sie jemandem in der letzten Lebensphase anbieten, der nicht mehr aus einem Glas trinken kann.“ Zum einen lindert die Flüssigkeit das Durstgefühl. Und zum anderen kann die Person so noch einmal Geschmäcker genießen, an die sie sich gerne erinnert. Auch das kann beruhigen. Die Schaumstoff-Lollis lassen sich in jede Flüssigkeit tunken, egal, ob Rotwein, Fruchtsaft, Kaffee oder Wasser. Alternativ kann man die Lippen vorsichtig mit Wasser benetzen und etwas Brausepulver darauf streuen, um die Geschmacksnerven anzuregen.

          Gefrorene Gummibärchen zur Linderung

          Ebenfalls lindernd wirken tiefgefrorene Gummibärchen, die man dem Kranken vorsichtig zum Lutschen in den Mund legen kann. Das Gleiche funktioniert mit sorgfältig kleingeschnittenen, tiefgefrorenen Obststückchen. Alternativ kann man Obst oder ein anders Lebensmittel, das der Betroffene gerne mag, in ein Stück Mullbinde wickeln und es ihm in den Mund legen. So kann die Person daran saugen, und man kann es jederzeit wieder hinausziehen.

          „Wichtig ist aber, dass Sie ganz sicher sind, dass die Person noch in der Lage ist zu schlucken. Wenn das nicht der Fall ist, sind diese Flüssigkeitsmengen nämlich zu groß“, erklärt Schmidt. Als Alternative könne man dann ein kleines Sprühfläschchen besorgen, Saft oder Wasser ohne Kohlensäure einfüllen, und damit leicht die Lippen des Sterbenden benetzen. Auch das kann den Durst etwas lindern.

          Gegen trockene Lippen hilft eine Art selbstgemachter Lippenbalsam aus 2/3 Honig und 1/3 Butter, mit dem man die Lippen einfettet. „Ihrer Kreativität sind da absolut keine Grenzen gesetzt“, sagt Marina Schmidt. „Achten Sie aber darauf, ob Sie demjenigen wirklich einen Gefallen damit tun. Signalisiert er ihnen, dass er lieber in Ruhe gelassen werden möchte, bieten Sie ihm vielleicht später noch mal etwas an.“

          Zum Ende des Kurses, nach gut vier Stunden, bittet Marina Schmidt die Teilnehmer, sich mit ihrem Sitznachbarn darüber auszutauschen, wie sie selbst einmal bestattet werden möchten. „Anonym“, antwortet eine Frau, ohne lange darüber nachzudenken. „Und meine Familie soll ein fröhliches Fest feiern. Ich will keine traurige Beerdigung.“ Ein paar Teilnehmer nicken anerkennend - eine andere Frau schüttelt energisch den Kopf. Auch wenn die Meinungen hier auseinandergehen, eint die meisten Teilnehmer wohl eine Sache: Viele von ihnen haben heute Nachmittag zum ersten Mal befreit über den Tod gesprochen.

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