07.10.2006 · Stéphane Breitwieser entwendete 239 Kunstwerke im Wert von zehn Millionen Euro. In den Museen fiel dies oft zunächst gar nicht auf. Heute leidet er unter seinem ruinierten Leben. Und nun will die Justiz auch noch das Verfahren neu aufrollen.
Von Bärbel Nückles, StraßburgWenn er in den Museen vor den Bildern stand, brach er manchmal in Tränen aus angesichts von so viel Schönheit. Nah am Wasser gebaut hatte Stéphane Breitwieser auch, als er am Ende vor dem Richter saß. So nett kann ein Meisterdieb sein! „Ich bin jemand, der nachts um drei Uhr aufsteht, um ein Bild anzusehen“, sagt der heute 35 Jahre alte Mann mit einem Seufzen. Höflich ist unauffällig - was Stéphane Breitwieser zwischen 1994 und 2001 in europäischen Museen, Schlössern und auf Auktionen trieb, fiel wohl auch dank seines Auftretens nicht auf. In einem kindlichen Impuls des Besitzenwollens griff er zu, wo immer sich eine Gelegenheit bot.
Und der Elsässer Breitwieser war erfolgreich. 239 Kunstwerke im Wert von geschätzten zehn Millionen Euro, darunter 60 Gemälde - überwiegend flämische und niederländische Meister des 16. und 17. Jahrhunderts -, soll er entwendet haben. Oft ohne daß es den Museen auffiel. Fast 300 seien es tatsächlich gewesen, schreibt Breitwieser aber in seinem in Frankreich gerade erschienenen Buch „Geständnisse eines Kunstdiebs“. Die Straßburger Justiz will deshalb das Verfahren gegen ihn neu aufrollen. „Als ich nach meiner Festnahme in Luzern vernommen wurde, gestand ich auch die kleineren Vergehen, doch die Polizei interessierte sich nur für die wirklich großen Diebstähle.“ Der Dieb war zur Abwechslung einfach nur ehrlich.
Zu leicht und zu verlockend beim ersten Mal
Heute leidet Breitwieser dafür unter seinem ruinierten Leben. Ohne Aussicht auf Arbeit, weil jeder seinen Namen kennt, lebt er nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft im Oktober 2005 in Straßburg (wenn er nicht gerade auf Werbetour für sein Buch ist). Es verletzt ihn, wenn er liest, man habe ihn, kaum sei er entlassen gewesen, in einem Schweizer Museum gesichtet, wo er doch keinen Fuß mehr in die Schweiz und schon gar nicht in eines der wunderbaren Museen setzen dürfe.
Das erste Mal griff Breitwieser bei einer Pistole im Museum von Thann zu, einer Kleinstadt im Elsaß nicht weit von Mülhausen, wo Breitwieser aufwuchs. Es war wohl zu leicht und zu verlockend. Monate später brachte er eine Armbrust auf der Hochkönigsburg im Elsaß an sich. Zu sperrig war das Gerät. Mit Entschlossenheit warf er es durchs Fenster in den Nebel hinaus und trug es später nach Hause. Die Angst im Augenblick des Diebstahls überwand Breitwieser rasch und genoß den Rausch des Lottogewinners.
„Der Wärter stand nur drei Meter entfernt“
Wünsche hatte er viele. Zu Anfang nahm er wahllos mit, was sich bot. Später suchte sich der ehemalige Jura- und Geschichtsstudent aus, „was mich wirklich interessierte“ und sich in unbemerkten Augenblicken unter die Jacke oder zusammengerollt in den Rucksack stecken ließ: kleinformatige Alte Meister. Zu diesem Zweck las er sich Jahr für Jahr die Kenntnisse eines Kunstexperten an. Sein Sinn für Schönes erstreckte sich auch auf Monet oder Watteau. Vor allem aber wurde er mit jedem Mal, da er unentdeckt davonkam, mutiger. „Der Wärter stand nur drei Meter entfernt und kehrte mir den Rücken zu.“ Und Breitwieser sezierte die Schwächen der meist kleineren und schlecht bewachten Museen: Mancher Kunstraub wurde erst mit Breitwiesers Geständnis enthüllt.
Breitwieser fühlte sich bald nicht nur in den Museen der Schweiz, Dänemarks, Belgiens, der Niederlande, Österreichs und natürlich Frankreichs wohl. Er schätzt auch die Erinnerung an die deutschen - im übrigen, wie er sagt, gut gesicherten - Museen in Mannheim, Koblenz, Bonn und Bad Säckingen, wo er eine Trompete mitgehen ließ.
„Mir blutet das Herz. Es wird auf ewig allein bleiben.“
Und an Baden-Baden, wo er sein Lieblingsstück in die Finger bekam: Lucas Cranachs des Jüngeren Bildnis der Sibylle von Cleve. Das Juwel auf 24 mal 17 Zentimetern verschwand während einer Sotheby's-Auktion aus der Vitrine und unter Breitwiesers Jacke. Es war der 1. Oktober 1995, Breitwiesers 24. Geburtstag.
Danach nahm die Sammelwut ihren Lauf. Auf 30 Quadratmetern lebte der Kunstdieb mit seiner Freundin und 239 Kunstwerken im Haus der Mutter in Eschentzwiller bei Mülhausen. Was an den Wänden keinen Platz mehr fand, schichtete er in Schubladen mit schützendem Papier. Von all der Pracht geblieben ist kaum die Hälfte: Als die Mutter von Breitwiesers Verhaftung erfuhr, versenkte sie fast alles im Rhein-Rhône-Kanal. Viele Bilder - auch die Prinzessin von Cleve - zerschnitt und zertrümmerte sie. Dafür sitzt Mireille Stengel, die Mutter, noch immer im Gefängnis. „Mir blutet das Herz“, sagt Breitwieser, „das männliche Gegenstück zu Cranachs Frauenbildnis (das er in der Vitrine zurückließ) wird auf ewig allein bleiben.“