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Aktualisiert: 06.09.2016, 09:22 Uhr

Angst der Deutschen „Flüchtlinge sind die modernen Hexen“

Warum haben viele Wähler in Mecklenburg-Vorpommern Angst vor Flüchtlingen? Der Psychologe Stephan Grünewald glaubt, dass die Neuankömmlinge als Blitzableiter für eine diffuse Angst vor Veränderungen herhalten müssen.

von
© dpa Anhänger der AfD in Erfurt: Wieso ist speziell dort die Angst vor Flüchtlingen am höchsten, wo besonders wenige leben?

Herr Grünewald, Sie führen als Geschäftsführer des Kölner Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung jährlich Tausende tiefenpsychologische  Interviews mit Deutschen. Begegnet Ihnen da die Angst vor Flüchtlingen?

Sebastian Eder Folgen:

Ja, diese Angst ist uns schon vor der letzten Bundestagswahl begegnet. Ergebnis unserer Befragungen war, dass die Menschen das Gefühl haben, Deutschland ist eines der letzten Paradiese auf der Welt, umbrandet von Krisenherden. Die Menschen glauben, die Zukunft kann nur schlimmer werden. Dadurch entsteht eine Sehnsucht nach permanenter Gegenwart, man will das Paradies konservieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel war lange ein Garant für die permanente Gegenwart, weil sie als Schutzheilige der Heimat fungierte. Sie sagte immer, sorgt euch nicht, ich führe euch nicht in eine unsichere Zukunft. Die Raute war das Symbol für eine fürsorgliche Umgrenzung der Republik. Als Merkel die Raute geöffnet und die Arme ausgebreitet hat, ist sie zum internationalen Willkommens-Engel geworden. Während Mutter Merkel früher dafür stand, den Menschen alles abzunehmen,  hat der Satz „Wir schaffen das“ dazu geführt, dass sich viele in die Pflicht genommen gefühlt haben, dazu aber keine Lust hatten. Das führte zu Verbitterung und Enttäuschung.

86 Prozent der AfD-Wähler in Mecklenburg-Vorpommern haben angegeben, dass sie Angst vor Flüchtlingen haben. Dabei haben im ersten Halbjahr 2016 nach Angaben des Landesinnenministeriums nur 5400 Personen einen Asylerstantrag in dem Land gestellt. Wieso ist speziell dort die Angst vor Flüchtlingen am höchsten, wo besonders wenige leben?

Weil die Angst psychologisch betrachtet nicht nur den Flüchtlingen gilt. Die Menschen spüren den Zeitenumbruch. Die Welt ist nicht mehr die, die man früher kannte. Die Ungewissheit, wie sich angesichts der ganzen Krisen und der Digitalisierung unsere Welt verändert, führt zu einer diffusen Angst. Eine diffuse Angst verursacht ein Gefühl der Ohnmacht. Man weiß nicht, wo man anpacken kann. Sich vor Flüchtlingen zu fürchten, ist letztlich ein Versuch, die diffuse Angst dingfest zu machen. Ihr eine  konkrete Gestalt zu verleihen. Wenn die Flüchtlinge das Unheil sind, kann ich tätig werden. Ich kann die Grenzen zu machen, die AfD wählen, oder im schlimmsten Fall Flüchtlingsheime anzünden. Die Projektion der Angst auf Flüchtlinge funktioniert am besten, wenn man keine kennt. Wenn man sich Vampirfilme anschaut, merkt man, dass die Angst am größten ist, wenn der Vampir noch nicht konkret im Bild ist. Wenn er da ist, relativiert sie sich und man weiß, wie man mit dem Vampir fertig werden kann. Sobald ich Flüchtlinge kennenlerne, relativiert sich die Angst. Ich merke, was ich an ihm mag oder was mich an ihm stört.

Stephan Grünewald - der Psychologe und Unternehmensberater äußert sich zur Wirtschaftskrise. © Edgar Schoepal Vergrößern Stephan Grünewald ist Psychologe und Gründer des „Rheingold Instituts“ in Köln. Er schrieb u.a. „Deutschland auf der Couch“ und befasst sich mit der Gefühlslage des Landes.

Aber gibt es nicht auch konkrete Ängste?

Ja, es gibt bei dem Thema zwei Sorgen: Erstens die Vorstellung, es kommen anarchische, unkultivierte Unholde zu uns, die wie in der Kölner Silvesternacht unsere Frauen missbrauchen und uns bestehlen. Und zweitens macht die Vorstellung Angst, dass da Leute kommen, die uns aufgrund ihres Todesmutes, ihrer Risikobereitschaft oder ihrer Bereitschaft zum totalen Neuanfang irgendwie überlegen sind. Viele Menschen sind hierzulande eher risikoscheu oder haben einen Vollkasko-Anspruch.

Viele Krisen auf der Welt wirken nicht mehr kontrollierbar. Führt dieser Kontrollverlust zu Angst?

Ja, das meine ich mit dieser übergreifenden, diffusen Angst. Viele Menschen, aber auch viele Politiker verspüren, dass uns die Welt entgleitet, es herrscht ein unübersehbarer Umbruch. Und die Flüchtlingskrise ist ein Zurechtmachen der Angst, das sind die modernen Hexen, denen man die Veränderung, die man erlebt, anlasten kann.

Welche Rolle spielt Angst allgemein bei Wahlen?

Angst will behandelt werden. Was die Wähler Merkel ankreiden, ist, dass sie die Angst der Menschen nicht wahrgenommen und bearbeitet hat. Sie hat die Losung „Wir schaffen das“ abgegeben und dann die Leute alleine gelassen. Sie hätte konkreter aufzeigen müssen, welchen Beitrag jeder einzelne leisten kann und was genau allen jetzt abverlangt wird. Wer handlungsfähig ist, verliert seine Angst. Der Erfolg der AfD ist ein Hilferuf beziehungsweise ein Weckruf an die privilegierten Politiker: Sie sollen die Angst endlich wahrnehmen und behandeln.

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Ist die Angst im Osten besonders groß?

Den Osten kann man nicht über einen Kamm scheren. Der Zusammenbruch des Wertesystems 1989 wurde von einem Teil der Bevölkerung sehr produktiv gemeistert. Vom Osten lernen heißt, Krisen meistern zu lernen. Deswegen ist es kein Wunder, dass mit Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck zwei Ostdeutsche an der Spitze des Landes stehen. Aber Osten kann eben auch heißen, sich nach Stabilität zu sehnen. Diese heimliche Sehnsucht nach Konstanz und staatlicher Versorgung hat Merkel früher lange bedient.

Ab wann wird Angst krankhaft?

Angst ist ein sehr gesunder Mechanismus. Wenn wir keine Angst hätten, würden wir vor das nächste Auto laufen. Angst motiviert uns zu erhöhter Wachsamkeit, es aktiviert uns zur Problemlösung. Krankhaft ist es, wenn ich mich nicht mehr auf die Realität beziehe, mich in Wahngebilde zurückziehe. Es ist eigentlich nicht erklärbar, dass in so einem stabilen Land wie Deutschland mit einer fantastischen Wirtschaftsleistung die Vorstellung aufkommt, dass eine Million Flüchtlinge den Untergang bedeuten. Und die wahnhafte Angst kann man nur behandeln, indem man wieder einen Realitätsbezug schafft. Von daher ist der direkte Kontakt mit Flüchtlingen nicht nur anstrengend, sondern auch heilsam, weil er angstmindernd wirkt.

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