21.07.2009 · Wenn im Gespräch von getöteten Tieren die Rede ist, wird Designerin Stella McCartney leidenschaftlich: dann predigt, erklärt, überredet die überzeugte Vegetarierin. Nebenbei spricht sie auch noch über Mode, Berlin und London als Zentrum der Welt.
Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Stella McCartney über ihre Heimatstadt London als Zentrum der Welt, Design in Zeiten der Krise - und über den Verzicht auf Leder und Pelz.
Willkommen in Berlin! Wie gefällt Ihnen die Aussicht hier von der Dachterrasse des Hotel de Rome auf die Stadt?
Ziemlich cool! Man erkennt gleich den Gegensatz von Alt und Neu. Sieht sofort symbolisch aus.
Waren Sie schon oft hier?
Schon ganz früher, als mein Vater hier Auftritte hatte, und vor ein paar Jahren noch mal - da hab ich mir den Reichstag von Norman Foster angeschaut.
Haben Sie auch schon gehört, dass hier unten auf dem Platz gerade eine Modewoche stattfand?
Vage.
Berlin will London als drittwichtigste Modestadt ablösen.
Viel Glück! Aber da gibt's keine Chance, da bin ich sehr patriotisch. Ihr werdet uns nicht vom Thron stoßen. Andererseits finde ich es sehr sympathisch, wenn man hohe Ansprüche hat.
Aber wenn man London betrachtet, nach der Finanzkrise, mit der Konsummüdigkeit, mit den Designern, die nach Mailand, Paris und New York abwandern - verliert die Stadt nicht an Glanz?
Wird das jetzt hier eine Standortdebatte? Was für eine lächerliche Frage: Verliert London seinen Glanz? Das mag ja eine nette Überschrift sein. Aber London bleibt das Zentrum des Universums.
Sie selbst zeigen Ihre Kollektionen in Paris!
Wichtig ist doch, dass ich in London lebe und meine Zentrale in London liegt. In den meisten wichtigen Designteams der Welt arbeiten Londoner, Absolventen von Central Saint Martin's. Aber jetzt zwingen Sie mich dazu, hier London zu verteidigen. Ich bin halbe Liverpoolerin! Und ich arbeite mit Leuten aus aller Welt zusammen!
Versuchen wir die Krise anders zu greifen. Viele Marken gehen gerade pleite, Christian Lacroix zum Beispiel, bei dem Sie einst als Praktikantin begannen . . .
. . . ja, das ist traurig. Aber der Mode geht es nicht anders als anderen Künsten und Wirtschaftszweigen. Jeder ist betroffen. Es macht mich genauso traurig, wenn ein Arbeiter bei der U-Bahn gefeuert wird, wie wenn Lacroix pleitegeht.
Was hat sich denn für Sie durch die Krise verändert?
Ich muss mehr arbeiten. Aber ich drehe das Ganze um: Ich finde die Krise spannend. Wir sind ja ein kleines Team, schnell, agil, flexibel, nicht maßlos. Exzesse sind nicht gut: weder im Leben noch im Geschäft, noch in der Persönlichkeit.
Viele Designer machen jetzt Trunkshows, um die Kunden jenseits der Modestädte zu erreichen.
Ja, ich auch. Angefangen habe ich damit zu College-Zeiten. Meine erste war bei Bergdorf Goodman, als ich gerade mal 23 war. Inzwischen werden es mehr. Wenn man sich zu fein ist, Kunden zu treffen, kommt man in Schwierigkeiten. Jetzt - mit drei Kindern, für die ich kurz Pause gemacht habe und die ich auch stillen musste - kann ich wieder mehr reisen, wie etwa zum Cocktailempfang in der Boutique "The Corner" hier in Berlin.
Sie haben die Marke 2007 in die schwarzen Zahlen gebracht. Wie sieht's denn heute aus?
Ha, was darf ich dazu sagen?
Wahrscheinlich wenig, da Ihre Marke zu PPR-Gucci gehört.
Oder sogar nichts!
Dann reden wir doch über Mode. Damals, als sie für Chloé arbeiteten, war Ihre Mode so mädchenhaft, so heiter, so gut gelaunt . . .
. . . und jetzt stürze ich Sie in schlechte Laune? Als ich nach Paris kam, war ich jung, ich wusste nicht, was ich tun oder lassen sollte. Heute versuche ich immer noch, Humor zu zeigen, arbeite mit besseren Stoffen - aber ich bin nicht mehr so frech.
Weniger Sprüche auf T-Shirts.
Man weiß nie. Vielleicht mach' ich auch das mal wieder. Ich nehme mich und die Mode nicht allzu ernst. Ich hoffe, dass meine Kollektion weiter leicht rüberkommt.
Das Attribut "mädchenhaft" bleibt jedenfalls an Ihnen haften.
Ja, aber immer mit dem Männer-Frauen-Gegensatz. Während meiner College-Zeit habe ich auch an der Savile Row gearbeitet. Ich war bei Edward Sexton, dem wichtigsten Schneider bei Tommy Nutter - der wiederum in den Sechzigern alles für meine Eltern geschneidert hatte. Und da begann dann meine Liebe zu Herrenschnitten, die ich meinen femininen Entwürfen immer kontrastiere. Seitdem habe ich mit dem Thema im Grunde nicht mehr aufgehört. Ich bin ein großer Fan des Tailoring: Man braucht immer eine schöne Jacke.
Jedenfalls kommt Ihre Mode heute besser an als zu Beginn. Da schrieb Suzy Menkes noch von "cartoon vulgarity".
Cartoon vulgarity? (lacht) Cartoon vulgarity? (schaut entsetzt) Cartoon vulgarity! (lacht entsetzt) Ich versuche, den Kritiken nicht zu glauben - wenn man sich über die positiven freut, wird man an den negativen verzweifeln. Jeder möchte geliebt werden. Aber im Beruf ist das keine gesunde Einstellung. Ich versuche, mich von Kritiken frei zu machen. Mir geht's um die Firma - und um unsere Botschaft.
Womit wir beim Tierschutz wären. Sie verarbeiten niemals Leder oder Pelz. Seit wann?
Seit ich zwölf Jahre alt war. Das erste Teil, was ich jemals gemacht habe, war eine Jacke aus Wildlederimitat. Ich bin als Vegetarierin groß geworden. Auch bei Kleidung wollte ich auf tierische Produkte verzichten. Mode ist doch nicht so wichtig, als dass man dafür Tiere töten dürfte!
Ich habe Ihnen die aktuelle deutsche "Vogue" mitgebracht, die auf mehreren Seiten die Accessoires der Saison ausbreitet - ähnlich wie viele Modemagazine.
Leder, Leder, Leder, Leder!
Das muss ein deprimierender Anblick für Sie sein.
Ja, aber ich kann damit umgehen.
Die Leopardenmuster hier sind nur aufgedruckt . . .
. . . stimmt, aber auf die Felle anderer Tiere. Ich find's traurig. Mann, ist das viel Haut! Das ist doch gruselig! Wann hat's je ein orangefarbenes Krokodil gegeben? Der Kunde denkt sich bei diesem rosafarbenen Beutel ja nicht: Das war wirklich ein Python. Der wird einfach nur sagen: Was für ein schönes Muster! Die machen einen Python zu einer Handtasche und färben es rosa, so dass sie nicht mal aussieht wie von einem Python. Was ist da der Sinn? Das ist krank. Ein Nerzfell zu nehmen, es kurz zu rasieren, bis es aussieht wie Kordsamt, und es dann blau zu färben: Das ist so „fucked in head“!
Da haben Sie noch viel zu tun.
Ja. Und das sind keine Abfallprodukte. 50 Millionen Tiere pro Jahr werden allein für die Mode getötet. Diese Industrie ist unglaublich archaisch. Die Mode fällt hoffnungslos hinter den allgemeinen Trend zurück. Das ist die dunkle und unmoderne Seite der Mode - als ob sie in den Fünfzigern bei Dior steckengeblieben wäre. Es macht sich auch eine Leck-mich-Haltung breit, so nach dem Motto: Wir wissen schon, dass es falsch ist, aber wir sind in der Mode, kiss my ass. Die denken, sie sind rebellisch. Das sind sie aber schon deshalb nicht, weil alle es tun.
Und da verzweifeln Sie nicht?
Nein, es macht mich nur entschlossener.
Ihre Marke gehört zur Gucci-Gruppe, deren Hauptmarke vor allem Lederwaren verkauft.
Klar, die anderen Designer, die zu meiner Gruppe gehören . . .
. . . Frida Giannini (Gucci), Stefano Pilati (Yves Saint Laurent), Tomas Maier (Bottega Veneta) . . .
. . . hören mir auch zu.
Aber bisher folgen Ihnen wenige.
Ralph Lauren und Todd Oldham verzichten auch auf Pelze. Das sind die einzigen auf diesem Niveau, die mir einfallen.
Und warum ist Leder so schlimm?
Die Herstellung schädigt die Umwelt. Die Abholzung für Weideflächen, der Ausstoß an Methangas, der Wasser- und Energieaufwand!
Und ich wollte Sie schon wegen Ihres Flugs hierher nach Ihrer Energiebilanz fragen.
Ich bin nicht perfekt, ich lebe auch ein normales Leben.
Könnten Sie uns Ihr ressourcenschonendes Konzept anhand Ihres Ladens in London verdeutlichen?
Der Strom stammt - wie bei mir zu Hause - aus Windkraft. Wir haben Stühle aus wiederverwertetem Plastik. Unsere Einkaufstüten sind aus recyceltem Papier. Wir verbrauchen wenig Verpackungsmaterial. Viele Kleiderbügel sind aus Mais. In Paris haben wir Umkleidekabinen aus recycelter Pappe. Wir nehmen keine normalen Taxis, sondern Hybridtaxis. Und nach Paris fliegen wir nicht, sondern wir nehmen den Eurostar-Zug.
Und was bedeuten Ihre Ansichten fürs Alltagsleben? Ihr Mann darf kein Fleisch essen?
Er war lange Vegetarier, dann nicht mehr. Seit er mit mir zusammen ist, ist er's wieder. Das Opfer, das man bringt, ist nicht größer als die Belohnung, die man bekommt.
Sie haben drei Kinder, einen Mann, eine Firma - wie schaffen Sie das? Ihr erstes Kind kam vier Tage vor der Schau zur Welt.
Ja, vom Wochenbett aus habe ich noch organisiert und die Musik zur Schau ausgesucht. Na ja, ich habe viel Hilfe. Aber die Familie ist das Wichtigste. Wenn ich meine Kinder sehen möchte, sage ich Meetings auch mal ab. Wir sind übrigens eine sehr fertile Marke: Von zwanzig Mitarbeitern haben vergangenes Jahr acht ein Kind bekommen. Wir machen schon Witze: Setz dich nicht auf den Stuhl . . .
. . . den recycelten . . .
sonst wirst du schwanger!
Und Ihre drei Kinder machen den Vegetarismus auch mit?
Sie sind ja erst ein, zweieinhalb und viereinhalb Jahre alt. Mein Ältester zeigte mir jetzt bei einem Kinderfest eine Miniwurst und fragte: "Ist die vegetarisch?" Als ich das verneinte, sagte er: "Das kann ich nicht essen!" So süß! Aber wenn meine Kinder eines Tages Hummer-Autos fahren, Rindfleisch essen und den Planeten zerstören - dann kann ich's auch nicht ändern. Sie sind frei.
Herzlichen Dank fürs Gespräch.
Ich danke. Und machen Sie doch bitte mit bei unserer Aktion "Fleischfreier Montag"!
Die Fragen stellte Alfons Kaiser.
Sie kann nun wirklich nichts für ihren Nachnamen. Als zweite Tochter von Paul und Linda McCartney (ihre ältere Schwester Mary ist Fotografin) musste sich die am 13. September 1971 in London geborene Stella McCartney immer wieder Spott über ihre Herkunft anhören. Ihre Abschlusskollektion am Saint Martin's College in London 1995 führten unter anderem ihre Freundinnen Naomi Campbell und Kate Moss vor. Und als sie 1997 im Alter von 25 Jahren über Nacht zur Chefdesignerin von Chloé wurde, war nicht tout Paris begeistert. Sie leitete gegen alle Unkenrufe den Wiederaufstieg des für seine mädchenhafte Mode und seine märchenhaften It-Bag-Geschäfte bekannten Pariser Labels ein. 2001 gab sie ihren Posten auf, um sich ihrem eigenen Label unter dem Dach der Luxusgruppe PPR-Gucci zu widmen. Seitdem erarbeitet sie sich mit verspielten und gleichzeitig reduzierten Entwürfen, mit weiblich interpretierten Männerjacken und einem gut gestylten Lagenlook ihren eigenen Namen. Mit der konsequent „veganen“ Mode, die ohne Leder und Pelz auskommt (Handtaschen sind aus Tweed, Schuhe aus Plastik, Gürtel aus Lederimitat), schafft sie sich ein weiteres Markenzeichen. Auch durch die Zusammenarbeit mit H&M (2005), mit Adidas (seit 2005), durch eine Serie von Hautpflegeprodukten (seit 2007) sowie in Zukunft mit einer Kinderkollektion für Gap sucht sie ihrem eigenen Label auf die Sprünge zu helfen. Stella McCartney ist seit 2003 mit Alasdhair Willis verheiratet, dem Chef der Designfirma „Established & Sons“. Die beiden haben drei kleine Kinder, Alasdhair James, Bailey Linda Olwyn und Beckett Robert Lee.
Ja ...
Joerg' S (joerg51)
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Getötete Tiere
Bea Meister (wipkingen)
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Lederkauf trägt zum wirtschaftlichen Gewinn der Schlachthäuser bei,
Antonietta Tumminello (astra1971)
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