Home
http://www.faz.net/-gun-6m5u0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stefan Gubser Der Herr Kommissar mag keine Spielchen

13.08.2011 ·  Stefan Gubser übernimmt die Rolle des Ermittlers im neuen Schweizer „Tatort“. Ein Treffen zum Lunch, auf einer Bank am Zürichsee. Der neue Kommissar über die umstrittene erste Folge und seine Rolle als Sonntagabendheld.

Von Sonja Kastilan
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Von Kreuzlingen nach Luzern führt Reto Flückiger der Job. Im Schlepptau sein Segelboot. In der schmucken Stadt am Vierwaldstättersee steigt der Schweizer Kollege der Konstanzer Ermittlerin Klara Blum zum Kommissar auf. Vor zehn Jahren, im damals letzten „Tatort“ des Schweizer Fernsehens, mimte Stefan Gubser noch den „bad guy“; jetzt, mit der eidgenössischen Wiederaufnahme, darf er sich in die ehrwürdige Riege der Sonntagabendhelden einreihen. Für den 54 Jahre alten Schauspieler erfüllt sich ein „Bubentraum“, wie Gubser freimütig gesteht, wohingegen er ungern darüber sprechen will, warum sich seine Fernseh-Beförderung um einige Monate verzögerte.

Denn als Flückiger hatte er im Bodensee-“Tatort“ bereits Anfang des Jahres seinen Umzug angekündigt, die daran anknüpfende Schweizer Produktion „Wunschdenken“ sollte am 17. April zu sehen sein. Frisch im Amt, beanstandete die Kulturchefin der heimischen Senderanstalt (SRF) jedoch plumpe Klischees, setzte den Termin aus und verlangte eine Überarbeitung. Szenen wurden nachgedreht, der Film umgeschnitten und für die ARD-Fassung neu synchronisiert. Am heutigen Sonntag beendet die erste Folge aus Luzern die „Tatort“-Sommerpause: Wunschgemäß mit deutlichem Schweizer Akzent agiert das Team vor malerischer Kulisse. An Lokalkolorit mangelt es jedenfalls nicht.

Das Multitalent mit den markanten Augenbrauen

„Für mich ist die Sache gegessen, die Zuschauer können sich jetzt ein eigenes Bild machen“, sagt Stefan Gubser; er sei „froh über die Ausstrahlung“. Die zweite Folge ist inzwischen abgedreht, eine dritte in Vorbereitung. Locker plaudert der „Tatort“-Star beim Lunch auf einer Bank am Zürichsee. Über das Lehrsame am Scheitern, Serienrollen, von denen er manche „aus ökonomischen Gründen annehmen musste“, den Zauber der Einfachheit und über die Freiheit, die er heute hat: unter Rollen zu wählen und eigene Theater- und Filmproduktionen zu realisieren. Er war unter anderem ein „Eurocop“, ein Arzt in der „Kurklinik Rosenau“, ein Todkranker im selbstproduziertem Film „Hello Goodbye“, gab 2010 den Therapeuten für „Liebling, lass uns scheiden!“ und tourte im Winter mit den „Rockerbuebe“.

Während sich in Deutschland vielleicht nicht alle Zuschauer (oder nur die weiblichen) an den Flirt von Eva Mattes alias Klara Blum erinnern können oder an den Bergbauern Daniel, den Anna Loos in der Kinoromanze „Nur ein Sommer“ eroberte, kennt ganz Helvetia sein Gesicht mit den markanten Augenbrauen. Hier weiß man auch zu schätzen, dass der Absolvent des Max-Reinhardt-Seminars neben Deutsch und Englisch als Drehsprache noch mindestens vier Dialekte beherrscht: Zürcher, Berner, Bündner und St. Galler.

Mehr Glamour für den „Tatort“

Geboren in Winterthur, aufgewachsen im grenznahen Bregenz, Internatszögling in Schiers, Graubünden, lebt Gubser jetzt nahe Zürich. Ein Kenner seiner Heimat. Dass ihn die Kritik aus den eigenen Reihen an „Wunschdenken“ alles andere als kaltgelassen hat, verwundert nicht. Gubser ist nicht nur Hauptdarsteller, sondern durch sein Engagement maßgeblich daran beteiligt, dass sich der SRF wieder zur „Tatort“-Familie von ARD und ORF gesellt. Mit seiner Firma Tellfilm ist er zudem ein Koproduzent, der durch Presseberichte von den Vorwürfen gegen den Film erfuhr, zum Beispiel jenen, seine amerikanische Filmpartnerin Sofia Milos sei eine Fehlbesetzung. Dabei hatte sich Gubser vom Einsatz der „CSI: Miami“-Darstellerin, die kein Hochdeutsch, aber Mundart spricht, mehr Glamour für die Traditionsserie erhofft - und Sexappeal: Der Kommissar darf der attraktiven Kollegin Abby an die Wäsche.

Nun läuft die berüchtigte Liebesszene gekürzt über den Sender, und in Zukunft erhält Flückiger eine Dunkelhaarige mit mehr Stil als Style zur Seite. Anlass für das offizielle Unbehagen scheint jedoch etwas anderes gewesen zu sein, ein Politikum, wie gerade publik wird: Der Nachdreh versetzt einen dubiosen Filmcharakter aus dem Bauernhaus ins Vorstadt-Milieu, ordnet ihn zwar noch dem rechten Lager zu, entschärft aber Hinweise auf eine bestimmte Volkspartei. „Politische Zensur“ erkennt darin die „NZZ am Sonntag“ und im vermeintlichen Klischee nur einen Vorwand.

Einfach mal auf den Tisch hauen

In der besten diplomatischen Tradition der Schweizer Heimat schweigt sich der Hauptdarsteller über den Eklat aus, wohl wissend, dass ein Vergleich der beiden Fassungen die Motive erhellen wird. Sein Credo: „Aus jeder Situation, also auch aus dieser, kann ich etwas lernen.“ Nebenbei pariert er behutsam den Angriff einer Wespe auf sein Lunchpaket.

Mit seiner Fernsehfigur scheint Gubser auch eine bestimmte Haltung zu teilen. Eher Naturbursche als Bürotyp, aber eben kein Schimanski, der durchs Leben poltert: Bei allem Gerechtigkeitssinn weiß der geradlinige Flückiger alias Gubser, wann es besser ist, Meinungsverschiedenheiten nicht öffentlich auszutragen. Der ehemalige Internatsschüler scheut keineswegs den Konflikt, und selbst dem Scheitern kann er etwas abgewinnen. Beim nächsten Senderdisput will er Heikles früher ansprechen und den Mut fassen, „halt“ zu sagen. In Beziehungen gilt für ihn das Motto „No games“ - keine Machtspielchen.

Treuer Ehemann mit Schuhtick

Mutter, Ehefrau, die längst erwachsene Tochter: gleich drei Frauen sind stolz auf ihren Kommissar. Die Figur mag ihm nahestehen, deren Image eines lonely cowboy pflegt er allerdings nicht: „Meine Familie, meine Ehe geht mir über alles.“ Zum zweiten Mal verheiratet, und das seit sechzehn Jahren, vertraut Gubser sehr auf das Urteil seiner Frau Brigitte, einer Agenturchefin und Marketingexpertin. „Ich teile alles mit ihr. Und es ist toll, jemanden an der Seite zu haben, der einem bei Schwierigkeiten aus dem eigenem Sumpf heraushilft und auch den Blickwinkel wieder erweitert.“ Am besten gelinge das in der Natur, auf ausgedehnten gemeinsamen Spaziergängen. Ob Klara genau davon träumte, als sie ihren Reto im Januar-“Tatort“ zum Abschied küsste?

Dunkle Augen, graumeliert das Haar, eine sympathische wie virile Erscheinung: Gefällt ihm die Rolle des Frauenhelden? Stefan Gubser quittiert die Frage mit einem verschmitzten Lächeln zum kokett-hilflosen Blick. Das sei schwer zu beantworten, er strebe es nicht an. Zum Termin trägt der Schauspieler Sakko, Hemd und Hose in Naturtönen. Knallbunt sei nicht sein Ding, auch Shopping nicht, meist verlasse er sich auf den guten Geschmack seiner Kostümbildner und übernehme später die Garderobe. Nur wenn es um Schuhe oder Outdoorkleidung geht, erwacht sein fachkundiges Interesse.

Schauspieler aus ganzem Herzen

Wie es sich eben für einen echten Kerl geziemt. Einen, für den das Stück „Alte Freunde“ nicht nur eine Theaterverpflichtung bedeutet, sondern wahre Verbundenheit. Mit Bühnenkollege Andrea Zogg zum Beispiel, der schon zu Schulzeiten seine Passion fürs Schauspiel teilte. Damals erregte ihre gemeinsame „Publikumsbeschimpfung“ im Stadttheater Chur Aufsehen; nun übernimmt Zogg, der einst als Reto Carlucci die Kommissarenrolle im „Tatort“ hatte, den Part des Vorgesetzten. Zwei, die sich gut kennen und vor der Kamera „freundschaftlich reiben“ sollen.

Gubser gilt als ein Macher, dessen umgängliche Art und Professionalität am Set nur Lob findet, und sein unternehmerisches Geschick rühmen sogar jene, die seine Kunst in Frage stellen. „Ich spiele nicht für die Hochkritik, sondern für die Leute“, sagt der ehemalige Burgschauspieler, heute regelmäßiger Gast in Fernseh-Schmonzetten und Produzent von „gehobenem Boulevard“, unter anderem. Aufmüpfig der Junge - eigenständig der Mann, der authentisch in seinen Rollen bleibt. Galant, aber ungekünstelt: der Plausch am Seeufer ist keine Pose, sondern eine durchaus normale Mittagspause.

„Ich bin nicht aus der Welt“

Die drei Jahre, in denen er in einer Alphütte lebte, sich im Trog duschte und über Holzfeuer kochte, liegen lange zurück. Um Miete oder Telefonrechnung muss sich Gubser nicht mehr sorgen. Doch den Ausgleich zu Medientrubel und Filmgeschäft sucht er nach wie vor in der Einfachheit. Sei es im Tessiner Rustiko, wohin er sich mit seiner Frau zum Wandern zurückzieht, oder beim Segeln wie sein Alter Ego Flückiger. Auf dem Wasser komme sein rastloser Geist zur Ruhe. Statt Pläne zu schmieden, müsse er sich hier den natürlichen Kräften stellen und empfinde dabei Gelassenheit, auf dem Meer noch mehr als auf dem Zürcher See - weshalb der Mime gerade eine Woche vor der schwedischen Küste verbrachte, um mit einem Skipper die Hochseesegelei zu trainieren. Im Schärengebiet war plötzlich „Alles klar auf der Andrea Doria“, unverhofft trafen an Bord zwei Udo-Lindenberg-Fans aufeinander und sangen sich, der eine textsicherer als der andere, lauthals durchs Repertoire.

Begeistert erzählt Gubser, der alle Schallplatten verschenkte, dass er sich diese Aufnahmen bald wieder besorgen will. Wer alles Mögliche ausprobieren will, legt sich auch beim Sound seines Lebens nicht auf ein Genre fest. Dann konkurriert Lindenberg mit Jimi Hendrix, Philipp Glass, den Red Hot Chili Peppers und mit mehr als 1000 CDs in der digitalen Jukebox, wenn im Hause Gubser Musik gehört wird. Gerne laut, nicht nur im Hintergrund. „Die Schweiz ist klein, ich bin nicht aus der Welt“, tröstete Flückiger Kommissarin Blum. Jetzt ist Stefan Gubser ihr charmanter Botschafter, und alles kommt gut.

Unter Eidgenossen

Stefan Gubser, geboren 1957 in Winterthur, absolvierte das Max-Reinhardt-Seminar in Wien. In Deutschland ist der Schauspieler und eigenständige Produzent vor allem durch Rollen in Fernsehproduktionen wie „Eurocops“ und „Kurklinik Rosenau“ bekannt.

Im Bodensee-“Tatort“ hatte er Gastauftritte als Reto Flückiger, Chef der Thurgauer Seepolizei. Dieser wechselt nun zur Kripo Luzern: Gubser ist Kommissar der neuen Schweizer „Tatort“-Folgen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge