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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Startenor Francisco Araiza „Es ist wie Anlauf nehmen“

 ·  Der ehemalige Startenor Francisco Araiza unterrichtet junge Sänger. Er zeigt ihnen, wie sie mit der Stimme Anlauf nehmen. Doch manchmal verirren sie sich dabei.

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© Thomas Bartilla Auf der Suche nach der ureigenen Stimme: Araiza mit einer Schülerin

Über Francisco Araiza stand einmal in der Zeitung: „Er kann eine wunderbare Tenorstimme sein Eigen nennen.“ Aber das stimmt nicht. Araiza kann das nicht, er kann nicht „meine Stimme“ sagen. Er sagt „die Stimme“. Weil die Stimme ein Geschenk ist, das von den Göttern in ihn hineingelegt wurde, als er 1950 in Mexiko-Stadt auf die Welt kam.

Aber wenn man nicht aufpasst, nehmen einem die Götter die Stimme wieder weg. Da ist Araiza sicher. Man kann viel falsch machen. Manche Beschenkten sind zu scheu, das Geschenk überhaupt in die Hand zu nehmen, weil es so schön und fragil ist. Andere zeigen das Geschenk ständig und überall herum, bis es voller Kratzer ist. Wieder andere sind so stolz, dass sie sich als halber Gott fühlen und den Boden unter den Füßen verlieren. Araiza hat als junger Sänger seinen Weg gefunden: Das Geschenk hat ihn nicht erdrückt, und er hat das Geschenk nicht erdrückt. Inzwischen ist er ein alter Hase, stand auf den großen Opernbühnen der Welt. Um jungen Sängern auf ihrem Weg zu helfen, arbeitet der Tenor als Gesangslehrer am Internationalen Opernstudio in Zürich.

Die Probebühne des Studios ist klein und hoch, die Wände aus Beton, unterm Fenster steht ein Flügel. Araiza wartet auf eine Schülerin. Lutscht ein Bonbon, hüstelt.

Geht es der Stimme nicht gut?

Heute ist sie voller Dreck. Ich muss mich wieder um die Stimmhygiene kümmern.

Erinnern Sie sich noch, wie es war, als Sie Ihren Lehrern vorsingen mussten?

Es ist entblößend, es braucht sehr viel Vertrauen. Der Lehrer sieht alles. Ich höre die Stimme und schaue meinen Schülern in den Kern ihres Wesens. Sie stehen nackt vor mir. Es gibt nichts Persönlicheres als die Stimme.

Die Schülerin betritt den Raum und stellt sich an den Flügel. Sie will mit Araiza die „Manon“ von Jules Massenet üben. Araiza streicht seine Krawatte glatt und stellt sich zwei Meter entfernt von der Frau auf. Er ist schmaler, einige Köpfe kleiner als sie, und trotzdem wirkt er wie ein Baumstamm und sie wie ein Schilfrohr. Sie stellt sich hin wie ein kleines Mädchen, die Füße leicht nach innen gekehrt. Sie singt ein paar Takte, Araiza flüstert: „Was ist die Manon für ein Mädchen? Man will sie ins Kloster stecken, aber sie hat für sich längst den Entschluss gefasst, zu fliehen. Sie ist auf dem Weg zum Kloster und denkt die ganze Zeit über Flucht nach. Genau so müssen Sie es singen!“ Die Frau löst sich aus der Kleine-Mädchen-Haltung, singt von vorn. Immer wieder bricht sie ab. Araiza geht zu ihr hin, legt seine Hände auf ihre Oberarme. „Versuchen Sie doch einfach die runde Fassung, die passt viel besser zu Ihnen. Stehen Sie doch einfach dazu.“ Beim Abschied zwanzig Minuten später spricht er ihr Mut zu, sagt es noch einmal: „Sie sind kein hüpfendes Mädchen, dafür sind Sie viel zu sinnlich.“

Sie haben viel Macht.

Als Lehrer hinterlässt man Abdrücke in den Stimmen der Schüler. Ich will nicht zu viele hinterlassen. Ich will ihnen nur bei der Suche nach der ureigenen Stimme helfen.

Die ureigene Stimme?

Wenn alles zusammenpasst. Das ist ganz wichtig, verstehen Sie.

Ich glaube nicht.

Viele vertrauen der Stimme nicht. Ich will die Schüler dazu bringen, dass sie der Stimme vertrauen, dass sie lernen, sich wohl zu fühlen mit ihr. Viele sind noch unsicher und verstellen die Stimme. Produzieren Töne, die nicht zur Persönlichkeit und zum Körper passen. Ich muss es dann zusammenbringen.

Woran merken Sie, wenn es mal nicht zusammenpasst?

Haben Sie es vorhin nicht gemerkt? Die „Manon“ ist für eine leichte Stimme. Aber die Schülerin hat eine warme, satte, lyrische Stimme. Sie versucht, sich in die Welt der leichten Stimme hineinzuzwängen. Das ist ein Fehler.

Warum?

Weil die Stimme dann nicht unmittelbarer Ausdruck der Seele ist. Weil sie dann nicht ins Herz trifft.

Wie kommt die Seele in die Stimme?

Das ist ein Mysterium. Ich kenne natürlich die Technik, als Opernsänger muss man das. Aber es ist mehr. Wenn eine Stimme besonders beseelt ist, sagen wir: Die Stimme hat Tränen. Fritz Wunderlichs Stimme hatte Tränen.

Die Götter schenkten Araiza die Stimme, das war Schicksal. Erst viel später traf er einen Menschen, der ihm Vertrauen schenkte. Araiza studierte an der Musikhochschule in Mexiko-Stadt, noch nicht einmal zwanzig war er, die Stimme in ihm war ein unsicheres und scheues Wesen. Er hatte Freunde, die älter waren, mit selbstbewussten Stimmen. Araiza war überzeugt, dass er nie so gut würde singen können wie sie. Eines Tages wurde ein Tenor gesucht für ein Konzert. Araiza und seine Freunde traten zum Vorsingen an. Die Gesangslehrerin wollte ihn. Warum ich?, fragte er. Weil du die Begabung hast, sagte sie. Die Lehrerin hatte das Geschenk erkannt.

Warum sind Gesangslehrer Glück oder Pech?

Es gibt Lehrer, die so auf der Stimme rumtrampeln, dass sie sich nicht mehr erholt. Sie hinterlassen Spuren. Die jungen Sänger folgen ihnen. Selbst wenn die Spuren in die falsche Richtung führen.

Sie hatten Glück?

Meine erste Gesangslehrerin hatte viel Erfahrung. Trotzdem war sie bescheiden, in dem Sinn, dass sie mich suchen ließ.

Wie fanden Sie Ihr Vertrauen?

Das war ein Prozess. Ich erinnere mich an eine Episode: Ich stand mit gekreuzten Beinen vor meiner Lehrerin und sang ihr etwas vor. Bei einem besonders schwierigen Ton schubste sie mich leicht. Natürlich verlor ich die Balance. Sie sagte: Du musst fest verankert sein im Boden, dann ist deine Stimme auch in dir verankert. So begann ich, in mich hineinzuhorchen.

Die nächste Schülerin betritt den Raum. Araiza unterbricht sie schon nach den ersten Takten. Geht zu ihr hin, greift sie sanft am Hinterkopf. „Schicken Sie die Stimme hier hinein. Nehmen Sie die hintere Straße. Vorne ist es gefährlich.“

Das mit der „hinteren Straße“ müssen Sie erklären.

Die Stimme sitzt entweder vorne im Gesicht, in der Mitte oder hinten. Die hintere Zone wird selbst von Profis vernachlässigt. Meine Schüler müssen auch die hintere Straße nehmen. Man muss sie sich technisch erobern. Wenn man sie erreicht hat, gibt es keine Grenzen mehr. Hinten sitzt die Magie.

Aha.

Es ist wie Anlauf nehmen. Wie ein Sturm, der sich hinten zusammenbraut. Die Stimme muss den ganzen Konzertsaal durchschneiden. Damit sie diese Kraft bekommt, muss sie hinten beginnen. Wenn sie vorne beginnt, ist sie zu dünn und zu schwach.

Woran merken Sie, ob ein Sänger vorne oder hinten ist?

An den Tönen. Ich merke sofort, ob jemand die Absicht hat, auf die hintere Straße zu gehen, oder ob er sich verirrt hat.

Sie haben während der Probe ständig Arme und Hände bewegt.

Die Gebärden sind wichtig. Während der Aufführung hört man damit nicht auf, sondern führt die Bewegungen im Unterbewusstsein durch. Die Gebärden helfen, sich die Stimme im Körper vorzustellen, sie zu leiten, nach hinten zum Beispiel. Oder nach oben ins Dach, durch zwei Drehungen mit der Hand.

Araiza wirkt wie jemand, der nie zweifelt. Einen Satz wiederholt er an diesem Nachmittag in Zürich oft: „Kein Ton ohne Kopflösung.“ Bevor der Sänger zu singen beginnt, muss er wissen, wo er die Stimme hinschicken will. Er muss seinen Körper so eichen, dass es für sie nur einen einzigen Weg gibt.

Hat sich Ihre Stimme früher oft verirrt?

Meine Lehrerin hat mit mir in den ersten beiden Semestern sehr akribisch die Technik geübt. Nur Technik. Deshalb habe ich mich danach kaum mehr verirrt. Mein Kopf wusste immer Bescheid.

Wenn Ihre Schüler sich verirrt haben, wie holen Sie sie zurück?

Wenn ich einen Ton höre, weiß ich genau, wie der Körper, die einzelnen Organe geeicht sind. Wie liegt die Zunge im Gaumen? Gibt es eine Sperre im Kiefer? Sind die Flanken symmetrisch? Weil ich das weiß, weiß ich, wo ich mit der Lösung ansetzen muss.

Hmm.

Ich höre es einfach.

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