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Lutherforscher Schloemann : „Mit Luther hat der Spruch nichts zu tun“

Wenn die Theorien blühen: Martin Luthers vermeintlich bekanntester Satz über das Hoffnung spendende Apfelbäumchen stammt wohl gar nicht von ihm. Bild: Ullstein

Luthersprüche werden gerne zu den unterschiedlichsten Anlässen zitiert. Der emeritierte Theologieprofessor Martin Schloemann über den Satz mit dem Apfelbäumchen.

          Herr Schloemann, „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen“ – was für ein schöner Lutherspruch, gerade in den Tagen der beginnenden Apfelblüte.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Ja, sehr schön. Bei uns blühen die Bäume auch. Wunderbar. Nur mit Luther hat der Spruch nichts tun.

          Wie kommen Sie denn darauf? Das ist vielleicht der bekannteste Lutherspruch.

          Ich weiß. Als Luther-Forscher ist mir das Wort sehr häufig begegnet. Irgendwann fragte ich mich: Kann das wirklich von Luther sein? Bei Luther finden sich nämlich keinerlei Belege.

          Woher rührte Ihre Skepsis?

          Nun ja, das fängt schon mit dem „Apfelbäumchen“ an. Der Begriff schmeckt weniger nach dem historischen Luther, sondern eher nach dem bürgerlichen Lutherbild des 19. Jahrhunderts, wo er als frommer Hausvater den Familiengarten hegt und pflegt. Der entscheidende Punkt ist aber eine inhaltliche Frage: Luther fürchtete den Weltuntergang nicht. Er freute sich darauf.

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          Woher stammt das Wort dann, wenn es nicht von Luther stammt?

          Das wissen wir bis heute nicht. Das Wort ist vermutlich erst in den dreißiger Jahren entstanden. Der erste belegbare Nachweis stammt von Oktober 1944 aus einem Rundbrief der Bekennenden Kirche in Hessen. Pfarrer Karl Lotz aus Hersfeld setzte das Wort bei seinen Lesern damals bereits als bekannt voraus. Am Ende des Krieges konnte der Spruch zünden. Das Land lag in Trümmern, und die Leute sahen ihre vertraute Welt untergehen. Das Wort passte einfach in die Zeit. Ich kann mich noch erinnern, wie damals ständig Frauen ins Pfarrhaus meiner Eltern kamen, weil ihre Männer an der Front gefallen waren. Schrecklich. Das Lutherwort vom Apfelbäumchen vermittelte den Menschen damals Lebensmut in ihrer Not, damit sie weitermachen konnten.

          Wie ging es dann weiter?

          Nach dem Krieg ging es richtig los. Wichtige Multiplikatoren waren Landesbischof Hanns Lilje und der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann. Ich hatte noch die Gelegenheit, beide dazu zu befragen. Lilje sagte, er hat’s von Heinemann. Und Heinemann sagte, er hat’s von Lilje.

          Sie haben auch herausgefunden, dass der Spruch in seiner steilen Karriere von höchst unterschiedlichen Personen benutzt wurde.

          Das kann man wohl sagen. Das Spektrum reicht von Otto Grotewohl und RAF-Sympathisanten über den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme bis hin zu Rita Süssmuth, Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl, der das Wort immer wieder verwendete. Ein Album von Reinhard Mey heißt „Apfelbäumchen“, und Gottfried Benn hat das Gedicht „Was meinte Luther mit dem Apfelbaum“ über den Spruch verfasst: „Meinte er das, der alte Biedermann / u. blickt noch einmal seine Käte an? / und trinkt noch einmal einen Humpen Bier / u. schläft, bis es beginnt – frühmorgens vier“.

          Der Spruch wurde also für höchst unterschiedliche Zwecke eingesetzt?

          Ja. Unmittelbar nach dem Krieg war es vor allem ein Trostwort. Später spiegelte sich in der Verwendung die Spannung zwischen der anhaltenden Bedrohungslage und dem voranschreitenden Wiederaufbau in Deutschland.

          Weit beachtet wurde der Spruch als großes, mehrsprachiges Motto auf dem deutschen Pavillon bei der Brüsseler Weltausstellung 1958. Den Apfelbäumchen-Spruch haben sich später aber auch progressive Kräfte angeeignet. Die ökologische Bewegung legte den Spruch wörtlich aus und pflanzte tatsächlich Apfelbäume.

          Wie viele Apfelbäume sind dank des fiktiven Lutherspruchs gepflanzt worden?

          Schwer zu sagen. Die erste bekannte Baumpflanzungsaktion wegen des Spruchs gab es bereits 1951 in Bad Salzuflen. Später kamen dann die Ökos. Zur 500-Jahr-Feier der Reformation lässt der Lutherische Weltbund derzeit einen „Luthergarten“ in Wittenberg anlegen. Der schwedische König und die dänische Königin haben dort schon Bäumchen gepflanzt.

          Und niemanden stört, dass der Spruch gar nicht von Luther stammt?

          Offenbar nicht. Als problematisch empfinde ich, wenn Kirchenleute den Spruch weiterhin verwenden, obwohl sie wissen müssen, dass er nicht von Luther stammt. Besonders die EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann tat sich dabei hervor und fügte sogar noch ein „Ja, das hat er gesagt“ dazu. Wenn man von Luther nur noch den Apfelbäumchen-Spruch kennt, dringt Luthers eigentliches Denken nicht mehr durch.

          Und was machen wir jetzt mit dem Spruch?

          Luther war großzügig und humorvoll. Man könnte einfach sagen: Das Wort ist eine alte chinesische Weisheit.

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