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Stalingrad : Seine Rettung war auch das Erzählen

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„Jetzt musst du auch weiterleben“: Hans-Erdmann Schönbeck sah sein Überleben in Stalingrad später als Verpflichtung an. Bild: Jan Roeder

Hans-Erdmann Schönbeck war 20 Jahre alt, als er im Zweiten Weltkrieg aus Stalingrad ausgeflogen wurde. Die Erinnerung belastet ihn nicht mehr.

          An Weihnachten vor 70 Jahren machte sich der damals 20 Jahre alte Offizier Hans-Erdmann Schönbeck in einem Unterstand im Kessel von Stalingrad verzweifelt auf die Suche nach Wasser zum Rasieren. „Wasser haben wir da nur noch dadurch bekommen, dass wir den Schnee aufgetaut haben. Falls wir überhaupt noch das Feuerholz dafür finden konnten.“ Die Pferde, mit deren Fleisch die deutschen Soldaten die mageren Rationen aus gefrorenem Brot aufstockten, mussten manchmal halb gefroren verzehrt werden. Die deutsche Armee hungerte und fror mit der verbliebenen russischen Zivilbevölkerung.

          Kein Wunder, dass Hans-Erdmann Schönbeck heute sagt: „Das ist schon ziemlich mutig von Ihnen, mich interviewen zu wollen - Sie können sich das ja alles überhaupt nicht mehr vorstellen.“ Immerhin: Er will über „das alles“ reden.

          Von seinem Wohnzimmersessel im elften Stock des Münchner Augustinums hat Hans-Erdmann Schönbeck selbst dann noch einen spektakulären Blick auf das Alpenpanorama, wenn der Himmel so verhangen ist wie an diesem Dezembernachmittag. In weiter Ferne auch der Zwanzigjährige. Beinahe unmöglich, den elegant gekleideten Neunzigjährigen gedanklich 70 Jahre zu verjüngen, in die schwarze Wehrmachtsuniform der deutschen Panzertruppe zu stecken und ihn aus seiner lichtdurchfluteten Wohnung, die er mit Fotos seiner Kinder und Enkel dekoriert und mit antiken Möbeln aus seinem früheren Haus eingerichtet hat, 3000 Kilometer nach Osten zu versetzen.

          Anfangs schien der Krieg ein Spaß: Fahnenjunker Hans Erdmann-Schönbeck zu Beginn des Russland-Feldzugs auf einem Panzer.
          Anfangs schien der Krieg ein Spaß: Fahnenjunker Hans Erdmann-Schönbeck zu Beginn des Russland-Feldzugs auf einem Panzer. : Bild: Jan Roeder

          Doch die Suche nach dem Rasierwasser glaubt man ihm sofort. Auch mit 90 Jahren sitzt Schönbeck trotz der 23 Operationen, die er hinter sich hat, noch aufrecht in seinem Sessel, trägt Krawatte, Weste und Sakko und freut sich über jungen Besuch. „Ich hatte ja gehofft, dass Sie so jung sind. Ihre Stimme klang so am Telefon.“

          Das Wasser für die Rasur fand sich im Winter 1942 dann auch irgendwie, auch ein weißes Hemd, eine kleine Steppenkiefer und Kerzen. Für „O du fröhliche“ war noch Kraft. Fast kitschig sei das gewesen, erinnert sich Schönbeck. Und während man sich noch fragt, ob man ihm das weiße Hemd, die Kiefer und die Kerzen wirklich abnehmen soll, ist er schon bei seinem Lieblingsthema, der menschlichen Verbundenheit inmitten der Grausamkeit: „Selbst die russische Armee ließ uns in Ruhe an dem Abend, und mit den paar russischen Zivilisten, die noch im Kessel waren, teilten wir unser letztes Brot. Zu dem Zeitpunkt war alles schon derartig schlimm, dass wir weniger Russen und Deutsche waren, sondern einfach nur noch Menschen.“

          Die Menschlichkeit hatte Grenzen. Um den fehlenden Feuerholznachschub auszugleichen, rissen Schönbeck und seine Männer den russischen Familien, die noch in der Stadt überlebten, ihre Holzhäuser buchstäblich über dem Kopf ab. Die Blockhäuser wurden zu Kleinholz verarbeitet. Auf Lastwagen, die mit den letzten Treibstoffreserven fuhren, brachte man sie zu den deutschen Stellungen. „Den Kindern haben wir die Schokolade aus unseren eisernen Rationen mitgebracht, als wir noch welche hatten“, sagt Schönbeck. Bei minus 25 Grad und Schnee vermutlich ein schwacher Trost für die Obdachlosigkeit.

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