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„St. Oberholz“ in Berlin „Das Haus war wie eine Konservendose“

Das Café „St. Oberholz“ in Berlin-Mitte gilt als geographisches Zentrum der digitalen Boheme. Doch das Gebäude kennt nicht nur Start-up-Groupies, sondern hat auch eine Historie, weiß der Café-Gründer.

© Julia Zimmermann „Da gab’s jeden Abend Schlägerei“: Gründer Ansgar Oberholz.

Draußen diesiger November, drinnen lauter junge Menschen, deren Gesichter mit einem hellen Schimmer überzogen sind. Alle, wirklich alle, haben einen Bildschirm vor sich, sie starren auf Laptops, iPads, Smartphones. Selbst der Typ mit dem Gitarrenkoffer holt als Erstes sein Tabletgerät raus. Das „St. Oberholz“ ist zu einem Klischee des Medien-Prekariats geworden: Es ist ihr Büro. Mittendrin sitzt Ansgar Oberholz. Er war mal Werber, vor sieben Jahren gründete er das Café.

Herr Oberholz, ich habe mir eine Limonade und ein belegtes Fladenbrot bestellt. Wie lange kann ich jetzt hier im Café ohne schlechtes Gewissen arbeiten?

Also, zwei Stunden wären völlig o.k.

Und dann noch einen Kaffee und ein Stück Kuchen?

Ja, zum Beispiel. Nach zwei Stunden noch mal etwas zu bestellen wäre auf alle Fälle gut. Aber es gibt auch Gäste, die einen Espresso kaufen und sagen, wenn man sie nach vier Stunden bittet, ihre private Wasserflasche vom Tisch zu nehmen: Wieso, ich habe doch einen Espresso gekauft. Einige bringen sogar ihr eigenes Essen mit, die sind da gar nicht verschämt. Als sei das „Oberholz“ ein öffentlicher Raum wie eine Unibibliothek. Unser Standardsatz ist: Würdest du das in einem anderen Café auch machen?

Sie fordern die Gäste mit einem Gedicht auf der Getränketafel zum Konsum auf. Wann wurde das nötig?

In Berlin darf’s immer nichts kosten. Anfangs war der Laden voll, die Leute saßen vor ihren Laptops – aber der Umsatz war schlecht. Es gab Momente, in denen wir dachten, wir müssen das Internet wieder ausschalten. Da haben wir den Spruch hingehängt, das hat auf alle Fälle was gebracht.

Wenn man sich hier ins kostenlose Wlan einloggt, steht da: „Ihre verbleibende Zeit: 29412 Stunden und 14 Minuten.“ Die Wifi-Router hängen über der Espressomaschine. Wenn hier einer mal aufsteht, passt der Banknachbar auf die Hardware auf, Ehrensache.

In den Nachrichten läuft bei Internet-Themen oft eine Szene aus dem „Oberholz“. Nervt das nicht?

Es nervt mich nur, wenn es heißt, da sitzen die ganzen jungen Leute, die nicht arbeiten, oder: Das sind die ganzen illegalen Downloader.

Merkt man, wer arbeitet und wer daddelt?

Hin und wieder. Aber heute arbeiten hier weniger Freelancer, wie Cutter, Texter oder Grafiker. Die haben immer eher später angefangen. Jetzt ist vor allem die Start-up-Szene hier, die kommen früh und arbeiten viel, sie haben dauernd Druck. Viele haben eine Idee für ein Start-up oder eine App, sitzen hier rum, treffen andere. Und ein bisschen Groupietum gibt’s auch.

Groupies?

Ja, Start-up-Groupies, das sind junge Männer. Ich verfolge das auf Twitter, wenn einer schreibt: „Wo soll ich denn hin in Berlin, wenn ich einen von ,Soundcloud’ kennenlernen will?“ Das ist ein Flaggschiff der Start-up-Szene hier. Und dann heißt es eben: „Du musst ins Oberholz, da hängen die alle rum.“ Den Mythos, bei uns Investoren zu finden, gibt es eigentlich nicht. Aber immerhin: „Early Bird“, einer der wichtigsten Frühfinanzierer, sitzt nur drei Häuser weiter - und ich glaube nicht, dass die zufällig nebenan eingezogen sind.

Sie haben zuletzt ein Stockwerk mit Büroplätzen zum Mieten eingerichtet. Wollten Sie die Anzahl der Laptops im Café minimieren?

Nein, dort ist ja nur Platz für 22 Leute. Wir wollten eine andere Möglichkeit schaffen, zu arbeiten. Und dann ergab sich die Möglichkeit, die Etage dazuzumieten. Es gab schon einige, die unten im Café anfingen, dann eine Anschubfinanzierung bekommen haben und nach oben gezogen sind - und nach sechs Monaten Erfolg hatten oder pleite waren. Scheitern ist in der Szene akzeptiert.

Haben Sie das Social-Media-Image nicht mal satt? Viele kommen deshalb gar nicht.

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