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St. Joseph in St. Pauli : Die Gruft an der Großen Freiheit

St. Joseph in St. Pauli: Katholische Kirche an einem moralisch labilem Ort. Bild: Lucas Wahl

Zwischen Bars und Bordellen gibt es in Hamburg neuerdings ein Beinhaus. Unter der Kirche St. Joseph entsteht ein mittelalterlich anmutendes „Memento mori“ mitten im modernen St. Pauli.

          Die katholische Gemeinde St. Joseph in Hamburg hat unter ihrer Kirche neuerdings ein Beinhaus und damit aus einer Not eine Tugend gemacht. Denn der unsägliche, seit Jahrzehnten währende Zustand der Gruft sollte endlich beendet werden. Im Grunde war die Gruft zu einer Müllhalde verkommen, und zwar seit den schweren Zerstörungen der Kirche durch britische Bomben im Zweiten Weltkrieg. Als die Gruft für jedermann offenstand, kamen erst die Grabräuber. Später nutzten Schwarzmarkthändler die Räume. Gruft und Kirche befinden sich an einem ganz besonderen Ort, mitten in St. Pauli. Die Adresse lautet Große Freiheit 43. In der Nachbarschaft liegen die Bars und Bordelle. Anfang der fünfziger Jahre wurde der Zugang zur Gruft vermauert. So blieb es jahrzehntelang, bis 2011 die Kirchgemeinde die Forschungsstelle Gruft beauftragte, sich der alten Grablege anzunehmen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zur Forschungsstelle Gruft gehören drei Archäologen: Regina und Andreas Ströbl aus Lübeck und Dana Vick aus Hamburg. Seit Jahren arbeiten sie zusammen und sind inzwischen in ganz Deutschland in den Grüften unterwegs, um sie zu erforschen und oft auch zu restaurieren. Um St. Joseph kümmerten sich vor allem Andreas Ströbl und Dana Vick. Den beiden bot sich ein Bild der Verwüstung: kaputte Särge, umherliegendes Gebein und Siedlungsmüll aller Art, dick aufgetürmt und in wenigen Räumen buchstäblich zusammengekarrt. „Man konnte die Gebeine nicht mehr den Toten zuordnen“, erzählt Ströbl.

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          Da die Archäologen aber auch einen Raum in der Mitte der Gruft entdeckten, der offenbar in den Zeitläufen vergessen worden war und noch ganz 18. Jahrhundert ist, entstand im Gespräch mit dem Dombaumeister Thomas Jochen und dem Pfarrer von St. Joseph, Karl Schultz, nach und nach die Idee, ein Beinhaus daraus zu machen. Ein Beinhaus oder Ossuarium nach den alten, großen Vorbildern wie etwa Sant’Ariano in Venedig, Santa Maria Immacolata a Via Veneto in Rom, den Katakomben von Paris, Mistelbach und Hallstatt in Österreich. Allerdings sind die Vorbilder uralte Beinhäuser. Jetzt sollte ein Beinhaus im 21. Jahrhundert entstehen, ein geradezu mittelalterlich anmutendes „Memento mori“ mitten im modernen St. Pauli, einem, wie Ströbl es sagt, „moralisch labilen Ort“. Das schließe sich nicht aus, setzt er hinzu: „Wir jedenfalls finden das sehr barock.“

          St. Joseph war der erste katholische Kirchenneubau in Norddeutschland nach der Reformation und ist die einzige katholische Barockkirche in Hamburg. Dass St. Joseph gerade in der Großen Freiheit gebaut wurde, erklärt sich aus dem Straßennamen: Die große Freiheit schloss eben auch Religionsfreiheit ein.

          Einige der Gebeine stammen vom alten Friedhof

          Von 1660 an gab es an der Stelle zunächst eine Kapelle. Beim Altonaer Stadtbrand 1713 wurde sie zerstört. Danach entstand die heute noch zu sehende Kirche auf einem wesentlich größeren Grundriss und unter Einbeziehung von Teilen des ursprünglichen Friedhofs um die Kapelle herum. In der Gruft fanden gutbetuchte Gemeindemitglieder ihre letzte Ruhe. So César Lubin Claude Rainville (1767 bis 1845), der aus Frankreich nach Hamburg gekommen war und Pariser Lebenskunst in seinem berühmten Gartenrestaurant nach Altona gebracht hatte. Oder Johann Joachim Faber (1778 bis 1846), ein seinerzeit berühmter, heute weitgehend vergessener Maler.

          Vor allem aber Kardinal Louis Joseph de Montmorency-Laval (1725 bis 1808). Letzterer wurde offenbar in einem besonderen Gewölbe beigesetzt. Das wurde zwar schon vor Jahren entdeckt, aber nun bestätigen es auch die Archäologen: Es ist aller Wahrscheinlichkeit nach die Kardinalsgruft. Beisetzungen gab es in der Gruft von St. Joseph bis 1868. Etwa 350 Tote konnten die Archäologen ermitteln. Nicht alle waren tatsächlich ursprünglich in der Gruft beigesetzt. Einige der Gebeine, die jetzt im Beinhaus liegen, stammen vom alten Friedhof.

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