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Wort des Jahres : „Bin ich der Flüchtling nicht, der Unbehauste?“

Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos. (Archiv-Foto) Bild: dpa

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat „Flüchtlinge“ zum „Wort des Jahres 2015“ gewählt. Inhaltlich ist das gut so. Sprachlich originell ist es nicht.

          Flüchtlinge“ – ein starkes Wort der Wirklichkeit bei mehr als einer Million Menschen, die in diesem Jahr nach Deutschland geflohen sind. „Flüchtlinge“ – ein schwaches „Wort des Jahres 2015“, wenn man an die starken Neologismen denkt, die von der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GfdS) am Freitag auf die folgenden Ränge der beliebten Wörterliste gesetzt wurden: „Je suis Charlie“, der Solidaritätsslogan nach dem Terroranschlag am 7. Januar auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris, kam auf Rang zwei; auf Rang drei folgt das so kurze wie prägnante „Grexit“, das einen möglichen Austritt des krisengeschüttelten Griechenland aus der Eurozone in ein international verständliches Wort fasst.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Diese beiden Wortneuschöpfungen beweisen ihre Stärke schon durch ihre Produktivität. Denn „Je suis Charlie“ wurde vielfach variiert und persifliert, zum Beispiel in „Je suis Paris“ nach den abermaligen Anschlägen im November oder in gegensätzlicher ideologischer Absicht mit „Je suis Muslim“. Der „Grexit“ fand seine Fortsetzung in der immer wieder aufflammenden Debatte zum „Brexit“, dem Euro-Austritt der Briten. „Je suis Charlie“ ist zudem ein Beispiel für selten gewordene Lehnwörter aus dem Französischen – das allermeiste übernimmt das Deutsche ja aus dem Englischen.

          „Flüchtlinge“ wirkt vergleichsweise schwach. Da hat die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ womöglich das Wort mit der Wirklichkeit verwechselt. Zweifellos gibt es eine riesige Gruppe von Menschen aus anderen Ländern, die, so die gewundene Definition der Genfer Flüchtlingskonvention, „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Ethnie, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will“.

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          Aber das heißt eben noch nicht, dass das Wort Flüchtlinge besonders originell wäre. „Wir wollten natürlich gesellschaftspolitisch ein Zeichen setzen“, sagt dazu der GfdS-Vorsitzende Peter Schlobinski. Das Wort sei aber auch sprachwissenschaftlich interessant, meint der Linguist, weil die Endung „-ling“ eine passive Komponente habe (wie in „Findling“) und sogar einen negativen Beigeschmack (wie in „Emporkömmling“ oder „Schreiberling“.) Neuerdings sei daher öfter von „Geflüchteten“ die Rede. Somit hätte die Wahl der „Flüchtlinge“ auch den sprachpflegerischen Sinn, uns vor steifen substantivierten Adjektiven zu bewahren.

          Sprachhistorisch sind „Flüchtlinge“ ein Dauerbrenner. Das Wort stammt vom Lateinischen „fuga“ (Flucht) und kam über Althochdeutsch „fluht“ und Mittelhochdeutsch „vluht“ zu uns. Schon im Nibelungenlied aus dem frühen 13. Jahrhundert ist das Leitmotiv kriegerischer Gesellschaften präsent: „Dò dandern daz gesâhen, diu fluht huop sich von dan.“ Später wurde es auch metaphorisch verwendet: „Jugend, Lust und schöne Wangen, Stehn fast stündlich auf der Flucht“, dichtete Johann Christian Günther zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Goethes „Faust“ zog das Wort ins allgemein Existentielle: „Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehauste? / Der Unmensch ohne Zweck und Ruh, / Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste, / Begierig wütend nach dem Abgrund zu?“

          In Jean Pauls „Titan“ ist gar von „einer schönen Flüchtlingin“ die Rede. Aber dass es die weibliche Form heute nicht mehr gibt, kann kein Grund sein, im Sinne der Gendergerechtigkeit „Geflüchtete“ an die Stelle von „Flüchtlingen“ zu setzen. Wenn das „Wort des Jahres 2015“ ausgewählt wurde, um das Sprachgefühl zu stärken gegen politisch korrekte Holprigkeiten – dann ist es womöglich die richtige Wahl.

          Bild: dpa

          Quelle: F.A.Z.

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