Auf dem Weg von der Spielhalle nach Hause kann man den Abgrund sehen. In Jebrails Augen tut er sich auf, in seinem Gang, in seinem Schweigen. Seine Schritte führen ihn an einem Wettbüro vorbei, zwischen Kindern hindurch, die einen Sieg bejubeln. Jebrail bleibt stumm. Sein Blick sagt alles. Daheim im Hausflur dann dreht er sich um zu seinem Bruder und knallt ihm eine. „Was hast du mit dem Geld gemacht?“, schreit er. So laut und so verzweifelt klingt er, dass die Mutter des Schauspielers, in deren Hausflur die Dreharbeiten stattfanden, besorgt die Treppe herabrannte und wissen wollte, was passiert sei.
Was in dem Film „Verzzokkt“ passiert, da sind seine Berliner Macher Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya überzeugt, ist nur eine Variation von dem, was täglich in den sozialen Brennpunkten der Hauptstadt und in heruntergekommenen Vierteln überall in der Republik passiert: Glücksspiel führt in den Abgrund. Erst kommt der finanzielle Ruin. Dann zerbricht die Familie. „Ich finde den Film unglaublich authentisch. Die Wucht der Realität, die man in jedem Moment spürt, ist unglaublich“, sagt der SPD-Politiker Daniel Buchholz, der maßgeblich dafür gesorgt hat, dass der gut dreißig Minuten lange Schwarzweißstreifen am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus gezeigt wurde. Von allen Seiten Anerkennung: Was für ein Film. Was für ein Thema. Was für ein Projekt.
„Im Leben gibt es kein Happy End“
Die Geschichte im Film ist düster: Jebrail ist zwei Jahre unschuldig ins Gefängnis gegangen, weil er dafür 50.000 Euro bekommen soll. Er will sich und den beiden Brüdern, einer davon mit Down-Syndrom, einen Neuanfang ermöglichen. Aber während der Ältere hinter Gittern saß, hat der Jüngste fast das gesamte Geld verzockt, und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Ein krimineller Plan, eine Waffe, und am Schluss ist alles schlimmer als zuvor. „Im Leben selbst gibt es kein Happy End“, sagt Regisseur Sarikaya.
Die Geschichte des Films hingegen strahlt wie ein Leuchtfeuer: Ein Streetworker ohne Ausbildung und ein Personenschützer aus der Spandauer Neustadt träumen vom Filmemachen. Weil sie eher wie Kriminelle denn wie Filmhochschüler aussehen und keine fehlerfreien E-Mails schreiben, lässt die Filmförderung sie auflaufen. Aber die beiden Männer sind überzeugt, dass sie etwas zu erzählen haben. „Wir haben etwas verstanden, und wir haben etwas erlebt“, sagt Sarikaya. Also kratzen sie ihre Ersparnisse zusammen, gewinnen einen professionellen Kameramann und verpflichten Kirtans jüngere Brüder sowie zwei seiner Kumpel als Darsteller. Abgesehen von Muhammed, dem Bruder mit Down-Syndrom, handelt es sich um notorische Spieler. Die Polizei führt sie als Intensivtäter.
Für die nächsten acht Monate hätten Kirtan und Sarikaya vermutlich auch Förderung als Resozialisierungsprojekt beantragen können. Jeden Tag ist Probe, um halb zehn geht es los. Auf das gemeinsame Frühstück folgen Kraftsport und Boxen. Dann Atemtraining, Stimmtraining. Stoffentwicklung. Und immer wieder Theaterpädagogik: die Arbeit mit Masken, die nach dem Prinzip der Commedia dell’Arte helfen sollen, sich von der eigenen Persönlichkeit zu lösen und sich Gefühlen zu öffnen. „Das war schwer, Gangster dazu zu bringen, dass sie sich Frauenperlonstrümpfe über den Kopf ziehen“, sagt der 38 Jahre alte Regisseur. „Man musste sie biegen.“
Harte Jungs zumal, die keinen festen Tagesablauf kannten, weil sie keine Arbeit hatten und den Vormittag verschliefen. Da ließ der Jebrail-Darsteller dann einen Kumpel ausrichten, er habe einen Arzttermin; dabei hatte sein großer Bruder, der Produzent, ihn eben noch schlafend im Bett gesehen. „Ein paar Mal waren wir davor, alles hinzuschmeißen“, erzählt Kirtan.
Seit einem Jahr tatsächlich im Gefängnis
Aber irgendwann, sagt der Einunddreißigjährige, hätten die angehenden Schauspieler kapiert, dass da jemand war, der an sie glaubte. Eines Morgens kamen die Filmemacher zur Probe, und die Schauspieler warteten schon auf sie. „Die sind durch die Hölle gegangen“, sagt Sarikaya. „Aber jetzt sind sie Künstler. Die haben’s drauf.“
Es gibt nur leider im Leben kein Happy End. Der Jebrail-Darsteller, die „Superkinofresse“, wie Sarikaya ihn nennt, sitzt seit einem Jahr tatsächlich im Gefängnis. Ein Gericht hat ihn wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt für eine Tat, die nach Angaben des Regisseurs vor den Dreharbeiten lag - zu sieben Jahren Haft. Die Revision läuft. Die Filmemacher haben derweil ihre improvisierte Schaltzentrale aus einer kleinen Bäckerei in das Ladengeschäft gegenüber verlegt, ins Büro von Kirtans großem Bruder. Dessen Beruf: Aufsteller von Glücksspielautomaten.
Spielhalle an jeder Straßenecke
Ein sonniger Märzmontag. Mesut Gürbüz, der den kleinen Bruder von „Jebrail“ im Film zum Spielen verführt, verlässt den Sportwettenladen, der auch im Film zu sehen ist. Quoten checken. Schließlich findet am Wochenende das große türkische Fußballderby statt. Gürbüz ist 19, ein sanfter Riese mit großen Augen und einem erweiterten Hauptschulabschluss. Als Schauspieler, sagt sein Produzent, sei er ein Naturtalent. Gürbüz kennt sich aus mit der Spielerei. „Man will auf schnelle Art das Geld machen“, sagt er. Und: „Man zählt ja nicht, wenn man verliert. Man zählt, wenn man gewinnt.“ Und: „Wenn du nichts zu tun hast, kommst du automatisch hierher. Die Quoten machen einen verrückt. Durch den Film habe ich das begriffen. Dann habe ich mich bemüht, eine Ausbildung zu finden.“ Mit einer Fünf in Mathe und Deutsch ist das gar nicht so leicht. Gürbüz jobbt auf Vierhundert-Euro-Basis bei McDonald’s. Er behauptet, die Hälfte seiner Einkünfte lasse er im Wettbüro. Dann muss er los: Vorstellungsgespräch bei einem Pizzaservice.
“Die Hochrisikogruppe für Spielsucht sind junge Männer mit Migrationshintergrund“, sagt Kerstin Jüngling, Leiterin der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Und Arbeitslose. Kein Wunder also, dass es in Spandau Straßenzüge gibt, wo an jeder Ecke eine Spielhalle eingezogen ist. Der Bezirk ist bis heute Berlins wichtigster Industriestandort. Aber Kabelbäume werden inzwischen in Asien geknüpft, Jobs für Ungelernte sind rar - während die Mieten noch immer so niedrig sind, dass Sozialhilfeempfänger aus anderen Stadtteilen zuziehen. Jüngling sagt: „Es gibt eine Branche, die sich sehr genau Sozialstrukturen anguckt und in genau den Bezirken explodiert, in denen die Menschen arm sind. Das ist eine Riesenveränderung zu vor fünf Jahren.“
Gleichzeitig wärmer und rauher
Nun ist „Verzzokkt“ aber gar kein Film über Spielsucht. Es gibt zwar diese Auseinandersetzung zwischen den Brüdern, nach der Ohrfeige, als der Kleine beschreibt, wie ihm das Geräusch der Automaten den Kopf verdreht, während der Große ihm einbleut, auf lange Sicht könne der Spieler gar nicht gewinnen. Aber im Vordergrund steht ein sehr intimer Einblick in ein Milieu: die verstümmelte Sprache, die Verfügbarkeit von Waffen, die Perspektivlosigkeit. Aber auch: die Liebe unter Brüdern, ein Behinderter als Herz der Familie, ein Umgangston, der gleichzeitig wärmer und rauher ist als in gewöhnlichen Migrantenfilmen.
Kubilay Sarikaya hasst diese Zuordnung. Das Wort Migrationshintergrund würde er am liebsten aus dem Wörterbuch streichen lassen. „Wir wurden daran erinnert, dass wir Ausländer sind, als wir den Film vorgestellt haben“, sagt er. Sarikaya ist im Wedding groß geworden. Er hat in Kreuzberg-Neukölln gewohnt und lebt jetzt in Spandau. Seiner Erfahrung nach haben zwischenmenschliche Probleme und Verwahrlosung nichts mit Zuwanderung zu tun. Für ihn geht es um die Frage, ob Kinder in zerrissenen Familien aufwachsen. Ob sie Vorbilder haben. Ob sie Anerkennung finden. Und Antworten auf die drängenden Fragen nach der eigenen Identität. Für Sarikaya hat das nichts mit Herkunft zu tun.
„Nicht dieser Klischee-Erkan-und-Stefan-Kanacke“
Deshalb hat er damals die große Chance seines Lebens verstreichen lassen. Das war 1996. Das Kind, das sich mit seinen Freunden Scorsese-Filme aus der Videothek geholt hatte, der Jugendliche, der sich die Klassiker mit De Niro und Pacino reinzog, der Mann, der für Fassbinder, Jarmusch und Wenders schwärmt - er wollte damals Schauspieler werden. Er stand regelmäßig in einem deutsch-türkischen Theaterprojekt auf der Bühne und hätte eine Rolle in der RTL-Serie „Im Namen des Gesetzes“ haben können. Gleich mehrere Folgen, man wollte ihn unbedingt.
Sarikaya, der mehr oder weniger auf der Straße aufgewachsen war, der Vater elf Jahre im Knast, träumte schon vom eigenen Auto. Aber er hätte einen Dealer spielen sollen, der einen Deutschen attackiert, weil dieser seine kopftuchtragende Schwester geschwängert hat. Sarikaya lehnte ab. „Ich bin das nicht“, sagt er. „Ich bin nicht dieser Klischee-Erkan-und-Stefan-Kanacke.“
Mild scheint die Nachmittagssonne auf den Sportwettenladen, vor dem Kirtan und Sarikaya Plastikflaschen mit Wasser aufschrauben. Schräg gegenüber befindet sich ein „Casino“ mit zugeklebten Scheiben. Die Männer erzählen von Bekannten, die ihr Auto, ihre Ersparnisse, die Mitgift ihrer Frau verspielt haben. Und immer, am Monatsende, Hartz IV. Nebenbei flachsen sie mit dem Bäcker, plauschen mit Schulmädchen, grüßen cruisende Autofahrer. Als Kirtans behinderter Bruder Muhammed über die Straße kommt, gibt es lange, zärtliche Umarmungen.
Der Produzent und seine zehn Geschwister sind in diesem Kiez aufgewachsen. Der Regisseur sagt: „Hier ist immer etwas zu tun.“ Wenn er Zeit hat, begleitet Sarikaya Jugendliche zu Gerichtsterminen oder schleift notorische Schwänzer persönlich bis zum Schultor. Aus Trauer, „weil ich in diesen Kindern auch uns sehe“.
Noch ist unklar, wie es weitergeht
Warum sind diese Selfmade-Filmer nicht wie die kaputten Typen, die sie vor die Kamera geholt haben? Weshalb hat Kirtan es vor drei Jahren geschafft, mit dem Spielen aufzuhören? Wieso hat Sarikaya nie angefangen? „Die Kunst, die Arbeit“, sagt Kirtan, der Charmebolzen. „Das ist die Kunst“, sagt auch Sarikaya, der Charismatiker, der schon als Junge auf der Bühne stand. „Ich habe diesen Applaus und diese Energie bekommen.“
Noch ist unklar, wie es weitergehen wird mit „Verzzokkt“. Es gibt keinen Verleih, es gibt keinen Plan. Aber es gibt einen Traum. Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya würden ihre Geschichte gern zum richtigen Neunzigminüter ausbauen. Drehbeginn: am liebsten noch diesen Sommer. In ihrem Kiez, mit ihren Leuten. Und wenn sie es eines Tages schaffen sollten, sechsstellige Summen aufzutreiben für ihre Filme, dann, sagt Sarikaya, würden sie es genauso machen. Und die Jugendlichen dort auf Jahre von der Straße holen.