01.08.2007 · Es läuft gerade nicht so rund im spanischen Königshaus. Erst veröffentlichte die Zeitschrift „El Jueves“ eine Zeichnung, die das spanische Prinzenpaar beim Geschlechtsakt zeigt. Nun unterstellen Kritiker Thronfolger Felipe, ein Faulpelz zu sein - und das Land diskutiert über Krone und Zensur.
Von Leo Wieland, MadridWenn zum Auftakt der politischen Sommerpause in Spanien die Hauptstadt Madrid verödet und König Juan Carlos I. mit seiner Jacht Kreise um Mallorca zieht, ist das die beste Zeit für Attacken gegen die Monarchie. Die erste Breitseite kam diesmal von einem Karikaturisten, der den Kronprinzen Felipe ins Visier nahm. Er zeichnete ihn für die Titelseite der Zeitschrift „El Jueves“ beim Geschlechtsakt mit seiner Frau Letizia und unterstellte ihm ironisch die Absicht, sich die von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero für jeden neugeborenen Spanier verheißenen 2500 Euro verdienen zu wollen. „Wenn du schwanger wirst“, ließ der Zeichner den Prinzen von Asturien sagen, „dann wird es das erste Mal sein, dass ich so etwas Ähnliches wie gearbeitet habe.“
Mit der Beschlagnahme des Blattes auf höchstrichterliche Anordnung an den Kiosken erhob sich prompt ein Sturm von Verfassungsdebatten über Krone und Zensur. Als Verfechter der Meinungsfreiheit profilierte sich besonderes der baskische Senator Iñaki Anasagasti. Der Nationalseparatist aus dem Norden erklärte auf seiner Internetseite die königliche Familie pauschal zu einer „nicht vorzeigbaren Bande von Faulpelzen“, beschwerte sich, dass Juan Carlos gerade auf Staatskosten sein vierzehntes Segelschiff bestellt habe, und fand, dass der „Skandal“ nicht in der „sehr guten“ Karikatur bestehe, sondern darin, dass die Mitglieder der Krone wieder einmal „zwei Monate Ferien“ machten.
Zahmer Bär namens „Mitrofan“
Ein Richter am Nationalen Gerichtshof frischte derweil eher unfreiwillig die Erinnerung an eine Sommergeschichte des vorigen Jahres auf, als er bei der Staatsanwaltschaft nachfragte, was eigentlich aus der Sache mit dem angeblich betrunkenen Bären geworden sei, den der König im vergangenen August irgendwo in Russland erlegt haben soll. Der russische Staatsanwalt hat das Verfahren längst eingestellt und behauptet, es habe nie eine Jagd gegeben, an der Juan Carlos teilgenommen habe. Also könne er auch den zahmen Bären namens „Mitrofan“, der nach Angaben eines Waldhüters mit einer Mischung aus Honig und Wodka gefügig gemacht worden sei, nicht erschossen haben. Den Richter beschäftigt dennoch - neben der Sache mit der Prinzenkarikatur - die Frage, ob die baskische Zeitung „Deia“ sich damals mit einer Fotomontage von einem betrunkenen Monarchen mit Pelzmütze und Bärenfell das Delikt der Majestätsbeleidigung habe zuschulden kommen lassen.
Den baskischen Senator Anasagasti kann indes niemand belangen, weil er als Parlamentarier Immunität genießt. Während ihm als weitere Verfechter uneingeschränkter Pressefreiheit noch ein paar katalanische Nationalisten und der Parteichef der grünen Kommunisten, Gaspar Llamazares, beisprangen, stellten sich die Vertreter der großen Parteien - Sozialisten wie Konservative - auf die Seite der Beschützer des guten Rufes ihrer Königsfamilie. Der Sekretär der Arbeiterpartei, José Blanco, verlangte „maximalen Respekt“ für eine Monarchie, die „sehr positive Arbeit für Spanien geleistet“ habe. Der Generalsekretär der Volkspartei, Angel Acebes, befand, dass in der ganzen Affäre eigentlich nur „der Señor Anasagasti nicht präsentabel“ sei. Und Senatspräsident Javier Rojo, ein Sozialist, hielt die Aussagen des Basken schon deshalb für „unangemessen“, weil sie „nichts mit der Wirklichkeit und den Gefühlen der spanischen Gesellschaft“ gegenüber der Krone zu tun hätten. Wie genau ist es um diese Gefühle bestellt?
In Zeiten großer Zentrifugalkräfte
Als die Zeitung „El País“ im November 2005 aus Anlass des dreißigjährigen Thronjubiläums von Juan Carlos die Demoskopen fragen ließ, welche die angesehenste Institution im Staate sei, schnitt die Krone mit Abstand am besten ab: vor dem Parlament, den Medien, der Regierung, den politischen Parteien und der Justiz. Fast zwei Drittel der Spanier gaben an, die Monarchie als Symbol der nationalen Einheit und Juan Carlos in seiner Dreifachrolle als König, Staatschef und Oberkommandierender der Streitkräfte für nötig und nützlich zu halten. Gerade in Zeiten großer Zentrifugalkräfte - vom baskischen Terrorismus bis zum katalanischen und galicischen Regionalnationalismus - hat der König als Integrationsfigur zusätzlich an Gewicht gewonnen. Zwischen den Generationen deutet sich aber eine zunehmende Kluft an. So hat sich bei den nach der Franco-Diktatur und dem Übergang zur Demokratie geborenen Spaniern inzwischen zum ersten Mal eine relative Mehrheit von „Republikanern“ vor „Monarchisten“ herausgebildet.
Für ältere Spanier indes ist das bleibende Verdienst des - von dem Diktator noch selbst bestimmten - Franco-Nachfolgers Juan Carlos sein Verhalten in der Nacht des Putschversuchs neofranquistischer Militärs vom 23. Februar 1981. Damals befahl der König während einer Fernsehansprache in Generalsuniform den Streitkräften, in den Kasernen zu bleiben, bekannte sich zur Demokratie und verurteilte damit den bewaffneten Aufstand des Oberleutnants Tejero in den Cortes zum Scheitern. Hätte Juan Carlos damals nicht den Mut gehabt, sich dem Staatsstreich entgegenzustemmen, wäre die moderne spanische „Meritokratie“ im Rahmen einer parlamentarischen Monarchie gewiss nicht entstanden. „Señor Anasagasti“, der wie der König im nächsten Jahr siebzig wird, wäre vielleicht ein pensionierter Kellner in Bilbao, aber sicher nicht spanischer Senator - so hieß es jedenfalls aus gegebenem Anlass in Madrid.
Gusseiserne Beine
Die iberische Monarchie steht gleichwohl nicht auf gusseisernen Beinen. Was der leutselige Juan Carlos, der unter anderem allein durch seinen rastlosen diplomatischen Einsatz als Weltreisender den „Faulpelz“-Vorwurf entkräftet, an persönlicher Achtung gewonnen hat, wird sich sein Nachfolger Felipe erst noch auf seine Weise erwerben müssen. Auch die Finanzierung des Unternehmens Krone erscheint nicht ein für alle Mal gesichert. Gerade in den vergangenen Wochen haben die katalanischen Nationalisten der Unabhängigkeitspartei „Esquerra Republicana“ wieder neue Vorstöße unternommen, den Geldhahn ein wenig zuzudrehen.
Sie forderten mit Unterstützung der nationalistischen Basken und der grünen Kommunisten, dass das Königshaus seinen Besitz und seine Einkünfte offenlegen solle. Ferner schlugen sie vor, die im Staatshaushalt des kommenden Jahres wieder zur freien Verwendung für den König vorgesehenen 8,3 Millionen Euro auf 89303 Euro zusammenzustreichen und damit dem Jahresgehalt von Ministerpräsident Zapatero gleichzusetzen. Daraus wird aber nichts werden, hat sich doch der Sozialist Zapatero unlängst selbst zum „Monarchisten“ erklärt und Juan Carlos bescheinigt, ein „hervorragender Staatschef“ zu sein. Dieser sorgt wiederum peinlich genau dafür, dass seine Rechnungen bezahlt werden. Als er kürzlich aus dem Rathaus von Palma de Mallorca aufgefordert wurde, die Benutzungsgebühren für seine beiden Motorräder auf der Insel in Höhe von 15,68 Euro zu begleichen, wurde unverzüglich das königliche Budget belastet.
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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