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Sopranistin Diana Damrau : „Die Kinder sind wie Therapie“

  • -Aktualisiert am

Auf der Bühne: Damrau als Julia in „Roméo et Juliette“ an der New Yorker Metropolitan Opera Bild: SARA KRULWICH/The New York Times

Diana Damrau ist eine berühmte Sopranistin. Hier spricht sie über Tourneereisen mit zwei Söhnen und darüber, warum sie mit ihrer Familie irgendwann doch sesshaft werden möchte.

          Es ist kurz nach zehn Uhr morgens in Los Angeles. Diana Damrau erscheint zum Gespräch via Skype ungeschminkt und im schwarzen Tanktop, im Hintergrund ist der Staubsauger zu hören. Damrau, die aus dem schwäbischen Günzburg stammt, hat derzeit ein Engagement an der LA Opera. Ab Mitte Mai ist sie mit ihrem Mann, Bassbariton Nicolas Testé, auf Europatournee, mit dabei die beiden Söhne Alexander, 6, und Colyn, 4.

          Frau Damrau, bei der anstehenden Tournee treten Sie zusammen mit Ihrem Ehemann Nicolas Testé auf. Familiärer Glücksfall oder organisatorischer GAU?

          Das ist ein besonderer, emotionaler Glücksfall. Die Herausforderung besteht für uns zwei darin, das in dem Moment auch wirklich zu genießen. Wir sind wie zwei Reiter auf ihren Springpferden, wir müssen die Zügel in der Hand halten, sonst geht’s schief. Da wir uns auch gegenseitig kritisch zuhören und Feedback geben, ist das nicht immer unanstrengend. Was hat Nicolas da gemacht, warum singt er jetzt so? Und danach wird diskutiert. Aber natürlich ist es am Ende sehr erhebend, wenn der Partner das Gleiche liebt wie man selbst.

          Ihre Söhne sind vier und sechs Jahre alt und auf Reisen immer mit dabei. Wie geht das?

          Die Kinder lieben das. Mit Alexander war ich in München mal auf dem Spielplatz. Es gab einen großen Holzzug mit Lokomotive und zwei Anhängern, Alex spielte den Zugführer und rief den anderen Kindern zu: „Alle einsteigen!“ Kam eine Mutter und fragte, ob ihre zwei Kinder auch mitfahren könnten. Sie: „Wo geht’s denn hin?“ Er: „Nach New York. Nächste Haltestelle: Central Park.“ Großes Erstaunen bei der Mutter. „Danach Times Square und dann Wien.“ Da war der Kleine vier. „Mit Ihrem Sohn fahre ich gern in den Urlaub“, sagte die Mutter und hat sich kaputtgelacht.

          Keine gewöhnliche Kindheit also.

          Die zwei sind durch das Reisen sehr offen geworden, das finde ich schön. Sie sprechen drei Sprachen fließend, Französisch, Deutsch und Englisch. Wir führen ein Zigeunerleben, sind Gipsys auf einem anderen Niveau. Die ganze Sippe ist unterwegs, manchmal kommen auch meine Eltern dazu und helfen oder die Schwester von Nicolas oder Nichte und Neffe. Wir sind ein echtes Familienunternehmen.

          Wie sieht der Tour-Alltag aus bei Familie Damrau-Testé?

          Ein Tag ohne Proben schaut so aus, dass wir gemeinsam frühstücken, dann muss Alexander zwei Stunden Schule machen, er nennt es „Arbeiten“. Colyn darf in der Zeit noch spielen, oder wir schauen, dass er schon ein bisschen Vorschule übt. Ich mache währenddessen ein bisschen Büro, aber wenn die Kinder fertig sind, bin ich es auch. Dann haben wir den restlichen Tag für uns. In Los Angeles haben wir uns Fahrräder gemietet, fahren damit am Meer entlang, gehen auf die Spielplätze, in den Zoo, spielen Fußball, kaufen ein. Wir unternehmen viel zusammen.

          Wer passt auf die Kinder auf, wenn Sie Proben oder Vorstellung haben?

          Bisher hatten wir nur Nannys, seit diesem Jahr reist eine Privatlehrerin mit uns. Alex nimmt schon im zweiten Jahr an dem französischen Home-Schooling-Programm des Institut français teil, sehr traditionell, eines der ältesten Programme in Frankreich. Wir bekommen die Aufgaben mit, und die Privatlehrerin geht mit den beiden den Stoff durch. Die Korrekturen der Hausaufgaben und die Noten werden über das Internet hin- und hergeschickt. Ab nächstem Jahr September sind beide an der französischen AEFE-Auslandsschule angemeldet.

          In der Familie: Damrau mit Ehemann Nicolas Testé und Söhnen
          In der Familie: Damrau mit Ehemann Nicolas Testé und Söhnen : Bild: Ulrich Wagner

          Und wenn die Jungs älter werden?

          Unser Plan ist es, dass wir in spätestens fünf Jahren in Zürich sesshaft werden. Solange die Kinder noch so jung und flexibel sind, ist es noch nicht so schwer, sie mitzunehmen. Noch passen sich die Kinder an uns an, mit Hilfe einer Privatlehrerin. Aber je älter sie werden, umso mehr drehen wir den Spieß um und passen uns den Buben an, damit sie neben dem ganzen Schulischen ihre Freunde haben, Sport machen, ihre Instrumente lernen können.

          Wie macht sich eine Primadonna sesshaft?

          Das geht schon. Nicolas und ich sind ja zwei, wir müssen uns dann aufteilen. Einer muss immer bei den Kindern sein, oder ich nehme frei. Ich kann zum Beispiel sehr nah, also in München, Mailand oder Zürich, singen und werde dann zu Hause nicht so viel fehlen.

          Klingt nach viel Organisation.

          Das ist es auch. Spezialfälle sind nirgends gerne gesehen, schon gar nicht bei den deutschen Behörden. Da muss man sich echt durchbeißen. Es war schon schwierig, die Pässe für die Buben, die einen Doppelnamen tragen, zu bekommen. Das hat drei Jahre gedauert. In ein Regelschulsystem, schon gar in ein deutsches Schulsystem, passen wir nicht. Wir wollen die Kinder in kein Internat stecken oder bei den Großeltern parken, wir wollen zusammen sein, sonst braucht man gar keine Kinder in die Welt setzen. Bis jetzt sind wir ganz gut damit gefahren. Aber wir müssen immer Ausnahmeregelungen finden.

          Wenn Sie das mit Ihrer eigenen, behüteten Kindheit in Günzburg an der Donau vergleichen...

          Stimmt schon, ich hatte eine ruhige, beschauliche Kindheit, das hat mir sicher nicht geschadet. Ich hätte mir das auch für meine Kinder gewünscht. Aber andererseits ist es toll, wenn ich heute sehe, was die Kinder alles aufschnappen. Die nehmen einen XXL-Packen Erfahrung mit für ihr eigenes Leben.

          Wie kann man bodenständige Mutter bleiben, wenn man auf der Bühne die kapriziöse Diva geben soll?

          Ich bin keine Diva. Ich bin eine Sängerin, die in die Rollen steigt, damit die Leute glauben, das ist jetzt wirklich die Gretel und nicht die Damrau. Oder die Königin der Nacht. Oder die Arabella. Das war schon immer mein Ansatz. Die Damrau verschwindet glaubwürdig hinter der Rollenfigur, da ist kein Platz für Diven-Getue. Die Kapriziösen gibt es natürlich immer noch, aber die haben selten Familie.

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          Und das können Sie trennen, die Primadonna im Rampenlicht, die liebevolle Mama zu Hause?

          Die Bühne ist mein Beruf, aber wenn ich zu Hause bin, bin ich die Mama, der Mensch, die Diana. Da wird den Kindern nichts mehr vorgespielt, sondern ich bin da für sie, vom Popoputzen übers Essenkochen bis Ins Bett-Bringen. Und natürlich sprechen wir viel, um ihnen die Werte mitgeben zu können, die mir wichtig sind.

          Welche Werte sind Ihnen wichtig?

          Absolute Ehrlichkeit, aufeinander Rücksicht nehmen, sich gegenseitig zuhören. Das habe ich aus meinem Elternhaus mitgenommen. Weg vom Egoismus; ein normaler, zivilisierter Mensch werden. Es geht auch darum, sich in eine Gesellschaft einzugliedern, ohne sich unterbuttern zu lassen. Auf keinen Fall möchte ich zwei spoiled kids, zwei verwöhnte Fratzen. Aber das wird nicht passieren.

          Können Sie auch richtig streng?

          Aber klar, auch wenn es einem manchmal selbst weh tut. Aber die Grenzen müssen aufgezeigt sein. Das Lustigste ist dann, wenn mein strenges „Zurück!“ kommt, von der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“, die haben sie schon auf der Bühne gesehen, dann erschrecken die beiden. „Hilfe, die Mama mutiert, jetzt singt sie gleich ganz hoch und wird ganz böse und dämonisch.“ Dann komme ich mir vor wie die böse Stiefmutter im Märchen. Das passiert nicht oft, aber manchmal verwischen die Grenzen zwischen Bühne und Zuhause.

          Passen Kinder zu so einem Beruf überhaupt?

          Ich wollte immer Kinder. Als ich in Nicolas den richtigen Partner getroffen hatte, war klar, wir probieren es. Und dann war Alexander auch schon unterwegs. Wir wollten auch kein Einzelkind, das wir allein mit uns durch die Erwachsenenwelt der Oper schleppen. Wir haben gesagt, zwei sind ein Team, dann können sie miteinander spielen, dann ist es eine kindgerechte Welt. Am liebsten hätten wir sogar noch mehr Kinder, aber dann müssten wir einen Riesencontainer mieten und Cargo fliegen (lacht).

          Haben Sie jemals daran gedacht, der Kinder zuliebe die große Karriere aufzugeben?

          Wenn wir gemerkt hätten, dass wir unseren Kindern einen Schaden zufügen, dann hätten wir das Nomadenleben abgebrochen. Aber muten wir unseren Kindern nicht auch viel zu, wenn wir sie noch im Babyalter in Kinderkrippen bei fremden Menschen abgeben? Wo man nicht weiß, wie sie den Tag verbringen, wie diese mit den Kindern umgehen, ob sie dafür überhaupt geeignet sind? Sie werden weggesteckt, weil die Eltern arbeiten müssen. Unser Leben ist da nicht schlechter als das von der Stange. Aber wir sind uns bewusst, dass unsere Söhne ein gesetteltes Leben brauchen; die Wurzeln liegen immer in der Familie.

          Wie groß ist die Angst, dass Ihre Kinder sich später beklagen, dass Sie nie für sie da waren? Ein oft gehörter Vorwurf in Prominentenfamilien.

          Klar, die Angst ist da. Unsere Kinder sind mit eingebunden in unseren Beruf, sie akzeptieren das als Arbeit, sie dürfen es nicht als Selbstdarstellung oder Egotrip sehen, das versuchen wir, ihnen klarzumachen. Wenn die Schule schwieriger wird, wenn sie in die Pubertät kommen, in solch wichtigen Lebensphasen darf man als Elternteil nicht fehlen. Das wissen wir.

          Die Kritiker sind begeistert: Mit der Geburt der Kinder habe Ihre Stimme noch einmal an Profil und Präsenz gewonnen. Können Sie das erklären?

          Ich weiß es auch nicht. Die Stimme ist tiefer und runder geworden. Das Mama-Werden und der hormonelle Wechsel haben sicher dazu beigetragen. Und die Perspektive als Mutter auf das Leben ist eine ganz andere. Die Kinder sind das Wichtigste und nicht mehr der Beruf oder die eigene Stimme. Bei mir haben sich durch die Geburten einige Dinge gelöst, ich bin durch die Kinder viel ruhiger und lockerer geworden. Ich hab keine Zeit mehr, Panik zu haben. Ich bin tagsüber für die Kinder da, und abends geh ich auf die Bühne, und esist nur noch schön. Die Kinder sind für mich eine Art Therapie, nicht ständig um sich selbst zu kreisen.

          Moderne Mütter stecken heute in einer Zwickmühle: Es wird ihnen suggeriert, Kind und Karriere gehen problemlos zusammen, und am Ende wird man beiden nicht gerecht. Sind Sie in der glücklichen Lage, es allen recht machen zu können?

          Mein Publikum ist momentan ganz zufrieden mit mir. Meinen Mann sehe ich auf der Bühne und zu Hause. Und die Kinder sind auch glücklich, profitieren von einem spannenden, ungewöhnlichen, aber behüteten Leben. Ich habe kein schlechtes Gewissen, ich bin ja immer da, weiß, wo die Kinder sind, wer sich um sie kümmert. Vielleicht würde ich auch als Mutter viel schlechter funktionieren, hätte ich meinen Beruf nicht, der mich so erfüllt. Nicht selten kommen junge Sängerinnen, die die Anlagen für eine Karriere haben, mit der Kinderfrage auf mich zu und fragen: Kann ich mir das erlauben, geht das überhaupt, wie macht ihr es? Ich sage dann immer: Klar geht das, traut euch!

          Quelle: F.A.S.

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