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Persönlichkeitsanalyse : Deine Sprache verrät dich

Vorsintflutlicher Vorgänger von Psyware: Sharon Stone muss sich in „Basic Instinct“ 1992 einem Lügendetektor-Test unterziehen. Bild: Picture-Alliance

Wie fleißig ist dieser Bewerber? Lügt der Versicherte, der einen Schaden meldet? Eine Software hilft Firmen, solche Fragen zu beantworten. Genial – und unheimlich. Ein Selbstversuch.

          Der Mann, der unser aller Leben entscheidend verändern könnte, trägt Schal, Sakko, Burlington-Socken mit rosafarbenem Muster und Jeans. Er wirkt wie ein harmloser Büromensch, und doch wird er mir gleich etwas zeigen, was mich erschüttern wird. Etwas, das zeigt, dass er unsere Zukunft zu einer Art brave new world machen könnte.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn alles so läuft, wie er sich das vorstellt, wird seine Erfindung in wenigen Jahren viele Bereiche unseres Lebens geradezu sciencefictionhaft umgewandelt haben: zum Beispiel wie wir einen Job finden, wie wir einen Partner finden, was unsere Krankenkasse über uns erfährt und warum wir gekündigt werden.

          Dirk Gratzel, so heißt der Mann, der mir in einem Konferenzraum in Aachen gegenübersitzt, hat Jura studiert und war danach erst Personalchef in einem großen Unternehmen und dann selbständiger Personalberater. Er ist 47, verheiratet, Vater von fünf Kindern und Chef der Firma Psyware, die aus der Sprache eines Menschen auf dessen Persönlichkeit schließt. Psyware ist zwei Jahre alt, ein Start-up, etwa 30 sogenannte High Potentials arbeiten dort - ITler, Psychologen, Linguisten und Leute, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen.

          Objektiver als Psychologen

          Was sie geschafft haben: anhand einer Sprachaufzeichnung von wenigen Minuten Dauer ein Persönlichkeitsprofil eines Menschen zu erstellen, das zu neunzig Prozent an das herankommt, was Psychologen mit verschiedenen Testverfahren in tagelanger Arbeit herausfinden, wenn sie diesen Menschen nach allen Regeln der Kunst auseinandernehmen.

          Gratzel und sein Team müssen den Menschen, dessen Profil sie anfertigen, gar nicht kennen. Sie müssen ihn nur ein paar Minuten sprechen hören. Das ist bahnbrechend und bietet einen Haufen Möglichkeiten, die Funktionsweise unserer Gesellschaft auf den Kopf zu stellen.

          Gratzel weiß das. Er ist sehr stolz auf das, was seine Firma tut. Er sagt Sätze wie: „Das ist das Faszinierendste, was uns jemals untergekommen ist.“ Er sagt: „Unsere Software liefert objektive Ergebnisse. Anders als ein Fragebogen, wo Sie selbst Auskunft über sich geben. Das Ergebnis ist objektiver als das, was Psychologen messen können, denn wie wir sprechen, das können wir kaum bewusst steuern, sobald wir länger als ein paar Minuten reden.“

          15 Minuten Gespräch mit einer Maschine

          Er sagt: „Wie die Maschine analysiert, unterscheidet sich fundamental von der Art, in der Sie jemanden betrachten. Das sind hochleistungsfähige MRTs auf Molekularebene, da brauchte man viele Jahre, wenn man das alles selbst herausfinden wollte.“

          Dann steht er auf, geht in sein Büro und kehrt mit einer grünen Klarsichtfolie zurück an den Besprechungstisch. Darin stecken sechs DIN-A4-Seiten voller Balkendiagramme, Fünfecke und Tabellen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Jetzt wird es spannend und gleichzeitig fast beängstigend. Ich hatte vor dem Treffen gefragt, ob es möglich sei, dass auch meine Sprache analysiert werde. Das war es. Man hatte mich gebeten, eine knappe Viertelstunde lang mit einer Computerstimme zu telefonieren und Fragen zu beantworten wie: „Beschreiben Sie einen typischen Sonntag“, „Beschreiben Sie ein besonders schönes Erlebnis, das Sie in den letzten Wochen hatten“ oder „Welche Sorgen hatten Sie in den vergangenen Wochen?“. Psyware hat meine 1531 gesprochenen Wörter aufgezeichnet und durch das Analyseprogramm mit dem Namen „Precire“ gejagt. Jetzt legt Gratzel das Ergebnis vor.

          Ergebnis im Vergleich zur Allgemeinheit

          Die einzelnen Abschnitte in meiner Auswertung tragen Überschriften wie: „Wortverwendungshäufigkeiten“, „Verwendung von Wortarten“, „Ihr persönliches Sprachprofil“, „Eigene Antriebsquellen“, „Typische Persönlichkeitseigenschaften“ oder „Widerstandskraft bei Belastungen“.

          Gratzel nimmt sich viel Zeit für die Erklärung. Blatt für Blatt, Grafik für Grafik, Diagramm für Diagramm geht er mit mir durch und erklärt mir, was ich für ein Mensch bin. Er sagt: „Ihre innere Verfassung ist gut, das sehen wir an den Sprach- und Stimmeigenschaften.“ Er sagt: „Sie waren nicht aufgeregt, als Sie die Telefonfragen beantwortet haben, das sehen wir an der Perturbation der Stimme.“ Er sagt: „Sie sagen selten ,man‘, das heißt, Sie sind verbindlich, klar, emotional und personenorientiert.“

          Er sagt auch ein paar Sachen, die weniger schmeichelhaft sind. Aber fast immer liegt er in meinen Augen richtig. Als ich jedoch bei einem Messergebnis sage, dass ich nicht glaube, dass es zutreffend sei, entgegnet er: „Wir messen ja nicht, was Sie über sich denken, sondern wie Sie im Vergleich zur Allgemeinheit der Probanden sind. Das ist viel objektiver.“

          Alles was vom Kunden erwünscht wird

          Und viel unheimlicher. Die Software dringt nämlich in Bereiche der Psyche vor, mit denen sich der betreffende Mensch noch gar nicht beschäftigt hat. „Ein Viertel bis ein Drittel der Erkenntnisse, die die Maschine generiert, ist für die untersuchte Person neu“, erzählt Gratzel.

          Privatleute können die Dienstleistung von Psyware nicht kaufen. Nur Firmen - Banken, Versicherer, die Polizei oder eine große Online-Partnerbörse haben schon zugegriffen. Die Unternehmensberatung Kienbaum ist ebenfalls Kunde, die Krankenkasse DAK, die Hotelgruppe Accor oder IBM. Und der Personaldienstleister Randstad verkündet: „Diese junge Technologie schafft völlig neue Möglichkeiten für den Personalbereich.“

          Zeig uns, wie du sprichst, und wir sagen deinem Chef, wer du bist: „Wir können alles beantworten, was von unseren Kunden gewünscht wird“, versichert Gratzel. Fragestellungen, die sie an ihn herantragen, sind zum Beispiel: „Wie einsatzbereit ist dieser Bewerber?“, „Was verrät die Sprache eines Kunden über ihn?“, „Wie risikobereit ist ein bestimmter Börsenmakler?“, „Ist dieser Krankenversicherte depressiv?“, „Lügt dieser Versicherte, wenn er eine bestimmte Schadensmeldung absetzt?“

          Partnerwahl mit der Maschine

          Eine Online-Partnerbörse wird demnächst folgenden Service anbieten: Bewerber müssen kein Persönlichkeitsprofil mehr von sich anlegen, um möglichst passende Partnervorschläge zu bekommen, sondern „sie müssen nur noch drei Fragen am Telefon beantworten.

          Dirk Gratzel, Chef der Firma Psyware, in einem Aachener Rechenzentrum
          Dirk Gratzel, Chef der Firma Psyware, in einem Aachener Rechenzentrum : Bild: Edgar Schoepal

          Den Rest macht dann unsere Maschine“, sagt Gratzel. Wie er seine eigene Frau kennengelernt hat? Er überlegt ein bisschen und lacht dann: „Ganz konservativ. Klappt trotzdem. Ich bin einer der glücklichsten Menschen, die ich kenne.“ Ob die Maschine das erkannt hat? Er nickt. Natürlich habe er selbst seine Sprache auch analysieren lassen. „Meine Resilienzwerte sind sehr hoch.“

          Wenn die Software lernen soll, ein neues psychologisches Merkmal zu identifizieren, untersucht Gratzels Team sämtliche Äußerungen der Leute, die als Versuchspersonen zur Verfügung stehen: E-Mails, Chats, Blogs, ihre freie Rede, ihre freie Schrift. Und natürlich machen Psychologen auch viele Tests mit den Probanden: klinische Tests, Persönlichkeitstests, Intelligenztests und Belastungstests. Psyware hat in den vergangenen zwei Jahren etwa 5000 Menschen psychologisch vermessen.

          Satzlänge und Wortwahl

          Alle Teilnehmer, bei denen Psychologen auf herkömmlichem Weg ähnliche Persönlichkeitsmerkmale gefunden hatten, wurden in Gruppen eingeteilt, und dann wurde ihre Sprache auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Vergleichsgruppen untersucht, in denen Menschen mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen steckten. So wurden sprachliche Merkmale extrahiert, die mit gewissen charakterlichen Merkmalen korrelieren.

          Die Auswertung der einzelnen Sprachaufnahmen macht die Software dann selbständig. Deswegen kann Gratzel nicht begründen, wie die Ergebnisse zustande kommen. Er kann beispielsweise nicht sagen: Sie haben diese oder jene Wörter so und so oft benutzt, deswegen sind Sie ein besonders ängstlicher Mensch.

          Wissenschaftlich ausgedrückt, macht Psyware eine formalquantitative Analyse von Sprache. Die Software misst zum Beispiel Satzlänge und positive und negative Wortwahl, oder sie misst, wie oft jemand Wörter aus einem bestimmten Wortfeld oder bestimmte Wortarten verwendet. Der Inhalt dessen, was jemand sagt, spielt indessen überhaupt keine Rolle.

          Erfindung des digitalen Biergartens

          Neu ist das nicht, das gibt Gratzel gerne zu. James Pennebaker, ein klinischer Psychologe von der University of Texas, untersuchte schon Anfang der achtziger Jahre, was der Schreibstil von Traumapatienten über ihre mögliche Genesung aussagte. Und die University of Arizona und die Harvard University forschen seit vielen Jahren im Bereich der formalquantitativen Sprachanalyse.

          Aber Gratzel sagt, dass Psyware alles, was die Amerikaner machen, in den Schatten stelle: „Pennebaker forscht sozusagen am Motorenprüfstand. Und wir bauen Formel-1-Autos.“ Gratzel zufolge gibt es keine zweite Firma auf der Welt, die die formalquantitative Analyse von Sprache zur Entschlüsselung der Psyche verwendet.

          Sein Ziel aber ist kein geringeres, als Maschinen dieses Wissen einzupflanzen. Sie sollen verstehen lernen, wie der Mensch funktioniert. Bis jetzt, sagt Gratzel, sei der Aufenthalt des Menschen in der digitalen Welt „kalt, nicht vergleichbar mit einem Abend im Biergarten“. Aber das soll sich ändern. Gratzel will den digitalen Geräten begreiflich machen, was der Abend im Biergarten in uns Menschen auslöst. Pflegeroboter oder selbstfahrende Autos sollen so künftig verstehen, wie wir uns fühlen, wenn wir ihnen Befehle geben.

          Je ungewöhnlicher, desto schwammiger

          Sie sollen es erkennen, falls wir gerade ängstlich, unsicher oder aufgeregt sind. Und ihr Handeln dann daran anpassen. „Sie sollen nicht nur unsere Sprache, sondern auch unsere Emotionen verstehen lernen“, sagt Gratzel, „sie sollen herausfinden können, wie es uns Menschen geht.“

          Selbstredend gibt es Kritiker, die sich an dem, was Pennebaker macht, abarbeiten; eines ihrer Argumente lautet: „Seltene Sprachmerkmale offenbaren Entscheidendes und werden von der Maschine vielleicht nicht erkannt.“ Ein anderes: „Manchmal sind die Ergebnisse mehrdeutig: Sagt jemand häufig ,ich‘, kann das bedeuten, dass er narzisstisch ist. Es kann aber auch bedeuten, dass er besonders selbstsicher oder verantwortungsbewusst ist.“

          Gratzel entkräftet beide Einwände mit dem Argument, dass seine Maschine 180 000 Merkmale untersucht und dann bis zu fünfzig verschiedene Parameter in die Berechnung einer bestimmten Charaktereigenschaft einbezieht, so dass sich das Ergebnis aus unzähligen kleinen Mosaiksteinchen zusammensetzt. In seinen Augen liegt die Grenze der Maschine daher woanders: „Wenn Menschen sehr, sehr ungewöhnliche sprachliche Phänomene zeigen, wird das Ergebnis schwammig.“

          Wissen, das verschwiegen wird

          Bei der Analyse meiner Sprache aber hat die Maschine sehr präzise Angaben gemacht. Auf der letzten der sechs für mich ausgedruckten Seiten haben Gratzels Mitarbeiter eine Übersicht über 22 bei mir gemessene Persönlichkeitsmerkmale erstellt. Da heben sich grüne Balken vertikal von einer Nulllinie ab, mal nach links, mal nach rechts.

          Sie zeigen, wie ich mich laut Berechnung der Maschine vom Durchschnitt der untersuchten 5000 Probanden unterscheide, zum Beispiel in puncto „Offenheit für Erfahrung“ (sehr hoch), Statusorientiertheit (sehr niedrig), Kontaktfreude (riesig), Verausgabungsbereitschaft (ordentlich), Neugier (groß) oder Selbstorganisation (sehr gut).

          Ich kann nicht anders, als beeindruckt zu sein, denn ich finde, dass das alles stimmt. Gleichzeitig mutmaße ich aber, dass Gratzels Mitarbeiter hier nur meine positiven Eigenschaften aufgelistet haben und mir die negativen verschweigen. Dass sie also vermutlich jetzt etwas über mich wissen, was ich nicht weiß, ist mir unheimlich.

          „Es wird die Welt verändern“

          Gratzel legt aber noch einen obendrauf. Er sagt: „Wenn wir jetzt genügend Profile Ihrer Kollegen hätten, könnten wir Sie auch nur mit Ihren Journalistenkollegen vergleichen und uns anschauen, ob Sie auch in der Gruppe der Journalisten noch zu den besonders neugierigen oder kontaktfreudigen gehören.“ Und das finde ich nun fast schon ein bisschen verstörend. Denn man kann sich leicht vorstellen, wie sehr sich seine Kunden über diese Anwendung freuen - die er natürlich passgenau auf deren Bedürfnisse zuschneidet.

          Die Unternehmensberatung McKinsey sagt heute schon voraus, dass Firmen wie Psyware in zehn Jahren so viel Umsatz machen werden wie die Volkswagen AG. Ich muss an etwas denken, was Gratzel zu Beginn des Gesprächs gesagt hat: „Was wir machen, berührt jeden. Es wird die Welt verändern.“ Wenn ich gewusst hätte, was dieser Mann anhand dessen, was ich der Telefonstimme erzählt habe, mit Hilfe der Software über mich herausgefunden hat, dann hätte ich mir wohl dreimal überlegt, ob ich den Test mache.

          Quelle: F.A.S.

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