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Veröffentlicht: 13.09.2016, 11:40 Uhr

Das Leben als Landarzt „Die Gefahr ist groß, dass dieser Beruf einsam macht“

Im Kino erzählt ein Film gerade die Geschichte eines französischen Landarztes – eines Mannes, der nur für seine Praxis lebt. Wie ist das in echt? Ein Gespräch mit Landarzt Thomas Assmann.

von
© Edgar Schoepal Thomas Assmann, Landarzt im Oberbergischen, freut sich, wenn jemand nur in seine Praxis kommt, um zu sagen: „Mir geht es gut.“

Zur Filmvorführung kommt Thomas Assmann in seinem Praxis-Outfit. Bis kurz nach elf hat er Patienten behandelt, jetzt ist es zwölf Uhr am Mittag, und er steht in weißer Hose und weißem Poloshirt im Foyer eines Kölner Kinos. In knapp drei Stunden muss er zurück sein in Lindlar im Oberbergischen, wo er seine Landarztpraxis hat.

Denise Peikert Folgen:

Der Plan für die Zeit dazwischen ist ambitioniert: Wir wollen den Film „Der Landarzt von Chaussy“ (102 Minuten) sehen und uns über Klischee und Wirklichkeit unterhalten. Für das Gespräch mit Assmann, der auf dieser Seite als Kolumnist alle 14 Tage aus seinem Landarztleben berichtet, bleiben 30 Minuten. Wenn er zurück ist, wird das Wartezimmer voll sein.

Herr Assmann, halten Sie sich für unersetzlich, so wie der Arzt im Film?

Ich habe eine langjährige Beziehung zu meinen Patienten - sie vertrauen mir, erzählen mir ihre Lebensgeschichte. Schlimme Sachen, gute Sachen. Wenn ich irgendwann einmal weg bin, dann wird jemand anderes kommen. Aber es wird trotzdem eine Lücke sein.

Im Film ist der Landarzt ernsthaft krank. Er hat einen Tumor, der ihn töten könnte.

Ich kann den Kollegen sehr gut verstehen. Ich war 26, als ich einen bösartigen Tumor bekam. Das war höchst ungerecht: Ich war gerade im Studium, frisch verliebt, alles war super. Was du dir dann wünschst, ist, dass alles normal weitergeht. Aber gerade damit es weitergeht, braucht man Unterstützung.

Klingt so, als hätten auch Sie Schwierigkeiten gehabt, sich diese Unterstützung zu suchen.

Alle sagten, ich müsse jetzt mal Pause machen und mich erholen. Das ging mir so auf den Sender. Ich habe dann kein Semester länger gebraucht, ich habe alles normal durchgezogen. Meine Mutter hat erst nach einigen Wochen gemerkt, dass ich erkrankt war. Das hilft mir jetzt aber auch mit den meisten Patienten, die schwer erkrankt sind. Die wollen nämlich auch normal weiterleben.

Im Film hat man das Gefühl, als sei das ein spezielles Problem von Ärzten: selbst Patient zu sein.

Ich glaube, das ist für viele Menschen ein Problem. Mindestens für jeden, der seinen Beruf mag. Und gerade in Helferberufen haben die Menschen das Gefühl, dass die anderen einen benötigen. Ich kann mich erinnern, als ich Assistenzarzt war, da habe ich natürlich mit Fieber auch gearbeitet, aber einmal ging es nicht mehr. Nach 14 Tagen, ich hatte eine Lungenentzündung, bin ich zurückgekommen ins Krankenhaus, und tatsächlich: Die Station war noch da, die Patienten haben meine Fehlzeit überlebt - ich war sehr schockiert, dass das geklappt hat.

Aber eine Landarztpraxis ist keine Klinik. Der Arzt im Film ist für einen weiten Landstrich in Nordfrankreich zuständig - allein.

Das ist extrem romantisch und wunderschön, aber leider entspricht es nicht der Wirklichkeit. Der Einzelkämpfer stirbt aus. Man muss eine Organisationsform finden, in der man ersetzbar ist. Ich muss in den Urlaub fahren können, mich um meine Familie und die eigene Gesundheit kümmern. Medizin wird immer komplexer.

42164308 © Almode Film Vergrößern „Ziemlich beste Freunde“-Star François Cluzet als „Landarzt von Chaussy“

Wie haben Sie das in Ihrer Praxis organisiert?

Ich habe zwei angestellte Ärzte und jetzt auch eine Weiterbildungsassistentin.

Aber Sie waren mal allein?

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