03.10.2009 · David Letterman redet kaum über sich - nun tat er es, vor einem Millionenpublikum. Nach einem vereitelten Erpressungsversuch gestand er in seiner Talkshow ein, Affären mit Mitarbeiterinnen gehabt zuhaben. Die Angelegenheit schlägt hohe Wellen in Amerika.
Von Jordan Mejias, New YorkDavid Letterman, der beruflich die Leute zum Reden bringt, redet über sich selbst am liebsten gar nicht. Darum war der Schock gewaltig, als er in seiner „Late Show“ nun sein Publikum fragte, ob es Lust hätte, eine Geschichte zu hören, und es in dieser Geschichte dann um ihn ging. Er erzählte von einem Paket, das er vor drei Wochen erhalten habe, mit Belegen zu Affären mit Frauen, die er in seiner Produktionsfirma Worldwide Pants beschäftigt. Der Mann, der ihm das Paket mit Fotos und Briefen übergeben hatte, wollte als Schweigegeld zwei Millionen Dollar haben.
Als Letterman, der erst vergangenen März seine langjährige Lebensgefährtin geheiratet hatte und mit ihr einen sechs Jahre alten Sohn hat, zum Geschichtenerzähler in eigener Sache wurde, war der Erpressungsversuch schon gescheitert und die Geschichte an ihrem ersten, aber doch wohl noch nicht endgültigen Ende angelangt. Die New Yorker Staatsanwaltschaft hatte Robert Joel Halderman verhaften lassen, der als Produzent, wie Letterman auch, für die Fernsehgesellschaft CBS tätig ist. Halderman, der einige Zeit mit einer Assistentin Lettermans zusammenlebte, ist ein langjähriger, angesehener Mitarbeiter der Nachrichtensendung „48 Hours Mystery“. Er hatte Lettermans Chauffeur eines frühen Morgens das Erpressungsschreiben vor Lettermans Wohnung in Manhattan übergeben und traf sich dann in den folgenden Wochen dreimal mit Lettermans Anwälten. Die zeichneten beim zweiten Treffen das Gespräch mit der Geldforderung auf Tonband auf. Am Mittwoch übergaben sie ihm einen fingierten Scheck über zwei Millionen, und nachdem er am Donnerstag versucht hatte, ihn einzulösen, griff die Staatsanwaltschaft, die über die Vorgänge informiert war, ein. Halderman soll nach einer bitteren Scheidung in finanzielle Schwierigkeiten geraten sein.
CBS kann den Skandal nicht vom Tisch fegen
Letterman hatte inzwischen vor einer Grand Jury ausgesagt und das in Form eines Drehbuchentwurfs verfasste Erpressungsschreiben vorgelegt, in dem ihm, wie Staatsanwalt Robert M. Morgenthau mitteilte, der „Zusammenbruch seiner Welt“ und ein „ruinierter Ruf“ angedroht wurden. In seiner Sendung schwankte er nun in seinem Geständnismonolog zwischen Ernst und ungemütlichem Gescherze. Er bekannte sich zu den Affären: „Yes, I have“ und fragte sich dann: „Wäre es peinlich, wenn das alles an die Öffentlichkeit dränge? Vielleicht wäre es das. Ich fühle mich verpflichtet, diese Leute zu beschützen. Ich muss gewiss auch meine Familie beschützen.“
Der zweiundsechzig Jahre alte Talkshowstar bezeichnete „die ganze Sache“ als „ziemlich erschreckend“ und kündigte schließlich an: „Ich habe nicht vor, noch viel mehr über dieses spezielle Thema zu sagen.“ Das freilich wird nicht allein von ihm abhängen. Die Affäre beherrscht für den Augenblick die amerikanischen Medien, und wie sie sich weiterentwickelt, ob Lettermans Fans gleichgültig die Schulter zucken oder seine Feinde, die er sich in letzter Zeit auch auf der politischen Rechten zugezogen hat, nun nicht in eine Orgie der Schadenfreude ausbrechen, ist keineswegs abzusehen. Er wird jedenfalls nicht mehr so deftig, wie er es gern tat, über Politiker und Entertainer, die auf sexuellen Abwegen angetroffen wurden, herziehen können.
Auch CBS kann den Skandal nicht locker vom Tisch fegen. Der Sender muss nun prüfen, ob Arbeitsgesetze verletzt wurden, ob der Tatbestand der sexuellen Belästigung oder gar des Machtmissbrauchs gegenüber Untergebenen vorliegt. Amerikanische Gesetze sind da sehr empfindlich. Haldermans Anwalt warnte die Öffentlichkeit schon vor einem vorschnellen Urteil, denn der Fall sei keineswegs so klar, wie er scheine. Letterman selbst bezeichnete sein Verhalten als „creepy“, als gruselig, und gab der Hoffnung Ausdruck, dass er seinen Job behalten könne. Der Skandal kommt zu einem Zeitpunkt, da er sich über steigende Einschaltquoten freuen und zum ersten Mal seit Jahren wieder die „Tonight Show“ übertreffen konnte. In den kommenden Tagen wird er ganz bestimmt mit einem noch viel größeren Publikum rechnen dürfen. Ein Trost ist das sicher nicht.