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Jugend in Deutschland : Die Rebellion bleibt aus

Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch wie heute gewesen. Zumindest sagt das die Sinus-Jugendstudie. Auch den Grund dafür glaubt sie zu kennen.

          Strebsam, pragmatisch und fast schon überangepasst: Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch wie heute gewesen. Das ist ein Hauptergebnis der neuen Sinus-Jugendstudie, die Sozialwissenschaftler am Dienstag in Berlin vorstellten.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt lasse Teenager eine ungewöhnlich große Nähe zur Elterngeneration suchen, lautet eine Erklärung dafür.

          Eine weitere ist, dass Jugendliche in Deutschland sich immer weniger mit heterogenen Jugendkulturen identifizieren, sondern „in mehrfacher Hinsicht zusammenrücken “. Die Autoren der Studie, deren Interviews im Herbst vergangenen Jahres geführt wurden, stellen fest, der Begriff „Mainstream“ sei für die meisten Jugendlichen kein Schimpfwort mehr, sondern vielmehr „ein Schlüsselbegriff“ in ihrem Selbstverständnis und ihrer Selbstbeschreibung.

          Wunsch nach Geborgenheit und Orientierung

          Mehr noch als vor einigen Jahren wollten nun viele Jugendliche bewusst so sein „wie alle“. Die Mehrheit greife stärker als früher auf einen gemeinsamen Wertekanon zurück. Die Autoren stellen eine „gewachsene Sehnsucht nach Aufgehoben- und Akzeptiertsein“ fest sowie stärker als früher den Wunsch nach Geborgenheit, Halt und Orientierung in zunehmend unübersichtlichen Verhältnissen einer globalisierten Welt.

          Für diese Entwicklung haben die Sozialwissenschaftler des Sinus-Instituts den Begriff eines „Neo-Konventionalismus“ gefunden. Sie geben an, aus den geführten Gesprächen ergebe sich eine „generelle Anpassungsbereitschaft und selbstverständliche Akzeptanz von Leistungsnormen und Sekundärtugenden“.

          Diese Befunde gälten gleichermaßen für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Einschränkend stellen die Autoren aber fest, es würden auch weiterhin „jugendtypische Werte“ von den Befragten vorgebracht, wie der Wunsch nach Selbstentfaltung, Freiheit und Konsum.

          Jugendliche zeigen eine „digitale Sättigung“

          Die Studie wird von der Bundeszentrale für politische Bildung, von kirchlichen Trägern und weiteren Stiftungen und Verbänden finanziert. Sie untersucht auch die Einstellung von Jugendlichen zu Mediennutzung, zu bestimmten gesellschaftlichen Themen und zur Religion. Die Ergebnisse der Studie basieren auf langen und persönlichen Interviews mit 72 Teenagern aus verschiedenen Milieus, erläuterte Projektleiter Marc Calmbach. Die Forschung schätzt diese Methode wegen ihrer Tiefenschärfe als seriös ein, allerdings nicht als repräsentativ. Für die repräsentative Befragungen der Shell-Studie etwa werden weit mehr Jugendliche interviewt.

          Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, die gleichfalls zu den Auftraggebern gehört, legte den Schwerpunkt ihres Interesses auf die digitale Mediennutzung der Jugendlichen. Die Ergebnisse zeigen nach Ansicht der Sinus-Autoren eine „digitale Sättigung“. Aus der Perspektive der jungen Zielgruppe sei „der Höhepunkt der digitalen Durchdringung des Alltags“ erreicht. Die „bedingungslose Faszination“ sei geschwunden.

          Allerdings gehörten Internet und Smartphone unverzichtbar zum täglichen Leben der Jugendlichen. Die Jugendlichen mit einer „bildungsnahen“ sozialen Herkunft thematisierten stärker die Bedeutung der digitalen Medien für ihre berufliche Zukunft und äußerten häufiger Wünsche, dass die Handhabung des Internets nicht bloß von Eltern und Schule reguliert werde, sondern dass sie im „richtigen Gebrauch“ der Zukunftsmedien besser angeleitet und unterrichtet werden wollten.

          Jugendliche befürworten die Aufnahme von Flüchtlingen

          Die Fragen der Studie orientierten sich auch am aktuellen Flüchtlingszuzug und an Integrationsfragen. Der überwiegende Teil der Befragten habe die Aufnahme von Flüchtlingen befürwortet; Zuwanderung sei grundsätzlich positiv bewertet worden. Viele Aspekte einer Gesellschaft, zu der Migranten gehören, seien für Jugendliche selbstverständlicher Alltag.

          Ein Teil der Befragten habe jedoch auch „manifeste Vorbehalte“ gegenüber Angehörigen anderer Nationalitäten geäußert. Meist habe es sich dabei um „tradierte Stereotype“ gehandelt, „die von den Jugendlichen aber nicht immer als bloße Klischees erkannt werden“. Vor allem Jugendliche aus prekären Verhältnissen hätten sich ablehnend geäußert.

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