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Singles Möhren im Kilopack

 ·  Alle haben heutzutage ihre Lobby: Frauen. Väter. Kinder. Alleinerziehende. Senioren. Homosexuelle. Aber Singles? Ein junger Unternehmer will nun eine Interessenvertretung etablieren.

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© Gyarmaty, Jens Single allein zu Haus: Lukas Brosseder fühlt sich als „Melkkuh“

Zum Beispiel Müsli. Lukas Brosseder isst zum Frühstück am liebsten Müsli, eine Mischung, die kleine Fruchtstücke enthält. Wenn aber die Vorratspackung wochenlang in seiner Küche herumsteht, schmeckt es ihm irgendwann nicht mehr. Die Fruchtstückchen würden schal, sagt Brosseder. Deshalb bevorzugt er kleinere, im Verhältnis teurere Schachteln.

Oder Waschpulver. Bevor Brosseder allein ein Familienpaket Waschmittel verbraucht, ist das Pulver verklumpt, weil es Feuchtigkeit zieht. Also weicht er auf Kleinverpackungen aus, die im Endeffekt teurer sind.

Nicht, dass Lukas Brosseder deswegen leiden würde. Als erfolgreicher Start-Up-Unternehmer verkörpert der Einunddreißigjährige das Klischeebild vom Single. Und diese Sorte alleinlebender, alleinstehender Menschen verkraftet ein mäßig überteuertes Dasein ganz gut. Wer sich für eine Person eine 110-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg leisten kann, braucht nicht am Müsli sparen. „Mir muss man nicht helfen“, sagt Brosseder denn auch.

„Den Single kann man ausnehmen“

Trotzdem fragt er, aus Prinzip: Wie kann es sein, dass Ein-Zimmer-Wohnungen prozentual so viel teurer sind als größere Mietflächen? Und was ist mit der neuen Rundfunkgebühr, die als Haushaltspauschale erhoben wird? Warum soll eine Rentnerin für ihr Transistorradio denselben Betrag zahlen wie das kinderlose Pärchen in den Dreißigern, das zwei lukrative Jobs, aber zusätzlich zu Küchenradio und Fernseher zwei Autos, zwei Laptops, zwei Smartphones und zwei iPads besitzt?

„Das ist ungerecht“, sagt Brosseder. Als Geschäftsführer einer Agentur für Online-Dating hat er seit vier Jahren ständig mit Singles zu tun. Er glaubt, dass der fehlende Partner für seine Kunden zwar der größte, aber bei weitem nicht der einzige Kummer sei. Vom Einzelzimmerzuschlag im Hotel über die Hausratversicherung bis hin zu den Betriebskosten im Mietshaus würden Alleinstehende benachteiligt, sagt der gebürtige Münchner, der BWL studiert hat: „Man wird als Melkkuh gesehen: Den Single kann man ausnehmen.“ Dabei seien mitnichten alle Betroffenen jung-dynamische Karrieristen. Für den Studenten, für den Hartz-IV-Empfänger, für die Siebzigjährige mit schmaler Rente läpperten sich die Zusatzkosten zur Bürde.

Ausgerechnet zum Valentinstag hat Brosseder deshalb die Homepage „single-initiative.de“ ins Netz gestellt. Der Unternehmer, der sich seit der Trennung von seiner Freundin im April selbst damit herumschlägt, wie es ist, alleine essen zu gehen, will eine erste Interessenvertretung für Singles etablieren.

Alle haben heutzutage ihre Lobby: Frauen. Väter. Kinder. Alleinerziehende. Studenten. Senioren. Homosexuelle. Behinderte. Aber Singles? „Das ist ein ganz großer Teil der Bevölkerung, der eigentlich keine Stimme hat“, sagt Brosseder. Seine erste Kampagne gilt der Rundfunkgebühr. Wenn Brosseder genügend Unterstützer findet, will er mit einer Petition an die Politik herantreten.

15,9 Millionen Menschen in Deutschland leben allein. Das ist jeder Fünfte, und die Zahl ist seit 1991 um vierzig Prozent gestiegen. Allerdings zählt das Statistische Bundesamt nur Einpersonenhaushalte; der Beziehungsstatus wird - jenseits der unzulänglichen Kategorien ledig, verheiratet, geschieden - nicht erfasst. Um also zu ermitteln, wie viele Singles im engeren Sinne es gibt, alleinlebend und partnerlos, arbeitet der Soziologe Stefan Hradil mit einer Überschlagsrechnung. Erfahrungsgemäß sei ein Drittel der Alleinlebenden fest liiert, sagt der emeritierte Professor aus Mainz, der in den Neunzigern eine der wenigen ernsthaften Single-Studien erstellt hat. Außerdem müsste man die ältesten und jüngsten „Singles“ aus der Bilanz herausnehmen, weil weder für den Achtzehnjährigen noch für die Witwe mit 85 eine andere Lebensform üblich sei. Blieben also, über den Daumen gepeilt, gut sieben Millionen Singles - Tendenz steigend. Vor allem im mittleren Lebensalter, so Hradil, wachse die Quote scheidungsbedingt stark an.

Bisher kein eigenes Sprachrohr

Nun planen die wenigsten Singles, langfristig allein zu bleiben. „Auch ich stelle mir das Leben in einer Partnerschaft schöner vor“, sagt Brosseder und erzählt, wie er im Urlaub mit befreundeten Familien abends plötzlich alleine an der Bar saß. Und dass die Kumpel aus der Studienzeit nur noch im Doppelpack zu haben sind.

Wenn aber die meisten Singles sich von ihrem Status distanzieren in der Hoffnung, schon bald nicht mehr dazuzugehören, wenn die Zusammensetzung dieser unfreiwilligen Gemeinschaft tatsächlich ständig wechselt, steht es schlecht um die Bereitschaft, sich für die gemeinsame Sache zu engagieren. So jedenfalls erklärt sich Brosseder, dass eine gesellschaftlich relevante Gruppe wie die Singles bisher kein eigenes Sprachrohr hat. Single-Reisen, Single-Partys, Single-Börsen: Schon die Verwendung des Etiketts lebt von der Verheißung, eine leidige Lage schnellstmöglich zu überwinden.

Peggy Kuwan ist nicht auf der Suche. Sie ist 35 Jahre alt und selbständig als Coach für Künstler und Kulturschaffende tätig. Die Fingernägel trägt sie modisch kurz gefeilt und paprikarot lackiert. Wenn sie davon spricht, wie sehr sie es genießt, „auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen“ zu müssen, sitzt sie sehr aufrecht. „Ich habe ein tolles Leben und einen tollen Beruf. Ich bin glücklich, so wie ich bin“, sagt Kuwan. Die finanziellen Zumutungen des Single-Daseins sind für sie kein Thema. Möhren kauft sie einzeln beim Gemüsehändler, nicht beim Discounter im Kilopack.

Wenn es aber um die gesellschaftliche Wahrnehmung ihrer Lebenssituation geht, verdreht sie die Augen und sagt: „Das nervt.“ Als habe sie sich nicht bewusst für dieses Modell entschieden! Als brauche sie nicht unabhängig von ihrem Beziehungsstatus jede Menge Zeit und Raum für sich allein! „Diese Idee, dass ich als Mensch nur vollständig bin mit ’nem Partner - das geht mir gewaltig auf den Zeiger“, sagt Kuwan.

Wenn nun ihr größter Ärger dem Finanzamt gilt, liegt auch das vor allem an einem Mangel an Anerkennung. Immer Steuerklasse 1, immer Maximalsatz. „Ich zahle das Dreifache von dem, was eine Familie zahlt“, sagt Kuwan. „Das fühlt sich wie eine Bestrafung an.“ Als stünde auf jedem Bescheid: Sorry, falsches Lebensmodell - zahlen, bitte.

Wer allein ist, muss sich rechtfertigen

„Die Leitfiguren in unserer Gesellschaft haben sich deutlich in Richtung Familie verschoben“, stellt auch Professor Hradil fest und illustriert seine These mit Beispielen aus der Werbung. Bis Mitte der Neunziger habe es viele Spots gegeben, in denen sich Alleinlebende über die Brüstung ihrer Dachterrasse lehnten, um glücklich auf ihr offenes Cabrio herabzublicken. Heute hingegen dominiere die junge Mutter mit Baby und dem strahlenden Vater an ihrer Seite.

Hradil sagt: „Das Single-Dasein ist weitgehend akzeptiert. Das heißt aber nicht, dass es selbstverständlich ist.“ Wer allein sei, müsse sich rechtfertigen, während der Rest der Welt diese Lebensform bewerte. Dabei mischten sich positive und negative Urteile in dem Maße, wie Hoffnungen und Ängste, wie die Sehnsucht nach Autonomie und die Furcht vor Einsamkeit auf Singles projiziert würden. Die Debatte um die demographische Entwicklung in Deutschland indessen habe dazu geführt, dass kritische Stimmen lauter würden: Nicht nur der mitleidige Blick auf den Single als defizitäres Wesen nehme zu. Mehr oder weniger unterschwellig werde Singles auch Egoismus unterstellt, weshalb sie für das Scheitern des Generationenvertrags mit verantwortlich gemacht würden.

Nun kippt man ein Gesellschaftsbild nicht kurzfristig mit Petitionen, geschweige denn mit einer Homepage. Das ist auch Lukas Brosseder klar. Perspektivisch jedoch zielt seine Single-Initiative sehr wohl auf eine Veränderung im Bewusstsein. Fürs Erste will er die Plattform aus den Ressourcen seiner Dating-Agentur betreuen. Mittelfristig denkt er an die Gründung eines Vereins. Und falls er wieder eine Freundin findet? Brosseder lächelt. „Ich gehe davon aus, dass ich das weiterbetreiben kann und möchte“, sagt er.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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