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Was passiert gerade? : Deutschland döst

Hinterm Horizont geht’s womöglich weiter: Sonnenuntergang auf der Autobahn bei München Bild: Simon Strauss

Mit dem ICE, über die Autobahn, vorbei an Großstädten und Dörfern, eine Reise durchs Land. Der Frage nach, worüber in Deutschland geredet wird.

          Deutschland nach der Wahl. Vor der nächsten. Überall fährt man an umgeknickten Bäumen vorbei. Aus den Waldrändern sind sie hervorgebrochen wie niedergeschossene Soldaten aus einem strammstehenden Spalier. Durch das dickglasige ICE-Fenster fällt der letzte Sonnenstrahl des Tages. Es ist kurz vor 16 Uhr, der Zug fährt nach Hamburg, ans Meer. Was passiert gerade in diesem Land? Worüber reden wir eigentlich?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bundestagswahl liegt Wochen zurück, aber das Ergebnis wirkt nach. Die AfD ist die drittstärkste Partei Deutschlands geworden, 94 Sitze im Bundestag für eine rechtskonservative Gruppierung, die sich zuerst durch EU-Kritik profilierte, dann in internen Machtkämpfen aufrieb, aber stärker denn je zurückkehrte, weil keine andere Partei sich dazu aufraffen konnte, die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin vernünftig zu kritisieren. Zur "Alternative" wurde die Partei, als Merkel weiter fröhlich Selfies machte, während Unterkünfte knapp wurden, Turnhallen zu Schlafstätten umfunktioniert wurden und im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Mitarbeiter unter Aktenordnern zusammenbrachen. Da wurde die alte Rede von "denen da oben" wieder geführt, in Dresden stand auf einmal das altehrwürdige "Abendland" auf flatternden Bannern, und ein thüringischer Geschichtslehrer legte sich bei Günther Jauch die schwarz-rot-goldene Fahne übers Knie.

          Nach der Wahl ist das jetzt alles vorbei. Nun wird das "Abendland" auch parlamentarisch vertreten, oben im Hohen Haus sind auch die angekommen, die eben noch von unten gestänkert haben. Die Meinungspluralität ist wiederhergestellt. Die Demokratie hat gesiegt. Und eine echte Opposition gibt es jetzt ja irgendwie auch - sagt man und schlurft weiter. Seltsam ruhig ist es geworden nach der ersten Aufregung. Alle wollen jetzt "mit Rechten reden" und den Linken Verbesserungsvorschläge machen. Dabei hat Deutschland doch gerade erst die Homo-Ehe eingeführt, das dritte Geschlecht verfassungsrechtlich absichern lassen, und die Arbeitslosenzahlen sind so niedrig wie nie. Das Staatsschiff fährt weiter, selbst wenn Sondierungsgespräche scheitern. Die Kapitänin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Angela Merkel ist der Inbegriff des Phlegmas. Sie habe keine Ausstrahlung, wird häufig gesagt, ihr fehle Charisma. Aber das stimmt nicht. Was sie umgibt, ist eine Aura der Ruhe. Sie strömt absolute Entspannung aus.

          Es kursiert das Gerücht, die Kanzlerin sei eine Meisterin der effizienten Entspannungstechnik, des autogenen Trainings. Wann immer sie ein paar freie Minuten hat, zieht sich Merkel angeblich zurück, um "die inneren Batterien" aufzuladen. Autogenes Training beruht auf dem Prinzip der hypnoseartigen Autosuggestion: Durch die ständige Wiederholung sanfter Sätze wie "Ich bin ganz ruhig und angenehm entspannt" oder "Die Gedanken ziehen vorbei wie Wolken am Himmel" soll der Gemütszustand entspannt werden. Wahrscheinlich muss man Merkels Mutti-Rhetorik von der autogenen Perspektive her analysieren, dann würde man auch ihren berühmten Satz "Wir schaffen das" besser verstehen.

          Und draußen lachen die Kälber: Kuhherde in Brandenburg
          Und draußen lachen die Kälber: Kuhherde in Brandenburg : Bild: Simon Strauss

          Ganz Deutschland liegt im Halbschlaf. Nicht völlig verträumt, das nicht, aber auch nicht hellwach, das nun wirklich nicht. Die Institutionen arbeiten, die Räder drehen sich, ein bisschen zu viele Abgase, ein bisschen zu wenig Zinsen, aber so lange die Rotweinpakete von Amazon geliefert und Steuererhöhungen ausgeschlossen werden, ist eigentlich alles gut. Mehr oder weniger eben: "Ganz ruhig und entspannt".

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