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Lehrer verzweifelt gesucht : Was macht der Tierarzt im Klassenzimmer?

Mehr Lebenserfahrung als Fachkenntnisse: Der Lehrermangel bedingt, dass künftig auch Landwirt oder Landwirtin in den Lehrerberuf quer einsteigen. Bild: dpa

Quereinsteiger sollen helfen, den Lehrermangel zu bekämpfen. Ob das gut gehen kann, erklärt die Ausbilderin Silke Pflüger im Interview.

          Frau Pflüger, Sie bilden in Berlin Quereinsteiger aus. Welche Berufe sind Ihnen bisher untergekommen?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Neben Musikern, Sportlern und Germanisten sitzen bei mir im Allgemeinen Seminar auch die Tiermedizinerin, die Landwirtin, die Bibliothekarin. Aber natürlich stehen auch hinter diesen Berufen Berliner Schulfächer, die studiert wurden, etwa Biologie.

          Und der Musiker und die Tierärztin treten dann gleich an ihrem ersten Arbeitstag vor 30 Viertklässler?

          Fast. Sie besuchen parallel zum Unterricht mindestens vier Monate lang einmal die Woche ein Fachseminar, wo sie in dem von ihnen studierten Schulfach didaktische Fertigkeiten vermittelt bekommen. Ein Teil muss berufsbegleitend nachstudieren, etwa Deutsch und Mathematik. Erst danach kommen sie in das sogenannte Referendariat. Bis sie fertig sind, braucht es in Berlin viereinhalb Jahre für Grundschullehrkräfte.

          Dieser Sprung ins kalte Wasser geht gut?

          Unterschiedlich. Aber deshalb gibt es Mentoren an den Schulen, die Quereinsteigern zur Seite gestellt werden. Ich habe gerade einen Kurs von Anwärtern, die seit August dabei sind und jetzt von den ersten Erfolgserlebnissen berichten: Was sie machen, funktioniert; Tipps, die sie bekommen, setzen sie um. Vielleicht klappt nicht alles am ersten Tag. Aber langsam greift es. Das ist eine steile Progression.

          Erste Erfolge nach einem halben Jahr? Und die Kinder?

          Es findet ja die ganze Zeit Unterricht statt. Und einen Prozess, in dem man sich zunächst orientieren muss, machen alle durch. Wichtig ist, dass wir Unterstützung anbieten. Dafür hat es Angebote in den Herbstferien gegeben, in denen besondere Herausforderungen didaktisch und pädagogisch besprochen werden konnten.

          Was berichten Ihnen die Quereinsteiger aus den Schulen?

          Die meisten sind begeistert von der Arbeit mit den Kindern.

          Was verursacht Überforderung?

          Gerade in Klassen, in denen bei vielen Kindern die soziale Kompetenz nicht so ausgeprägt ist, muss man sich eine Reihe von Handlungsmustern erarbeiten: Was mache ich, wenn ein Kind ständig aufsteht, diese berühmten Papierkügelchen wirft oder auch mehr passiert? Solche Disziplinfragen sind typisch. Dann geht es darum, den Quereinsteigern Hilfen an die Hand zu geben, wie man durch Belohnungssysteme oder optische Rückmeldungen an die Kinder – kleine Klebezettel auf dem Tisch zum Beispiel, woran die Kinder denken sollen – ein vernünftiges Sozialverhalten hinbekommt. Aber es beginnt schon bei der Wahrnehmung, was in der Klasse passiert, es gilt, schnell zu reagieren. Wichtig ist auch, gar nicht erst eine Situation entstehen zu lassen, in der Kinder sich langweilen.

          Klingt anspruchsvoll.

          Die größte Schwierigkeit ist tatsächlich, dass der Lehrerberuf hochkomplex ist. Sie müssen Ihr Fach unterrichten, da ist die Gruppendynamik, Sie sollen erzieherisch tätig sein und auf Inklusionskinder eingehen. Gleichzeitig haben Sie es mit Schulentwicklung zu tun, mit Klassenmanagement, Sie müssen Aufsicht führen, Sie werden in der Pause angesprochen von einer Kollegin, die übermorgen einen Ausflug machen möchte. Worauf reagieren Sie sofort, was kann warten? Diese Fülle an Anforderungen, der Handlungsdruck – es braucht ein bisschen Zeit, bis man das bewältigt.

          Und das lernt man im Studium?

          Wenn man sich theoretisch und in Praktika mit diesen Themen auseinandergesetzt hat, ist das eine Grundlage, die eine gewisse Sicherheit gibt. Natürlich wäre es schöner, wenn alle Lehrkräfte ein klassisches Studium hätten und den herkömmlichen Weg gehen könnten. Aber die Situation ist jetzt bundesweit anders.

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