21.10.2009 · Rapper Sido polarisiert - nicht nur in Musikerkreisen. Im Interview spricht er über das Märkische Viertel in Berlin, sein neues Album „Aggro Berlin“ - und den wachsenden Wunsch nach Gediegenheit, der mit dem Alter kommt.
Fast unsichtbar ist das, was auf seiner Nase sitzt. Randloses Glas, schmale Bügel - eine Brille wie die eines Versicherungsangestellten. Sido gibt artig die Hand. "Sollen wir loslegen?" Sein Haar ist gekämmt, die Jeans schmal, das T-Shirt bunt. Ist das noch Sido, das "superintelligente Drogenopfer"? Der harte Rapper mit Totenkopfmaske und Gangster-Attitüde? Das Aushängeschild des berüchtigten Labels "Aggro Berlin", das mit gewaltverherrlichenden und sexistischen Texten Tausende Platten verkauft hat? Sido fläzt sich aufs Sofa, holt aus der Tasche einen Joint, zündet ihn an. Aha, also doch! Dann fragt er, "wie unhöflich von mir", ob die Besucherin mal ziehen wolle, und erzählt, dass er gerade das erste Mal wählen war. Und dass es auf seinem neuen Album "Aggro Berlin" (vom 30. Oktober an im Handel) auch mal um Geburtstagsfeiern geht.
Sie werden nächstes Jahr dreißig. Zeit, Ihr bisheriges Leben zu überdenken?
Ja, daher sinniert mein Album auch viel über die Vergangenheit. Es soll ein Neubeginn sein. Dazu gehört, das Alte abzuschließen. Meine Maske, die Attitüde, der ganze Hype. Wäre es nach den Chefs von "Aggro Berlin" gegangen, würde ich heute noch Jacken mit Fellkapuze tragen, rumspucken und solche Sachen. Das habe ich alles mit dem Album-Intro in den Schrank gesperrt.
War das alles nur Image?
Nein, das war ich. Aber ich bin so nicht mehr. Ich werde älter, werde erwachsener und habe Dinge, um die ich mich kümmern muss. Dieses Klischee kann ich nicht mehr bedienen, da müsste ich mich verstellen. Wenn meine Fans deswegen enttäuscht sind, muss ich sie leider enttäuschen.
Sind Sie erwachsen geworden?
Ich versuche, dieses Wort noch zu umgehen, bis ich dreißig bin. Ich sage lieber "gediegen" oder "bodenständig".
Was ist so schlimm daran, erwachsen zu sein?
Das Wort hat für mich einen kleinbürgerlichen Nachgeschmack, wie die Nachbarn beobachten und so. Erwachsen ist für mich immer CDU, und davon bin ich noch ziemlich weit weg.
Trotzdem haben Sie auf Pro Sieben dafür geworben, wählen zu gehen.
Weil ich finde, dass es an der Zeit ist, ein bisschen Verantwortung zu übernehmen. Die Einzigen, die im Bundestag noch aufmüpfig dazwischenrufen, sind die Linken. Die sind auch nahe an den Leuten, die mir wichtig sind. Denn wenn ich mit meinem dicken Auto ins Viertel fahre und an der Bushaltestelle einen Kumpel sehe, der sagt, er muss schwarzfahren, weil er sich das Ticket nicht leisten kann, schäme ich mich.
Trotz Ihres dicken Autos wollen Sie Ihren Wurzeln treu bleiben. Geht das?
Nun, ich hätte auch CDU wählen können, damit die meine Steuern nicht erhöhen. Aber das ist mir nicht wichtig. Mir geht es ums Viertel. So bleibt man bei seinen Leuten. Ich habe aus dem Märkischen Viertel in Berlin auch den spartanischen Lebensstil behalten. Meine Couch und mein Fernseher sind ein bisschen besser als damals, aber sonst habe ich nur ein Bett und ein, zwei Ikea-Möbel für meine DVDs. Ich kann der Sache nur treu bleiben, weil es irgendwie in mir bleibt.
Trotzdem sind Sie weggezogen.
Natürlich wollte ich da raus. Aber ich brauche keinen goldenen Toilettendeckel, um glücklich zu sein. Ich wohne jetzt zwar in einer besseren Gegend, aber nicht viel größer, auf hundert Quadratmetern. Das wollte ich immer.
Der Traum vom Eigenheim, ist das nicht etwas spießig für Sido?
Wenn es spießig ist, ein Häuschen am Wasser zu haben, du baust mit deinem Sohn im Garten eine Schaukel, die Frau hängt die Wäsche auf in der Sonne, dann bin ich ein Spießer. Aber jeder Junge aus meinem Viertel hat diesen Traum. Und sagt einer, ich will hier bleiben, redet er sich das nur schön, weil er keine Alternative hat. Deswegen mag ich auch Punker nicht. Viele haben reiche Eltern und schlafen aus Rebellion in ihrer Pisse. So was kann ich nicht verstehen. Kein Penner lebt gern auf der Straße. Kein Junge aus dem Viertel sticht gern jemanden ab für 2,50 Euro für 'nen Döner.
Vor Jahren waren Sie selbst dieser "Junge aus dem Getto". Haben Sie sich damals auch solche Gedanken gemacht?
Schon. Auch wenn ich das da noch nicht im Hinterkopf hatte, ist der Song "Mein Block" sehr politisch. Weil ich darauf aufmerksam mache, dass es sozial schwache Gegenden gibt. Und Getto heißt nicht, zwei Schwarze bringen sich um wegen einer Kugel Crack. Wo Leute reingepfercht werden und am besten auch bleiben sollen, das nennt man Getto. Im Märkischen Viertel übernimmt das Sozialamt die Miete sofort, also wohnen da fast nur Leute ohne Arbeit. Dann baust du denen ein Einkaufszentrum, damit sie dort klauen und nicht am Kudamm die Touristen verschrecken. Fertig ist das Getto.
Wie hat der Erfolg den Jungen aus dem Getto verändert?
Früher hatte ich keine Krankenversicherung, ich war nicht polizeilich gemeldet, ich war niemand. Ich hätte morgen tot sein können, und es hätte außer meiner Mutter keinen interessiert. Nicht mal mich selbst. Ich habe das Leben lieben gelernt. Ich habe meinen Sohn wieder, ich freue mich, wenn ich ihm was bieten kann. Wenn ich essen kann, was ich will, wenn ich die kleine Playstation über Nacht bestelle, ohne nachzudenken.
Haben Sie sich auch charakterlich verändert?
Ich bin ruhiger geworden, bin nicht mehr so aufgedreht, nehme weniger Drogen. Man kann nicht zur Ruhe kommen, wenn man weiß, dass alles um dich herum Scheiße ist. Du schläfst nicht gut, bist nicht zufrieden mit dir, mit deiner Umwelt. Das hat man mir auch angemerkt. Mittlerweile bin ich wirklich im Reinen mit mir selber. Ich habe jetzt den Anspruch, ein guter Mensch zu sein. Ich möchte in den Himmel (lacht).
Und dazu müssen Sie weg vom harten Image?
Um mein Image kümmere ich mich nicht selber, das macht die Presse für mich. Weil sie mein Album gehört oder gesehen hat, wie ich bei "TV Total" herumpöbele, war ich für die der Gangsterrapper. Ich werde ja sehen, was sie diesmal schreiben.
Ist also eine Sache wie das Verfahren wegen Körperverletzung kürzlich eine Geschichte der Medien? Es wurde eingestellt, aber Sie mussten zahlen.
Das wurde natürlich aufgebauscht, aber die Story gab es tatsächlich.
Sie sind also nicht nur lieb und nett.
Ich bin ganz normal. Wenn mir Sachen gegen den Strich gehen, wenn Sachen zu weit gehen, dann gehe ich auch mal zu weit. Ich bin ein ganz normaler . . . Junge. Ob böse oder nicht böse - ich beschütze meine Liebsten, ich beschütze meine Ehre, und dann kommt es eben mal zu einer Rangelei. Bei mir steht das nur gleich in der Zeitung. Ich glaube, auf der Wiesn gab es in den letzten zwei Wochen zehntausend davon, darüber spricht keiner.
Aber jeder spricht darüber, dass immer mehr Jugendliche verrohen.
Da würde ich den ersten Fehler aber bei den Eltern suchen. Die haben den Kindern nicht genug Respekt eingeflößt. War ich beim Direktor, und da war ich oft, habe ich meine Fresse gehalten. Ich wusste, die Polizei darf mich nicht nach Hause bringen, sonst verliere ich den Respekt meiner Mutter. Denn wenn deine Mutter dich liebt und du sie liebst, hast du den Anspruch, sie nicht zu enttäuschen.
Ihre Mutter freut sich trotzdem sicher über den gediegenen Sido.
Meine Mama ist mein größter Fan. Und wie kann sie das nicht gut finden? Sie muss sich keinen Kopf mehr um ihren Sohn machen.
Kennt Ihr Sohn Ihr altes Leben?
Das wird er erst später mehr mitkriegen. Ich rede mit ihm nicht über Sido, ich möchte, dass wir beide privat sind. Aber wenn ich ihn frage, was willst du werden, sagt er natürlich: "Das, was du bist."
Das war ja auch: Jurymitglied bei "Popstars". Würden Sie das wieder machen? Oder zur Abwechslung bei "Deutschland sucht den Superstar"?
Ich finde grundsätzlich das DSDS-Konzept besser als "Popstars". Da geht es mehr um Musik. Aber das würde ich nur für viel Geld machen. Und die Auflage, dass ich den Künstler manage.
War Geld auch der Anreiz, dass Sie 2007 in der Jury von "Popstars" saßen?
Das Geld war es nicht, Detlef D! Soost, der Chef-Juror, hat mehr gekriegt als ich. Ich habe vorher schon jede Staffel geguckt und dachte: Holt mich in diese Jury, ich kann das besser. Aber mir war nicht klar, dass sie nichts zu sagen hat. Dass es nicht um Musik geht, nur um Gefühle. Nur Detlef spielt das Spiel perfekt mit.
Wann ist denn bei Ihnen Schluss? Werden Sie auch mit vierzig noch rappen?
Hiphop ist eine Jugendkultur. Mit 35 könnt ihr nicht mehr von mir erwarten, dass ich noch rappe. Ich fänd's peinlich, wie Campino einen auf früher zu machen. Wir werden sehen. Vielleicht setze ich mich auch wie Reinhard Mey auf die Bühne. Nur die Gitarre, der Barhocker und ich.