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Musiker Shantel im Gespräch : „Ich bin abgeschoben worden“

Go East: Der deutsche Musiker, Musikproduzent und DJ Stefan Hantel, Künstlername Shantel, wurde mit Balkan-Pop bekannt und wandert musikalisch nun immer weiter nach Südosten. Bild: Esra Klein

Drei seiner Kollegen starben bei den Anschlägen von Paris. Trotzdem lebt Balkan-Pop-Star Shantel das kosmopolitische Europa weiter – und wendet sich im Zeichen der Flüchtlingskrise dagegen, den Kontinent abzuschotten. Aus eigener Erfahrung.

          Herr Hantel, als wir dieses Gespräch vereinbarten, wollte ich mit Ihnen nicht über Terrorismus sprechen.

          Es wird auch schon viel zu viel darüber gesprochen.

          Aber im Konzertsaal des Bataclan starben bei den Pariser Anschlägen 89 Menschen im Kugelhagel. Sie standen mit dem Bukovina Orkestar schon selbst dort auf der Bühne.

          Wir hatten im Bataclan eines unser besten Konzerte überhaupt. Drei Mitarbeiter unserer französischen Agentur wurden nun durch den Anschlag getötet.

          Haben Sie manchmal Angst, abends auf die Bühne zu gehen?

          Wir sind immer noch schockiert von diesen Angriffen auf unsere Freiheit. Aber zum Opfer eines Terroranschlags können wir im Konzertsaal genauso werden wie im Café oder an der Bushaltestelle. Das Beste, was wir diesen Extremisten entgegensetzen können, sind Freiheit und eine kosmopolitische Gesellschaft. Die zelebrieren wir bei jedem unserer Konzerte. Angst habe ich vor etwas anderem.

          Und zwar?

          Vor den Hassreden von Politikern, die versuchen, mit Hilfe des Terrorismus Ängste zu schüren und die Grenzen zu schließen.

          Was bekommen Sie von der Flüchtlingskrise mit?

          Wir touren durch zahlreiche Länder, in denen Flüchtlinge unterwegs sind. Dort spielen sich überall Dramen ab. Von der türkisch-griechischen Grenze bis nach Calais sehen wir riesige Lager entstehen, in denen Menschenmassen vor sich hin vegetieren. Zudem fällt die massive Polizeipräsenz in Europa auf, vor allem wenn man über Österreich nach Südosteuropa kommt. Zwei unserer Musiker kommen aus Serbien. Das ist bei der Rückkehr jedes Mal ein Riesenaufriss. Ohne Krankenversicherung und Bürgschaft dürfen die beiden gar nicht in den Schengen-Raum zurück.

          Wie fühlen sich Ihre Musiker dabei?

          Die sind sehr pragmatisch. Sie haben immer einen Plan B oder auch C parat. Aber manchmal funktionieren auch die nicht. Wir hatten neulich eine Show auf dem Womad Festival in England. Dort durften die beiden nicht hin. Sie mussten an der Grenze umkehren. Für mich ist es ein Ärgernis. Es bestätigt mich in dem Gefühl, dass wir momentan einen Rechtsruck in Europa verspüren, der auch vor der Musik nicht haltmacht.

          Woran machen Sie das fest?

          Am stärksten merke ich das in Ungarn, wo wir jedes Jahr mehrmals auftreten. Von Journalisten dort werde ich inzwischen oft mit Behauptungen konfrontiert, dass sich meine Musik auf Wurzeln der ungarischen Musik beziehe.

          Was antworten Sie auf solche Vereinnahmungsversuche?

          Dass meine Musik ein Schmelztiegel ist, in dem sich viele Einflüsse vermischen, auch slawische und jüdische. Die ungarischen Journalisten entgegneten mir dann darauf, dass es dort keine Juden gebe und es auch überhaupt nichts mit dem Judentum zu tun habe, und man wisse ja, was es mit dem Judentum auf sich habe, und so weiter. Kurzum: Der Tabubruch, solche Themen wieder zu äußern, wurde in den letzten Jahren wieder salonfähig.

          Sie haben auch Morddrohungen erhalten.

          Das war nach dem Sziget Festival vor etwa zwei Jahren. Wir mussten damals eine Klausel unterschreiben, dass wir während der Live-Übertragung keine Kritik an der ungarischen Regierung üben. Auf dem Konzert habe ich das dann kurz mit einer frechen Bemerkung kommentiert. Nach der Show warteten ein paar Jungs im Backstage-Bereich auf mich.

          Kommt so was inzwischen häufiger vor?

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