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Sexismus-Vorwürfe : Sir Tim Hunt weint auf dem Sofa

Die Kritik an seinem erzwungenen Rücktritt wird lauter: Tim Hunt. Bild: AFP

Weil sich Nobelpreisträger Tim Hunt spöttisch über Frauen in der Wissenschaft äußerte, verlor er seinen Job. Der Londoner Bürgermeister verteidigt Hunts Äußerungen nun – und begibt sich damit selbst in den Sturm der Entrüstung.

          Das University College in London (UCL) zählt zu den besten Bildungseinrichtungen im Königreich und ist stolz darauf, 1878 als erste Hochschule die Tore für Studentinnen geöffnet zu haben. Dass akademische Klasse und Sensibilität für „Gender“-Themen gelegentlich in Widerspruch geraten können, illustriert der traurige Fall des Biochemikers Tim Hunt, der immer weitere Kreise zieht und ein Schlaglicht auf die politische Kultur Großbritanniens wirft.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die „Affäre“ begann in der vergangenen Woche, als Professor Hunt, der vor 14 Jahren den Nobelpreis für Medizin erhielt, auf einem Fachkongress in Südkorea einen Vortrag über Frauen in der Wissenschaft hielt und dabei, wie Briten das gern machen, eine wohl eher halb ernste persönliche Bemerkung einfließen ließ: „Lassen Sie mich auf meine Probleme mit Mädchen zu sprechen kommen. Wenn sie im Labor sind, passieren drei Dinge: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu weinen.“ Der Applaus im Saal soll eher höflich ausgefallen sein, aber jemand gab die Äußerung über den digitalen Kurzmitteilungsdienst Twitter weiter, der Hashtag #distractinglysexy (ablenkend sexy) nahm Fahrt auf, und bald tobte im Netz ein weiblicher Sturm der Entrüstung und Beschimpfung. Als Hunt nach London zurückkehrte, meldete das UCL, er sei mit sofortiger Wirkung von seinem Posten als Ehrenprofessor zurückgetreten.

          „Gelegentlich dämliche Bemerkungen“

          Dass dies nicht ganz freiwillig geschah, kann man sich denken, wird aber auch von Hunts Ehefrau, der angesehenen Immunologin Mary Collins bestätigt, die ebenfalls am UCL lehrt. Offenbar befragte die Universitätsleitung den 72 Jahre alten Professor nicht ein einziges Mal zu dem Vorgang und ließ ihm keine Wahl. Auf ähnliche Weise verlor Hunt kurz darauf auch seine Positionen beim Europäischen Forschungsrat und in der ehrwürdigen Royal Society. Collins warf dem University College vor, die eigene Reputation über das Wohlergehen der Angestellten zu stellen. Zugleich nahm sie ihren Mann in Schutz. Der mache zwar gelegentlich „dämliche Bemerkungen“, sei aber gewiss kein Sexist – schon weil sie, als bekennende Feministin, es sonst nicht mit ihm aushielte.

          Anfang der Woche schaltete sich der Londoner Bürgermeister Boris Johnson ein, klagte über den „großen und unerbittlichen Moloch namens Politische Korrektheit“ und verteidigte Sir Hunt – „diesen großen und guten Mann“ – in der Sache. Es sei wissenschaftlich erwiesen, zitierte Johnson den „international führenden Experten für das Weinen“, Professor Ad Vingerhoets von der Universität Tilburg, dass Frauen die Tränen häufiger und auch länger kämen. In Zahlen: Während Frauen im Durchschnitt 30 bis 64 Mal im Jahr weinten, täten dies Männern nur sechs bis 17 Mal. Frauen weinen demnach durchschnittlich sechs Minuten lang, Männer zwei bis drei Minuten.

          Diese Stellungnahme wiederum trieb der Labour-Abgeordneten Chi Onwurah Tränen der Wut in die Augen. „Als Bürgermeister Londons ist er naturgemäß vielen Frauen vorgesetzt“, sagte sie am Dienstag. „Wenn Boris Frauen anders behandelt als Männer, indem er ihnen kein ehrliches Feedback gibt, weil sie in Tränen ausbrechen könnten, kommt er seiner Fürsorgepflicht nicht nach und macht sich womöglich im Sinne des Anti-Diskriminierungsgesetzes schuldig.“ Etwaige Rücktrittsforderungen sind nicht bekannt, würden Johnson aber auch kaltlassen, da er im kommenden Frühjahr freiwillig aus dem Amt scheiden will. Das gilt nicht für Hunt, der sich, wie der „Oberserver“ erfuhr, nach den erzwungenen Rücktritten zusammen mit seiner Frau aufs Sofa kuschelte und – weinte.

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