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Sex, drugs, rock and roll : Die Besten gehen vor die Hunde

Für jeden Drink zu haben: Amy Winehouse Bild: Reuters

Fast jeden Tag ein neuer Exzess im Leben der Amy Winehouse: Die Soulsängerin ist die jüngste in einer Reihe von Popstars, die sich durch Alkohol und harte Drogen selbst zugrunde richten. Warum tun sie das, fragt Julia Schaaf.

          Als Kurt Cobain im Frühjahr 1994 aus der Entzugsklinik in Los Angeles flüchtet und nach Seattle fliegt, wo er sich erschießen wird, lauern nirgendwo Paparazzi, die sein bleiches Gesicht, die ängstlichen Augen, die sein heulendes Elend zu Geld machen wollen. Janis Joplin stirbt 1970 an einer Überdosis Drogen, ohne dass ihre Familie vorher im Radio über eine mögliche Rettung des Mädchens gestritten hätte. Und wenn sich Sid Vicious und Nancy Spungen prügelten, landete hinterher wenigstens nicht die Hotelrechnung für blutverschmierte Wände und zertrümmerte Tische in der Zeitung.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn also früher alles besser war, heißt das nicht, dass weniger gesoffen und gestorben worden wäre in der schon immer glitzernd verruchten Welt der Rock- und Popstars. Aber zu Zeiten, in denen mit Schnappschüssen von Gelegenheitskoksern Geld verdient wird und jedes prominente Beziehungstief im Kampf um Auflagenzahlen zur Nachricht taugt, leuchten die Scheinwerfer auch die Schattenseiten und Abgründe des Bühnenglamours aus. Das alte Branchenmantra aus Sex, Drugs and Rock 'n' Roll bedeutet im voyeuristischen 21. Jahrhundert vor allem, dass jedes Auf und Ab im Liebes- und Drogenleben von Musikstars öffentlich ist: Whitney Houston, Robbie Williams, Britney Spears, Pete Doherty. Die aktuellste Kostprobe liefern die Leiden der Amy Winehouse, einer jungen Engländerin mit Bienenkorbfrisur und Kleopatra-Lidstrich, die wahlweise als Soulstimme des Jahres bezeichnet wird - oder als Säuferin.

          „Ich sagte nein, nein, nein“

          Anfang August erleidet Winehouse einen Zusammenbruch. Während ihre Plattenfirma von „ernsthafter Erschöpfung“ spricht, wissen Medien von einem Cocktail aus Heroin, Kokain, Ecstasy und Ketamin. Endlich begibt sich Winehouse samt Ehemann Blake Fielder-Civil in eine Entzugsklinik, „Rehab“ zum Trotz, ihrem Hit, in dem sie singt: „Man wollte mich in die Reha schicken, aber ich sagte nein, nein, nein.“ Wenige Tage später ist das Paar wieder draußen. Es folgt eine von Heroin und Gewalt umwölkte Nacht im Londoner Sanderson Hotel, die mit Pressefotos endet, auf denen Winehouse blutgetränkte Ballerinas trägt, Fielder-Civils Hals ist zerkratzt. Die Kosten für die zerstörte Suite wird der „Sunday Mirror“ auf 9000 Pfund beziffern, 1312 Pfund Mehrwertsteuer inklusive. Schließlich lancieren Amys Schwiegereltern einen besorgten Appell im Radio: Die Süchtigen riskierten ihr Leben. Um sie zur Raison zu bringen, sollten die Fans keine Alben mehr kaufen; die Plattenfirma sei gefordert. Vater Winehouse Vater findet das falsch.

          Für jeden Drink zu haben: Amy Winehouse Bilderstrecke
          Sex, drugs, rock and roll : Die Besten gehen vor die Hunde

          Fast täglich gibt es neue Meldungen, seit Wochen sagt Winehouse ein Konzert nach dem anderen ab. Und dann steht da bei der Gala zu den Mercury Awards diese spindeldürre Gestalt in Bonbonpastell auf der Bühne und singt bebend, gewaltig, exzellent. Nicht nur ihre Fans bekommen Gänsehaut. Der Albenverkauf läuft großartig.

          Ist das öffentlich verhandelte Krisendasein also PR-Masche? Was ist mit der Verantwortung der Musikindustrie? Oder sind doch die Medien an allem schuld?

          Hauptsache Öffentlichkeit?

          „Das hat überhaupt nichts mit einer PR-Strategie zu tun“, versichert Moritz Trapp, Marketing Direktor bei Universal Music, Winehouses deutscher Plattenfirma. Tatsächlich setzt die exzessive Künstlerin immer wieder Interviews in den Sand; auch Auftritte im Vorfeld der Stones sagt man eigentlich nicht ab. Hauptsache, die Medien berichten - egal, was? Das stimmt nur bis zu einem gewissen Punkt. Die Skandale um Pete Doherty haben seiner Band nichts genutzt. „Irgendwann ist ein Niveau erreicht, wo die Verbindung zur Musik nicht mehr da ist“, sagt Trapp. Bis dahin jedoch landen Winehouses selbstzerstörerische Eskapaden, launig präsentiert, gelegentlich auch auf ihrer deutschen Homepage.

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