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Sex, drugs, rock and roll Die Besten gehen vor die Hunde

17.09.2007 ·  Fast jeden Tag ein neuer Exzess im Leben der Amy Winehouse: Die Soulsängerin ist die jüngste in einer Reihe von Popstars, die sich durch Alkohol und harte Drogen selbst zugrunde richten. Warum tun sie das, fragt Julia Schaaf.

Von Julia Schaaf
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Als Kurt Cobain im Frühjahr 1994 aus der Entzugsklinik in Los Angeles flüchtet und nach Seattle fliegt, wo er sich erschießen wird, lauern nirgendwo Paparazzi, die sein bleiches Gesicht, die ängstlichen Augen, die sein heulendes Elend zu Geld machen wollen. Janis Joplin stirbt 1970 an einer Überdosis Drogen, ohne dass ihre Familie vorher im Radio über eine mögliche Rettung des Mädchens gestritten hätte. Und wenn sich Sid Vicious und Nancy Spungen prügelten, landete hinterher wenigstens nicht die Hotelrechnung für blutverschmierte Wände und zertrümmerte Tische in der Zeitung.

Wenn also früher alles besser war, heißt das nicht, dass weniger gesoffen und gestorben worden wäre in der schon immer glitzernd verruchten Welt der Rock- und Popstars. Aber zu Zeiten, in denen mit Schnappschüssen von Gelegenheitskoksern Geld verdient wird und jedes prominente Beziehungstief im Kampf um Auflagenzahlen zur Nachricht taugt, leuchten die Scheinwerfer auch die Schattenseiten und Abgründe des Bühnenglamours aus. Das alte Branchenmantra aus Sex, Drugs and Rock 'n' Roll bedeutet im voyeuristischen 21. Jahrhundert vor allem, dass jedes Auf und Ab im Liebes- und Drogenleben von Musikstars öffentlich ist: Whitney Houston, Robbie Williams, Britney Spears, Pete Doherty. Die aktuellste Kostprobe liefern die Leiden der Amy Winehouse, einer jungen Engländerin mit Bienenkorbfrisur und Kleopatra-Lidstrich, die wahlweise als Soulstimme des Jahres bezeichnet wird - oder als Säuferin.

„Ich sagte nein, nein, nein“

Anfang August erleidet Winehouse einen Zusammenbruch. Während ihre Plattenfirma von „ernsthafter Erschöpfung“ spricht, wissen Medien von einem Cocktail aus Heroin, Kokain, Ecstasy und Ketamin. Endlich begibt sich Winehouse samt Ehemann Blake Fielder-Civil in eine Entzugsklinik, „Rehab“ zum Trotz, ihrem Hit, in dem sie singt: „Man wollte mich in die Reha schicken, aber ich sagte nein, nein, nein.“ Wenige Tage später ist das Paar wieder draußen. Es folgt eine von Heroin und Gewalt umwölkte Nacht im Londoner Sanderson Hotel, die mit Pressefotos endet, auf denen Winehouse blutgetränkte Ballerinas trägt, Fielder-Civils Hals ist zerkratzt. Die Kosten für die zerstörte Suite wird der „Sunday Mirror“ auf 9000 Pfund beziffern, 1312 Pfund Mehrwertsteuer inklusive. Schließlich lancieren Amys Schwiegereltern einen besorgten Appell im Radio: Die Süchtigen riskierten ihr Leben. Um sie zur Raison zu bringen, sollten die Fans keine Alben mehr kaufen; die Plattenfirma sei gefordert. Vater Winehouse Vater findet das falsch.

Die Besten gehen vor die Hunde

Fast täglich gibt es neue Meldungen, seit Wochen sagt Winehouse ein Konzert nach dem anderen ab. Und dann steht da bei der Gala zu den Mercury Awards diese spindeldürre Gestalt in Bonbonpastell auf der Bühne und singt bebend, gewaltig, exzellent. Nicht nur ihre Fans bekommen Gänsehaut. Der Albenverkauf läuft großartig.

Ist das öffentlich verhandelte Krisendasein also PR-Masche? Was ist mit der Verantwortung der Musikindustrie? Oder sind doch die Medien an allem schuld?

Hauptsache Öffentlichkeit?

„Das hat überhaupt nichts mit einer PR-Strategie zu tun“, versichert Moritz Trapp, Marketing Direktor bei Universal Music, Winehouses deutscher Plattenfirma. Tatsächlich setzt die exzessive Künstlerin immer wieder Interviews in den Sand; auch Auftritte im Vorfeld der Stones sagt man eigentlich nicht ab. Hauptsache, die Medien berichten - egal, was? Das stimmt nur bis zu einem gewissen Punkt. Die Skandale um Pete Doherty haben seiner Band nichts genutzt. „Irgendwann ist ein Niveau erreicht, wo die Verbindung zur Musik nicht mehr da ist“, sagt Trapp. Bis dahin jedoch landen Winehouses selbstzerstörerische Eskapaden, launig präsentiert, gelegentlich auch auf ihrer deutschen Homepage.

Der Fall scheint klassisch: Schon als ihr erstes Album erschien, als Amy Winehouse noch brave lange Locken trug und kein einziges Tattoo, trank sie eine ganze Menge. Aber solange sich der öffentliche Druck in Grenzen hielt, hatte sie ihr Laster einigermaßen im Griff. Erst das Album „Back to Black“ macht die Göre aus dem Londoner Norden vergangenen Herbst zum Superstar. Plötzlich schaut die ganze Welt auf sie, Fans, Medien, Paparazzi, Management. Und immer muss sie erfolgreich sein und live funktionieren. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Leiden Megastars unter Borderline?

Das jedenfalls ist das gängige Schema, um die Symbiose von Popmusik und Drogen zu erklären. Eine Studie der Universität Liverpool hat gerade erstmals belegt, dass die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes für Rockstars tatsächlich doppelt so hoch ist wie für den Rest der Menschheit. In mehr als einem Viertel der untersuchten Fälle waren Alkohol und Drogen im Spiel, Unfälle und Selbstmorde nicht einmal mitgerechnet. „Popstars leiden mitunter unter starkem Stress, und das in einem Umfeld, wo Alkohol und Drogen leicht verfügbar sind. Das führt zu einem gesundheitsschädlichen Risikoverhalten“, schreiben die Forscher.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders, und nicht der Bühnenerfolg treibt die Leute in den Wahnsinn. Vielmehr treibt es Leute mit der nötigen Portion Wahnsinn erst auf die Bühne und dort sogar zum Erfolg. Das jedenfalls ist die These von Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Klinikarzt in Göttingen. Joplin und Cobain, Jimi Hendrix und Jim Morrison - nach Einschätzung Bandelows litten sie alle unter einer Persönlichkeitsstörung - vermutlich Borderline -, die mit Narzissmus und Ehrgeiz einhergeht und im Showgeschäft ein Vorteil sein kann. Der Psychiater behauptet, dass bei Borderlinern körpereigene Belohnungssysteme so gestört sind, dass sie stärker stimuliert werden müssen als bei gesunden Menschen, damit Glücksgefühle entstehen. Drugs and Rock 'n' Roll als doppelter Rausch für die Rampensau: Da haben Koks und Heroin plötzlich dieselbe Funktion wie der Jubel der Fans. Auch Selbstverletzung und Magersucht, typische Symptome weiblicher Borderliner, die Amy Winehouse beide zeigt, können die Ausschüttung von Endorphinen bewirken. Sogar das Spiel mit den Medien, die Selbstinszenierung, die zu Schlagzeilen und damit zu Aufmerksamkeit führt, wird aus dieser Perspektive einfach zum nächsten Kick.

Doherty aus dem Gröbsten raus?

Nicht prominent zu sein ist übrigens auch keine Lösung, jedenfalls wenn Bandelows These stimmt: „Ich sehe in der Klinik ja die Borderliner, die nicht berühmt geworden sind, und denen geht es sehr schlecht“, sagt der Professor. 15 Prozent der Kranken sterben durch Suizid. Und Kurt Cobain hätte sich auch umgebracht, wenn er Postbote geworden wäre, hat mal jemand geschrieben. Nun könnte man fürchten, dass die Krankheit die Triebfeder des Erfolges sei und eine Behandlung nur auf eine andere Form der Selbstzerstörung hinausliefe - nämlich das Ende des Ruhmes, des Stars, der Kunst. Aber Bandelow sagt: „Die künstlerische Phantasie leidet nicht unbedingt darunter, dass man sich erfolgreich therapieren lässt.“ Belege liefert auch die Studie aus Liverpool: Das Risiko prominenter Musiker sinkt, je länger sie im Scheinwerferlicht durchhalten. Keith Richards ist mittlerweile 63 Jahre alt.

Während Morrison, Hendrix, Joplin und Cobain mit 27 gestorben sind. Die Borderline-Erkrankung erreicht mit durchschnittlich 26,9 Jahren ihren Höhepunkt. Doherty scheint demnach aus dem Gröbsten raus. Während Winehouse am Freitag ihren 24. Geburtstag gefeiert hat. Happy birthday, Amy. Und viel, viel Glück.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.09.2007, Nr. 37 / Seite 62
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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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