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Veröffentlicht: 10.08.2013, 19:23 Uhr

„Selfies“ Ich knipse, also bin ich

Das Smartphone in die Hand, den Arm ausgestreckt und abgedrückt: Die halbe Welt knipst sich heute selbst und stellt die Fotos online. Was sagen „Selfies“ über uns?

von Anne-Kathrin Gerstlauer
© AP Photo/Beatrice Landau „Selfies“ wie aus dem Bilderbuch - oder dem Facebook: Beatrice aus New York mit ihrem Lieblingsmotiv.

Mund auf! Nein, doch nicht so weit wie beim Zahnarzt. Ein kleines bisschen nur. Oder den Mund zu; dann aber bitte die Lippen Richtung Kussmund bewegen. Stop! Das reicht. Nun den Arm seitlich nach oben, ungefähr im 45-Grad-Winkel, wir wollen ja schließlich kein Doppelkinn auf dem Bild! Konzentration, Daumen aufs Display und ratsch.

Nein, nein, einmal wird nicht reichen. Das wäre ja völlig naiv. Wir machen hier keine Schnappschüsse. Es soll nur so aussehen. Wenn Sie morgens auf der Arbeit frisch und wild aussehen wollen, als kämen Sie gerade vom Joggen, dann gehen Sie dafür vorher ja auch nicht eine Stunde im Wald laufen. Sie stellen sich mit allerlei Werkzeugen und Mittelchen vor den Spiegel.

Also noch einmal: ratsch. Und noch mal. Wenn es nicht gefällt: Einfach löschen, digital gar kein Problem. Und noch mal. Wie lange? Bis es eben gut aussieht. Schön spontan. Spontan schön. Dann, ja, dann haben Sie ein „Selfie“. Ein Bild von sich selbst, mit dem Handy aufgenommen.

Machen tut das jeder. Und das heißt: jeder. Stars. Halbe Stars. Normalos. Modeblogger, Justin Bieber, die vierzehnjährige Nachbarstochter. Für die einen ist es ein visuelles Tagebuch, für die anderen, nicht nur Promis, ein Instrument der Imagepflege, buchstäblich; für viele ist es beides. Und: Selfies sind eine weitere dieser kleinen digitalen Drogen, ohne die viele nicht mehr können.

Vergangenes Jahr fotografierte der japanische Astronaut Aki Hoshide sich selbst während eines Außeneinsatzes an der Internationalen Raumstation. Die beiden Präsidententöchter Sasha und Malia Obama waren im Januar bei der zweiten Amtseinführung ihres Vaters bei der Selfie-Erstellung zu beobachten. Im August bekam das Magazin „Rolling Stone“ Ärger, weil es ein Bild des mutmaßlichen Boston-Attentäters Dzhokhar Tsarnaev auf den Titel gehoben hatte, auf dem dieser dank der verwuschelten Haare und des Bartflaums mehr wie ein Sensibelchen aussah denn wie ein Verbrecher - kein Wunder, das Motiv war ein Selfie, Tsarnaev hatte es selbst auf Twitter gepostet.

25495669 © AP Photo/NASA Vergrößern Bitte lächeln: Beim All-Narzissten Aki Hoshide sieht man´s nur nicht.

Nein, neu ist so was eigentlich nicht. Früher machten die Menschen das mit einer normalen Kamera. Schön spontan. Aber nicht spontan schön. Es ist schließlich kein Zufall, dass Fotografen eher selten auf Armlänge abdrücken, das gibt Verzerrungen im Gesicht. Eine dicke Nase. Wenn die Nase es bei Selbstbildnissen überhaupt aufs Bild schaffte. Damit ist Schluss, seit es die Frontkamera an den Smartphones gibt, beim iPhone4 aufwärts seit 2010. Damit kann man sich im Display sehen, bevor man abdrückt. Das macht die Nase nicht dünner, dafür gibt es Ärzte. Aber es macht sie so dünn, wie es eben geht.

So, aber jetzt zum entscheidenden Teil: dem Upload. Mit „Toaster“ oder „Hefe“. Wenn man das denn will, es ist Geschmackssache. „Toaster“ und „Hefe“ finden sich jedenfalls als Filter auf Instagram, wo man seine Fotos und Videos mit allen teilen kann, die das wirklich sehen wollen. Die Filter machen das Bild ein bisserl dramatischer, ein bisserl retro. Und schöner. Darum geht es ja immer. Aber Vorsicht, Sie müssen sich natürlich überlegen, ob Ihre Freunde denken sollen, Sie sehen nur mit „Toaster“ oder „Hefe“ gut aus. Ja, das ist alles tricky, es gibt einiges zu beachten.

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