01.12.2005 · Familienstreit, Konkurrenzdruck, Bildungsstress: 250.000 Menschen nehmen sich in China jährlich das Leben; Suizid ist die häufigste Todesursache unter jungen Chinesen. Vor allem Studenten, die auf den strengen Elitehochschulen in Depressionen verfallen, sind gefährdet.
Von Petra Kolonko, China„Ich schreibe einen Zettel: auf die linke Seite schreibe ich die Gründe, weiterzuleben, auf die rechte die Gründe, diese Welt zu verlassen. Rechts steht sehr viel, aber links kaum etwas.“ Das traurige Abschiedsgedicht, daß zur Zeit im chinesischen Internet zu lesen ist, stammt von einer Studentin, die sich das Leben nahm. Sie stürzte sich aus dem Fenster eines Hochschulgebäudes der Peking-Universität.
Die Studentin gehörte zur Elite der Nation, war eine der wenigen, die es auf die beste Universität des Landes geschafft hatte, eine, die von Millionen chinesischen Schülern und Studenten beneidet wird - und sie gehört zur wachsenden Gruppe junger chinesischer Studenten, die an Depressionen leiden und mit dem Leben nicht mehr fertig werden.
China: jährlich 250.000 Selbstmorde
In diesem Jahr haben sich schon fünfzehn Studenten an Pekings Elitehochschulen das Leben genommen. Selbstmord ist nach Angaben staatlicher Medien vom Sommer die wichtigste Todesursache unter jungen chinesischen Erwachsenen zwischen 20 und 35 Jahren. 250.000 Menschen im Jahr töten sich in China selbst. Nach einem Bericht von „China Daily“ unternehmen weitere 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen erfolglos den Versuch, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Nach einer Studie des Pekinger Zentrums für Suizid-forschung und -prävention töten sich im Jahr 22 von 100.000 Menschen - das ist eine Rate, die um die Hälfte höher ist als der Durchschnitt auf der ganzen Welt.
Neben den Studenten sind vor allem Frauen auf dem Land ihres Lebens müde: Die Ehemänner streben vom Dorf in die Stadt, um als Wanderarbeiter Geld zu verdienen; zu Hause sind die Frauen dann offenbar häufig damit überlastet, daß sie sich allein um die Kinder und den Hof kümmern müssen - und oft auch mit den Schwiegereltern allein gelassen werden.
14 Prozent der Studenten sind of deprimiert
Aber die Aufmerksamkeit der Politik richtet sich nun vor allem auf gefährdete junge Städter. Bildungsstress, Beziehungsprobleme, Einsamkeit und das Fehlen psychologischer Hilfe bei Depressionen gelten als wichtige Auslöser für den Wunsch, sein Leben zu beenden. Die Hochschulen hängen solche Vorfälle nicht an die große Glocke, denn sie werfen ein schlechtes Licht auf die Universitäten und könnten Eltern und Lehrer verschrecken. Einige der Selbstmordfälle sind über chinesische Zeitungen oder über das Internet bekanntgeworden. Eine Umfrage brachte zutage, daß 14 Prozent der chinesischen Studenten oft deprimiert sind. Und eine überraschte chinesische Öffentlichkeit fragt sich, wie es kommen kann, daß die klügsten und am meisten verhätschelten Kinder der Nation, denen die Zukunft nur Gutes zu versprechen scheint, dem Leben nichts mehr abgewinnen können.
Eiligst werden nun an Universitäten Krisenzentren eingerichtet. Man bildet Berater aus, die Studenten in schwierigen Situationen helfen sollen. In der Peking-Universität, die als beste Chinas gilt, hat man zwanzig Fachkräfte abgestellt und fünf Räume für Beratungsgespräche eingerichtet. Doch bislang nehmen die Studenten diese Hilfsmöglichkeiten noch kaum wahr. „Unsere Studenten haben keine Zeit für die Beratung, sie müssen zuviel arbeiten“, sagt die Psychologin Fang Xin, die Leiterin der Beratungsstelle.
Der Konkurrenzdruck ist immens
Und darin liegt eine der Wurzeln des Problems. Chinas Schüler und Studenten sind so hoffnungslos überlastet mit Lernstoff, daß ihnen die Zeit für andere wichtige Dinge fehlt. Der Konkurrenzdruck in Chinas Schulsystem ist immens. Von der Grundschule an wird für Aufnahmeprüfungen an den weitergehenden Schulen gebüffelt. Nur die Besten kommen durch. Die Jugendlichen büffeln buchstäblich Tag und Nacht für die wichtigste Prüfung in ihrem Leben, die nationale Aufnahmeprüfung für die Universitäten, die nur jeder zweite besteht.
Fang Xin beklagt, daß die chinesischen Kinder keine Zeit mehr zum Spielen haben. Eltern animierten die Kinder grundsätzlich nur zum Lernen. Die Eltern haben die Zukunft im Auge. Denn nur wer einen Universitätsabschluß hat, kann im Land der 1,3 Milliarden Menschen mit einer guten und sicheren Stellung rechnen. Vielen Studenten fehlt die soziale Kompetenz, da sie meist allein und meist mit Hausaufgaben beschäftigt waren. „Sie sehen aus wie achtzehn“, sagt die Psychologin. „Aber sie sind in Wirklichkeit erst acht Jahre alt.“
An wen sollten sie sich auch wenden?
Dazu kommen Fragen, die sich aus der Ein-Kind-Familie ergeben. Chinas Einzelkinder genießen viel Aufmerksamkeit und sind der Mittelpunkt der Familie. Sie stehen aber auch unter großem Druck der Eltern. Wenn die Studenten dann zur Universität kommen und zum ersten Mal auf sich gestellt sind, merken sie, daß sie vieles nicht können - nicht einmal Fußball spielen oder Freunde kennenlernen. Fang Xin erzählt von einem Studenten, der sich in den ersten zwei Monaten an der Universität nicht wusch. Der Vater mußte kommen, ihn unter die Dusche schicken und seine Kleider für ihn waschen lassen. Der Junge war daran gewöhnt, daß ihm alles gesagt wurde und ihm alle lästigen Arbeiten abgenommen wurden.
Psychologen sagen, die chinesischen Eltern wendeten zuviel Aufmerksamkeit daran, was ihre Kinder lernen - und nicht daran, was sie denken und fühlen. Daraus ergeben sich Kommunikationsprobleme in den Familien, die in vielen Selbstmordfällen als Grund angegeben werden. Schwierigkeiten mit den Eltern kommen als Grund für Depressionen häufiger vor als etwa unglückliche Liebesgeschichten. Selbst für einen Freund oder eine Freundin haben viele Studenten keine Zeit. Und an wen sollten sie sich auch wenden bei Problemen? Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation kommt in China auf 100.000 Menschen ein Psychiater - in Europa sind es mindestens zwanzigmal mehr. Depressionen werden eher als eine negative Eigenschaft gesehen denn als eine behandlungsbedürftige Krankheit.
„Wenn sie sterben will, soll sie sterben“
Der Mangel an Kommunikation und Wärme ist auch in der Reaktion auf die Selbstmorde auf dem Campus festzustellen. Als Fang Xin nach dem Selbstmord einer Studentin in deren Wohnheim ging und mit den Studentinnen sprach, die das Zimmer mit ihr teilten, fand sie die Reaktionen sehr kalt. Es müßte dringend eine „Wohnheim-Kultur“ entwickelt werden, sagt die Studentenberaterin. Sie bot nach dem letzten Selbstmordfall im Internet eine Online-Beratung an. Aber dazu meldeten sich nur 67 Studenten.
Auch die Reaktionen im Internet auf das traurige lange Abschiedsgedicht der Studentin, das im Netz kursiert, zeugen nicht nur von Mitleid. Die wenigsten der Internet-Blogger wollten etwa wissen, was genau die Schwierigkeiten der Studentin waren. Die Reaktionen lauteten so: „Geisteskrank!“ - „Wenn man 20 ist und solche Gedanken hat, dann sollte man sterben.“ - „Wenn sie sterben will, soll sie sterben. Es gibt auf dieser Welt doch wirklich genug Menschen.“
Pflichtkurs „Wie lebt man besser und glücklicher“?
Vielleicht ist es für Außenstehende wirklich schwer einzusehen, warum gerade die Privilegierten am Leben verzweifeln. Die Universität müßten jedenfalls, so fordern es chinesische Erziehungswissenschaftler, mehr Verantwortung für die Gesamtentwicklung der Studenten übernehmen.
Fang Xin hat dazu einen Vorschlag: Man müßte auf den Universitäten einen neuen Pflichtkurs einführen mit dem Titel „Wie lebt man besser und glücklicher“.