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Seine Söhne gingen zum IS : Vater aus Kassel sucht in Syrien nach seinen Kindern

Foto von Gerhard mit seinen Söhnen: Sind sie noch am Leben? Bild: Michael Kretzer

Er will nicht glauben, dass seine beiden Söhne im Kampf für den „Islamischen Staat“ umgekommen sind. Obwohl er schon mehrmals die Nachricht bekommen hat, dass seine Kinder tot sind, sucht Joachim Gerhard weiter.

          Die erste Todesnachricht bekam Joachim Gerhard am 25. März 2015, um 12.09 Uhr. Er stand gerade auf einer Baustelle in seiner Heimatstadt Kassel, als sein Handy vibrierte und der Name seines ältesten Sohnes aufleuchtete. Gerhard freute sich zunächst, er hatte von seinen Söhnen keine Nachricht mehr bekommen, seit sie sich wenige Wochen zuvor in einer Videobotschaft von ihm losgesagt hatten.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Mit Maschinenpistolen in der Hand hatten sie damals erklärt, dass sie mit ihm nichts mehr zu tun haben wollten, wenn er nicht bezeuge, „dass es keinen anbetungswürdigen Gott gibt außer Allah“. Die Botschaft war aus Syrien gekommen, wo sich seine Söhne Ende 2014 im Alter von 23 und 19 Jahren dem selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) angeschlossen hatten.

          Auf der Baustelle in Kassel öffnete Gerhard die neue Nachricht: „Es gibt keine Gottheit außer Allah.“ Solche Sätze kannte Gerhard von seinen Söhnen, er merkte aber schnell, dass die Nachricht gar nicht von ihnen kam. Seine „ehrenwerten Söhne“, las er, seien „der absoluten Pflicht nachgekommen, das Kalifat unter dem ehrenwerten Kalifen Abu Bakr Al-Bagdadi zu unterstützen. Bei der Verteidigung ihrer Brüder und Schwestern wurden sie am selben Tag niedergeschossen“.

          Über einen Freund fanden die Söhne zum Islam

          Joachim Gerhard wurde 1963 in dem Darmstädter Vorort Arheilgen geboren. Nach der Schule machte er eine Lehre zum Bauschlosser, heiratete und bekam zwei Söhne. Mit seiner Familie zog er nach Kassel, wo er eine erfolgreiche Immobilienfirma aufbaute. Seine Söhne spielten Fußball, gingen feiern, wollten Schauspieler und Fotograf werden, bevor sie sich 2014 plötzlich veränderten. Über einen Freund fanden sie zum Islam, fingen an, mehrmals am Tag zu beten, tranken keinen Alkohol mehr und mieden Partys. Im Oktober 2014 verschwanden sie.

          Türkisch-syrische Grenzgebiet : Ein Vater sucht seine IS-Söhne

          Mit dem Auto ihres Vaters fuhren sie in die Türkei und ließen sich von Schleusern nach Syrien bringen. Wochenlang hörte Joachim Gerhard nichts von ihnen, dann meldeten sie sich plötzlich, schickten Bilder vom Grillen, erzählten, dass sie nur in Syrien ihren Glauben ausleben könnten, luden ihren Vater zu einem Besuch ein.

          Gerhard wollte das Angebot annehmen, reiste im Februar 2015 in die Türkei, an der Grenze kam er nicht weiter. Er schaffte es aber immerhin, einen Freund seiner Söhne, der mit ihnen nach Syrien gereist war, jetzt aber wieder nach Hause wollte, an der syrischen Grenze einzusammeln. Weil er damit „gegen den Islamischen Staat“ gearbeitet habe, wie seine Söhne meinten, sagten sie sich von ihm los.

          „Rufen Sie mich an, wenn Sie ihre Leichen haben“

          Für Gerhard begann eine nicht enden wollende Suche. Von deutschen Behörden bekam er kaum Hilfe, also setzte er auf die Zusammenarbeit mit Schleusern, die versprachen, ihm zu helfen, die ihm aber nur das Geld aus der Tasche zogen. Einer von Gerhards ersten Helfern war der „Opa“, den er in einem Teehaus in dem türkischen Grenzort Elbeyli in der Nähe von Gaziantep kennenlernte, als er zum ersten Mal versuchte, über die Grenze zu kommen. Für 400 Euro half der Opa, den Freund von Gerhards Söhnen aus Syrien herauszuholen. Weil es tatsächlich klappte, hoffte Gerhard, dass der Mann auch seine Söhne finden würde.

          Immer wieder reiste er nach Elbeyli, der Opa erzählte ihm von einem Trupp, der in Syrien auf der Suche nach seinen Söhnen sei. Das koste natürlich. „Jetzt haben wir sie fast“, erklärte er wieder und wieder. „Es gab es einen Punkt, da war klar, er wollte nur noch mein Geld“, sagt Gerhard. Als der Opa ihm eine Fotomontage als Beweis präsentierte, dass er seinen Söhnen auf der Spur sei, brach Gerhard den Kontakt ab. Mehr als 20 000 Euro hatte er dem Türken da schon gezahlt.

          Fotograf und Schauspieler wollten sie werden: Zeichnung von Gerhards Söhnen.
          Fotograf und Schauspieler wollten sie werden: Zeichnung von Gerhards Söhnen. : Bild: Michael Kretzer

          Zu diesem Zeitpunkt hatte Gerhard im Grenzgebiet schon einen neuen Kontaktmann kennengelernt, den „Alten“. Der soll selbst mal für den IS gearbeitet haben und behauptete ebenfalls, die Söhne gegen Geld aus Syrien herausholen zu können. „Da habe ich aber nur noch bezahlt, wenn ich Beweise gesehen habe“, sagt Gerhard. Im September 2015 meldete sich der Alte mit der Nachricht: „Wir haben sie.“ Als Gerhard in die Türkei flog, bekam er nur ein verpixeltes Foto zu sehen. Wie viel er für die etwa 20 Reisen in die Türkei und an die Menschenschmuggler insgesamt bezahlt hat? „Etwa 150 000 Euro“, sagt er. „Ich kaufe Hoffnung für Geld.“

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