Es ist ein ungleicher Kampf, den die Kameras aufgezeichnet haben. Die „Varadero I“ schwankt schon auf ruhigem Wasser, ein kleines Fischerboot, nicht viel mehr als eine Nussschale. Dagegen erscheint die „Ocean Warrior“ wie ein Ungetüm aus Stahl, am Mast des 54 Meter langen Flaggschiffs weht eine schwarze Totenkopfflagge. Doch die eigentlichen Kriminellen sitzen an Deck der Barke. Eine Handvoll Männer, costa-ricanische Fischer, die vor der Küste Guatemalas Langleinen ausgeworfen haben, um Haie zu fangen. Ein ebenso illegales wie profitables Geschäft. Denn die Rückenflossen der Tiere bringen rund 200 Dollar pro Pfund.
Paul Watson ist Kapitän der „Ocean Warrior“ und Anführer der „Sea Shepherds“ („Hirten der Meere“), die seit 35 Jahren mit radikalen Methoden gegen Haifischer und Walfänger vorgehen. Im Auftrag der guatemaltekischen Behörden sollen sie die „Varadero I“ in den nächsten Hafen begleiten. Doch die Wilderer versuchen zu flüchten. Watson schneidet ihnen den Weg ab, die Schiffe stoßen zusammen.
Im Dokumentarfilm „Sharkwater“ ist der Vorfall festgehalten, der Watson nun, zehn Jahre später, zum Verhängnis werden könnte. Mitte Mai wurde er am Frankfurter Flughafen festgenommen, weil seit Oktober 2011 ein Haftbefehl aus Costa Rica vorliegt. Watson soll die Besatzung der „Varadero I“ verletzt und in Lebensgefahr gebracht haben. Gegen eine Kaution in Höhe von 250 000 Euro, die ein Freund für ihn leistete, kam Watson Ende Mai frei, darf Deutschland aber vorerst nicht verlassen. Die Justiz muss nun entscheiden, ob er an das zentralamerikanische Land ausgeliefert wird.
Proteste hält Watson für sinnlos – für ihn zählen Taten
Watson gehört zu den Gründungsmitgliedern von Greenpeace, für die er heute aber nur noch abfällige Kommentare übrig hat. Er unterstellt ihnen Untätigkeit und Selbstgefälligkeit, sie bezeichnen ihn als „Irren“. 1977 verließ Watson die Organisation und gründete im selben Jahr die „Sea Shepherds“. Trotz seiner 62 Jahre und des schneeweißen Haars wirkt der gebürtige Kanadier, der zudem die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, jungenhaft. Ohne Atempause referiert er über die Ausbeutung der Meere und die Profitgier derjenigen, die damit ihr Geld verdienen. Und darüber, wie schwer er ihnen das Leben macht.
Proteste hält Watson für sinnlos, für ihn zählen Taten. In den vergangenen Jahrzehnten haben die „Sea Shepherds“ Verträge mit Delphinfängern in Japan ausgehandelt, sich gegen das Robbenschlachten in Kanada eingesetzt und in Kooperation mit ecuadorianischen Behörden für den Erhalt der Galapagos-Inseln gekämpft. Japan musste seine Walfangsaison, die es gegen das Moratorium der Internationalen Walfangkommission angeblich zu Forschungzwecken betreibt, in den vergangenen Jahren frühzeitig beenden, weil „Sea Shepherd“ die Jagd konstant behindert. Zehn Walfänger haben sie versenkt, deren Namen zieren die Außenwand der „Ocean Warrior“, die mittlerweile „Farley Mowat“ heißt und vor einigen Jahren von kanadischen Behörden beschlagnahmt wurde.
Die Organisation finanziert sich ausschließlich über Spenden und Werbeeinnahmen aus den Dokumentationen, die an Bord ihrer vier Flaggschiffe gedreht werden. Bei ihren Kampagnen werden sie von freiwilligen Helfern unterstützt. Seit vergangenem Jahr setzen sie von Sponsoren gestellte Drohnen ein, mit denen sie Walfänger auch inmitten von Eisbergen aufspüren können. Mit stinkender Buttersäure machen sie dann den Fang der Wilderer ungenießbar, wickeln Taue in die Schrauben der Schiffe und rammen sie, wenn nötig - so wie es im Fall der „Varadero I“ geschah.
Dabei berufen sie sich auf eine Charta der Vereinigten Nationen, die auch Privatpersonen dazu aufruft, aktiv gegen Umweltsünder vorzugehen. Doch die Charta ist reine Absichtserklärung, in Hoheitsgewässern gilt das Gesetz des jeweiligen Staates. Viele Staaten unterstützen die Arbeit der „Sea Shepherds“, doch gerade in Küstengebieten bewegen sie sich oft in legalen Grauzonen, am Rande der Selbstjustiz.
Haftbefehl könnte politisch motiviert sein
Watson sagt, dass bei den Kampagnen niemand verletzt werde, doch Costa Rica will ihm nun wegen „gefährlichen Eingriffs in den Schiffsverkehr“ den Prozess machen. Weil das auch nach deutschem Recht strafbar und noch nicht verjährt ist, hat das zuständige Frankfurter Oberlandesgericht wenige Tage nach der Festnahme Watsons seine vorläufige Auslieferungshaft angeordnet. Die costa-ricanischen Behörden müssen ihren Antrag jetzt begründen. Deutschland kann die Auslieferung jedoch verweigern, weil es weder ein entsprechendes Abkommen mit Costa Rica gibt noch einen verbindlichen internationalen Haftbefehl.
Zwar hat Interpol den costa-ricanischen Befehl ausgeschrieben und auch eine sogenannte „Blue Notice“ für Watson herausgegeben, was bedeutet, dass Informationen über ihn gesammelt werden sollen. Doch schon im März erklärte Interpol, dass es keine „Red Notice“, die einem internationalen Haftbefehl gleichkäme, ausstellen werde. Es sei fraglich, ob „der Antrag mit Interpols Verfassung und Regeln übereinstimmt“. Mit anderen Worten: Der Haftbefehl aus Costa Rica könnte politisch motiviert sein.
Die costa-ricanische Botschaft gibt an, dass Watson nach dem Vorfall von 2002 einer gerichtlichen Vorladung nicht gefolgt und stattdessen aus dem Land geflüchtet sei. Watson hingegen behauptet, damals in Costa Rica verhört worden zu sein. Die Ausreise sei ihm daraufhin schriftlich genehmigt worden, eine weitere Vorladung habe er nie erhalten.
Vor kurzem traf Watson den costa-ricanischen Außenminister in Stuttgart. Er habe diesem versichert, zu einem festgelegten Verhandlungstermin freiwillig anzureisen, sagt Watson. Doch da die „Haifischflossen-Mafia“ Costa Ricas ein Kopfgeld in Höhe von 25 000 Euro auf ihn angesetzt habe, wäre sein Leben während einer Untersuchungshaft in Gefahr. Laut Watsons Anwalt Alexander Gruner haben die costa-ricanischen Behörden auf dieses Angebot nicht reagiert.
Gruner will, dass der Haftbefehl aufgehoben wird. Er hält das Verfahren gegen seinen Mandanten für rechtswidrig. Sobald der Auslieferungsantrag aus Costa Rica in Deutschland eingegangen ist, wird das Oberlandesgericht ihn prüfen. Ob Watson ausgeliefert wird oder nicht, entscheidet letztlich aber die Bundesjustizministerin. Die Grünen haben eine eingehende Prüfung beim Ministerium angefordert, dort wollte sich auf Anfrage jedoch niemand zum Fall äußern.
Watson koordiniert unterdessen weiter die Kampagnen der „Sea Shepherds“, nun eben von seiner Wohnung im Frankfurter Stadtteil Bornheim aus. Über das Internet hält er den Rest der Welt auf dem Laufenden. An Selbstbewusstsein zumindest mangelt es ihm nicht, in einem Beitrag stellt er sich in eine Reihe mit Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi und Mahatma Ghandi: Er werde weiter, wenn nötig aus der Gefängniszelle, „als Symbol des Widerstands gegen die Zerstörung unserer Meere dienen“.
Kanadische Forscher melden einen Rückgang
Antonietta Tumminello (astra1971)
- 25.06.2012, 15:59 Uhr
Rabiater Oberhirte
Josef Baron Kerckerinck zur Borg (JuppKerckerinck)
- 25.06.2012, 14:39 Uhr
Paul Watson ist ein Held
Markus Moenig (shabby)
- 25.06.2012, 12:40 Uhr
Die Grünen, einfach unglaublich....
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 25.06.2012, 09:58 Uhr