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Leben im Kloster : Früher Physikerin, heute Nonne

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„Ich habe immer gedacht, das kann doch nicht alles gewesen sein“: Schwester Pauline im Kloster Helfta. Bild: Klein, Nora

Als sie 24 ist, wird aus Anne, der Physikerin, Schwester Pauline. Das Kloster, glaubt sie, bringt sie ihrem Lebensziel näher, zufrieden zu sein. Doch Zweifel bleiben. Und die hält sie fest – in einem Blog.

          Ein Singsang aus lateinischen Versen klettert unter das Spitzdach des Klosters Sankt Marien zu Helfta. Zwölf Schwestern sitzen hinter ihren Gebetspulten links und rechts vom Altar. Ihre Stimmen sind hell und klar, ihre Schleier schwarz: Zeichen dafür, dass sie die ewige Profess abgelegt und sich damit fürs Kloster auf Lebenszeit entschieden haben.

          Eine unter ihnen sticht heraus. Sie ist jünger als die anderen und trägt Zivil. Ein einfaches weißes T-Shirt, dazu einen schwarzen Leinenrock, der ihr bis zu den Knöcheln reicht. Ein bisschen sieht es aus, als sei sie eine Spaziergängerin aus dem angrenzenden Park und nur durch Zufall zwischen die Frauen in den strengen Ordensgewändern geraten. Ihre rahmenlose Brille sitzt auf zwei rundlichen Wangen. Statt durch einen Schleier werden sie von einer etwas wild gewachsenen, dunkelblonden Kurzhaarfrisur umrahmt. Ein Ton gerät schief. Sie muss grinsen.

          Fremde Welt hinter Klostermauern

          Die junge Frau hieß früher Anne und wurde im Kloster zu Schwester Pauline. Die 31-Jährige ist nicht nur Nonne und Diplomphysikerin, Geistliche und Wissenschaftlerin zugleich; sie schreibt auch ihren eigenen Blog. Direkt aus dem Kloster. Mit 24 Jahren trat sie in den Orden ein, dann wieder aus, um Physiklehrerin zu werden, im September kehrte sie schließlich zurück. Ihre Blog-Einträge erzählen von einer fremden Welt hinter Klostermauern und dem Hin- und Hergerissensein einer jungen Frau auf der Suche nach ihrem Platz im Leben.

          Schwester Paulines Zimmer in Helfta ist überraschend modern eingerichtet. Ein Bett, ein Regal, ein Schreibtisch. Alles aus hellem Holzfurnier. Nur den Stuhl hat sie von ihrer Großmutter mit hergenommen. Durch ein bodentiefes Fenster schaut sie direkt auf den Kreuzgang mit seinem rotem Ziegeldach und einen Brunnen aus hellem Stein, der die Figur der Muttergottes zeigt. Daneben liegen ein kleiner Klausurgarten und ein Hühnerstall. Dahinter, abgetrennt durch einen grün bewachsenen Zaun, breitet sich der Klosterpark aus: Weite Wiesen und alte Bäume stehen hier. Ganz hinten grast das Pferd eines Nachbarn.

          Sie lacht gerne

          Auf ihrem Schreibtisch steht das einzig sichtbare Kreuz im Zimmer: eine schlichte, etwa dreißig Zentimeter große Holzfigur. Ihr Vater hat es für sie aus einem Kirschbaum aus dem heimischen Wald geschnitzt. Das war noch während ihres Studiums. Schwester Pauline schaut darauf herunter und berührt die Spitze leicht mit der rechten Hand. Trotz ihres selbstbewussten, fröhlichen Auftretens hat sie etwas Fragiles an sich.

          Ihr Regal ist voller Bücher: Stricken, Kleider nähen, vegan kochen. Daneben einige über Physik und Mathematik. Mehrere Fantasy-Romane, Thriller und die Bibel in verschiedenen Übersetzungen. Im Moment liest sie Terry Pratchett: „Ich bin ein richtiger Bücherwurm“, sagt sie. „Wenn ich einmal anfange, kann ich nicht mehr aufhören.“ Schwester Pauline lacht. Sie lacht gern, viel und mit dem ganzen Körper. Meist aus Freude, manchmal, um Verunsicherung zu überspielen.

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