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Schriftsteller J. R. Moehringer : Der Junge aus der Tender Bar

J.R. Moehringer sieht nicht aus wie ein typischer Schriftsteller, ist aber ein guter. Bild: Lüdecke, Matthias

Er hat mit André Agassi dessen Autobiographie verfasst und ein Buch über einen berühmten Bankräuber. Doch die beste Story des Schriftstellers J. R. Moehringer ist die seines eigenen Lebens.

          Er ist sprachlos, immer noch. Vor kurzem erst hat der Schriftsteller J. R. Moehringer erfahren, dass drei Monate Arbeit umsonst gewesen sind. „Ich kann es nicht glauben“, seufzt er, „wieso tun sie das?“ Für einen Moment verschwindet aus seinem Gesicht das gewinnende Lächeln, das den Reporter in ihm verrät. Von Berufs wegen sind Journalisten darin geübt, aus Gesprächspartnern ziemlich schnell ziemlich viel herauszuholen. Jeder gute Reporter muss deshalb auch ein guter Verführer sein. J. R. Moehringer, der viele Jahre lang für die „Los Angeles Times“ Korrespondent in Denver war, ist darin zweifellos ein Meister, hat er es doch zum renommierten Pulitzer-Preis gebracht.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jetzt sitzt er im Dachrestaurant eines Frankfurter Hotels mit Blick auf die funkelnde Skyline und trinkt einen Schluck aus seinem Wasserglas. Seit er 25 ist, trinkt er keinen Alkohol. Dabei hat er schon mit elf die Biergläser in der Bar seines Onkels geleert. Am Abend wird er im English Theatre im Bahnhofsviertel aus seinem jüngsten Roman lesen, der unter dem Titel „Knapp am Herz vorbei“ gerade auf Deutsch erschienen ist. Vom Klischee des Schriftstellers hält sich der achtundvierzigjährige Amerikaner möglichst fern. Schon rein äußerlich setzt er sich ab vom Künstlerlook in schwarzem Rollkragenpulli und Cordsakko. Moehringer trägt Anzug und Krawatte und eine sehr teure Uhr am Handgelenk. Er sieht aus wie ein Geschäftsmann auf der Durchreise, der mit seinem akkuraten Kurzhaarschnitt in der Bankenstadt Frankfurt nicht weiter auffällt.

          Moehringer hat eine Vorliebe zur Peripherie

          Moehringer hält gern Distanz. So lebt er nicht etwa in Brooklyn in New York, wo die literarische Bohème sich gern niederlässt, sondern in der Wüste, bei Phoenix. Kein Geld der Welt könnte ihn nach Brooklyn locken. Dort im Café am Nachbartisch von Jonathan Safran Foer zu sitzen und sich anhören zu müssen, wessen Buch wo auf der Bestsellerliste steht? Und wer wie in der „New York Times“ besprochen wurde? „No, thank you!“ Moehringer winkt ab. An seiner Vorliebe zur Peripherie hält er fest. Als Nächstes will er nach Oregon übersiedeln.

          Seine mit dem Pulitzer-Preis gewürdigte literarische Reportage „Mary Lee’s Vision“ erzählt von einer schwarzen Armensiedlung in einem Nest namens Gee’s Band. Sein gerade gescheitertes Buchprojekt behandelte ebenfalls einen sozialen Aspekt. Es sollte um ein Pilotprojekt in Saint Louis gehen, das - einmalig in Amerika, wie Moehringer erzählt - mit der Unterstützung von Mäzenen, Behörden und Detektiven Verwandte von Waisenkindern aufspürt. „Es ist nachgewiesen, dass diese Verbindungen diesen Kindern helfen, sogar wenn der wiedergefundene Onkel oder die entfernte Cousine selbst gar nicht unbedingt in besten Verhältnissen leben“, erzählt Moehringer.

          Es reiche oft, wenn die sich verlassen wähnenden Kinder erfahren, dass da noch einer aus ihrer Sippe auf der Welt sei. Moehringer hat so lange recherchiert, mit Sozialarbeitern, Politikern und Waisen gesprochen, bis die Geschichte vor seinem inneren Auge Gestalt annahm. Es fehlte nur noch die Zustimmung vom Direktor der Einrichtung. Doch der legte ihm einen langen Vertrag vor, der darin gipfelte, dass Moehringer alle Einnahmen aus dem Buch spenden müsse. Das war das Aus. Selbst ein renommierter Schriftsteller wie J. R. Moehringer kann es sich nicht leisten, drei Jahre umsonst zu arbeiten.

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