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Schriftsteller Die kleinen Fluchten der Cecelia Ahern

 ·  Die Romane der Irin, angefangen mit „P.S. Ich liebe Dich“, verkaufen sich millionenfach. Doch Ahern ist nicht so zuckergusshaft, wie ihre Bücher vermuten ließen.

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© Owen O'Connor Eine neue Lebensphase, ein neues Buch: Cecelia Ahern

Eine zierliche Hand mit kurzen, pink lackierten Fingernägeln greift nach der Ketchupflasche. Mittagessen in einem Nobelvorort von Dublin, eine rustikale Idylle: Draußen, am Pier, wo die Fischkutter anlegen, pflügen Seehunde durchs Hafenbecken. Drinnen, im Restaurant „The Oar House“, türmen sich auf einem Holzbrett grob geschnitzte Fritten und Schellfisch in knuspriger Panade. Das Erbspüree ist mindestens so grün wie die Wiesenhügel Irlands. Die Flasche Tomatenketchup ist neu. Scheues Schütteln - nichts passiert. Mehrfaches Klopfen auf den Glasboden - der Ketchup klebt fest. Rabiatere Zeitgenossen würden jetzt Gewalt anwenden oder mit dem Messer stochern. Die pinkfarbenen Fingernägel setzen die Flasche unverrichteter Dinge wieder ab. „Schon in Ordnung“, flötet Cecelia Ahern. „Ich will ja gar nicht unbedingt.“

Cecelia Ahern gilt als Inbegriff einer netten, freundlichen Irin, die wie am Fließband nette, freundliche Frauenliteratur produziert. Sie ist jung, sie ist blond, sie ist hübsch. Und sie ist die Tochter des langjährigen irischen Ministerpräsidenten Bertie Ahern, was in ihrer Heimat heißt: eine Prominente von Kindesbeinen an. Mit gerade einmal 21 Jahren verfasste Ahern ihr Debüt „P.S. Ich liebe Dich“. Das Buch soll ihr auf Anhieb ein Millionenvermögen eingebracht haben. Es wurde in 25 Sprachen übersetzt und später mit Hilary Swank verfilmt.

Himmel, Liebe und Gefühl auf dem Cover

Inzwischen gibt es acht Ahern-Romane, ein Reigen in Rosalilableu mit Titeln in Schnörkelschrift und Wörtern wie Himmel, Liebe, Gefühl und Leben auf dem Cover. Autorin und Werk scheinen jedes Zuckergussklischee leichtgängiger Herzschmerzliteratur für die anspruchslose Frau zu erfüllen. Die inzwischen Dreißigjährige ist deshalb oft als Kitschprinzessin belächelt worden. Allein in Deutschland haben sich ihre Bücher 7,5 Millionen Mal verkauft.

Ihrem neuen Erzählband „Solange du mich siehst“ hat sie nun ein Vorwort vorangestellt. Wie zur Warnung steht da, dieses Mal gehe es ungewöhnlich düster zu. Tatsächlich hat besonders die zweite der beiden Geschichten eine gruselige Note. Es gibt darin eine Großmutter ohne Augen, einen Pakt mit einem Spiegel und eine junge Frau, die zusehen muss, wie eine andere fortan ihr Leben lebt.

Ahern selbst findet das nicht besonders überraschend. Das Vorwort, sagt sie über ihren Fisch hinweg, der inzwischen doch neben einem Ketchupsee ruht, habe sie nur dem Verlag zuliebe geschrieben. Sie trägt ein pinkfarbenes Kleid und ist tatsächlich ausnehmend nett und freundlich. Aber sie sagt: „In vielen meiner Geschichten gibt es etwas Dunkles, sie drehen sich um Verlust. Es geht darum, Hoffnung zu finden, weshalb es leicht ist, sie als romantische Liebesgeschichten abzutun. Aber es gibt darin immer etwas Düsteres. Das steckt in mir.“

Am Anfang oft ein magischer Dreh

Nicht, dass eine Ahern einfach so über sich und ihr Umfeld schreiben würde. Als Politikertochter und Schwägerin eines Popstars - die ältere Schwester hat einen Sänger der Erfolgsboygroup „Westlife“ geheiratet - wäre das nicht gerade angezeigt. Aber das ist auch nicht ihr Ding. Schon als Dreizehnjährige fing sie sich im Englischunterricht einen Rüffel, weil ihr Aufsatz zum Thema „Eine Erfahrung, die mein Leben verändert hat“ um eine frei erfundene Aidskranke kreiste. „Das hat mich wirklich geärgert“, sagt Ahern, und ihre helle, perlende Stimme klingt auf einmal überhaupt nicht freundlich. „Was macht es für einen Sinn, den Tag zu beschreiben, an dem meine Großmutter starb? Das macht jeder. Ich wollte über andere Dinge schreiben.“

Nichtsdestotrotz hängt jedes ihrer Bücher mit einer Phase ihres Lebens zusammen. Am Anfang steht eine Idee, ein origineller, oft magischer Dreh, anschließend bastelt sich die Autorin ihr Personal. Ihr emotionaler Zugang jedoch sei meist persönlich, sagt sie. Beispiel „P.S. Ich liebe Dich“. Ahern hatte ihr Studium in Medienkommunikation abgeschlossen, war gerade 21 geworden und am Suchen: „Was will ich mit meinem Leben anfangen? Wer bin ich überhaupt? Und warum geht es mir so schlecht, wo ich doch eigentlich glücklich sein sollte? - Ich nenne das meine quarterlife crisis“, sagt Ahern. Also schrieb sie über eine verzweifelte Dreißigjährige, deren Ehemann gestorben war. Ihre Figur versucht, herauszufinden, wer sie ist und wo sie hinwill. Dabei helfen ihr Briefe, die ihr Mann ihr hinterlassen hat, „und diese Briefe, die ich schrieb, halfen mir“, sagt Ahern. „Wir haben gewissermaßen dieselbe Reise unternommen, und am Schluss hatte sie ein Leben und ich eine Karriere. Sie war nicht ich, und ihre Geschichte war nicht meine. Aber wir befanden uns in derselben Lage.“

Dasselbe gilt für ihren jüngsten, besonders schwungvollen Roman „Ein Moment fürs Leben“: Die Protagonistin sieht sich gezwungen, sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen, weil dieses plötzlich buchstäblich in Person eines verlotterten jungen Mannes vor ihr steht, der sich von ihr vernachlässigt fühlt. Das Buch entstand, nachdem Ahern ein Kind bekommen hatte. „Vorher gab es nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Mein Leben drehte sich immer nur um das nächste Buch, ich habe das geliebt. Aber dann nahm ich ein Jahr Auszeit und kümmerte mich um mein Leben. Ich bin meinem Leben gewissermaßen begegnet, und jetzt ist mein Leben besser und gesünder.“

Kreativität und Bürozeiten sind keine Gegensätze

Praktisch bedeutet das, dass Ahern nicht mehr die Nächte am heimischen Küchentisch oder im Dachzimmer durchschreibt. Sie hat sich ein Büro daheim in Malahide gesucht, einem Vorort von Dublin direkt an der Küste, der inzwischen auch Touristen als Ausflugsziel empfohlen wird: Alles so schön pittoresk hier. Nun sitzt sie jeden Tag von neun bis fünf Uhr vor dem Computer und ist erleichtert, dass Kreativität und Bürozeiten offenbar keine Gegensätze sind. Früher ging sie am Strand spazieren, wenn sie verkatert war. Heute sammelt sie Muscheln mit ihrer Zweijährigen. Die Wochenenden sind strikt arbeitsfrei. Dann genießt sie die Zeit mit Mann und Tochter. Ohnehin, sagt sie, fühle sie sich manchmal schlecht, weil sie so viel arbeite und weg sei. „Aber ich weiß auch, dass ich eine bessere Mutter bin, wenn ich Zeit für mich selbst habe.“

Nach wie vor lebt Cecelia Ahern in der hübschen beschaulichen Welt, in der sie aufgewachsen ist. Der Weg zu ihrem Büro führt an ihrer ehemaligen Grundschule vorbei. Die Straße hinab sind der Lieblingspub ihres Mannes und der Laden des Blumenhändlers, den sie immer mit ihrer Mutter verkuppeln wollte und der ihnen jedes Jahr auf Anhieb den Weihnachtsbaum heraussucht, der exakt ins Wohnzimmer passt. Um die Ecke ist die Boutique, wo sie vor Pressereisen neue Kleider kauft. In der Kirche wurde sie getauft. Auf den Tennisplätzen an der Hauptstraße verlebte sie einst die Sommerferien, „das war eine gesunde Art, unsere Jugend zu verbringen“. Wenn Ahern in ihrem schwarzen Mercedes die Küstenstraße entlangschnurrt, grüßt sie überall bekannte Gesichter.

Und dann ist da die Familie. „Wir sind eine tolle Familie, wir sind uns sehr nah“, sagt Ahern: Die Mutter wohnt nur einen Spaziergang entfernt, auch die Schwester ist in Malahide geblieben, zum Vater sind es zehn Minuten mit dem Auto. Jeden Sonntag kommen alle zusammen. Dabei leben die Eltern seit 25 Jahren getrennt. „Wir frotzeln sie immer: Wann lasst ihr euch endlich scheiden?“ Und vielleicht wurzeln die Zuversicht ihrer Bücher, die Gewissheit, mit der sie Lebensweisheiten aufschreibt, und dieser unerschütterliche Optimismus, dass man nie alleine ist und es trotz allem irgendwie weitergeht - vielleicht wurzelt dieses Urvertrauen in Malahide und in dieser Familie. „Es ist schwer zu sagen, warum ich bin, wie ich bin“, sagt Cecelia Ahern. Dann spricht sie von dem engen Verhältnis zu ihrem Vater, dem Mann, der elf Jahre lang an der Spitze Irlands stand. „Motor on“ sei einer seiner Standardratschläge. Mach weiter. Schau nicht zurück. Oder: Schau zurück, lerne daraus und mach dann weiter.

Ein Leben unter dem Mikroskop

Cecelia Ahern ist zielstrebiger und ehrgeiziger, als man ob der pinkfarbenen Fingernägel an der Ketchupflasche vermutet hätte; eine, die zu Ende bringt, was sie begonnen hat. Wenn irgendwo im Café oder am Flughafen jemand seine Arbeit nicht ordentlich macht, kann sie sich mächtig aufregen. Sie vermutet, das Leistungsethos ihres Vaters habe sie geprägt. Auch das mütterliche Credo sei gewesen: Was immer du tust, gib alles. Dabei habe die Mutter sie vorbehaltlos unterstützt - beim Tanzen,

Fortsetzung nächste Seite beim Theaterspielen, beim Singen und irgendwann dann beim Bücherschreiben. „Ich habe keine Angst zu scheitern“, sagt Ahern.

Erst rückblickend ist ihr klargeworden, was es bedeutete, unter den Augen der Öffentlichkeit aufzuwachsen. Jeden Sonntag verbrachten die Schwestern mit ihrem Vater, dem Großpolitiker - und der war immer im Einsatz. Wenn er eine Rede hielt, saßen sie in der ersten Reihe, wenn er in ein Gespräch unter Erwachsenen verwickelt war, standen sie dabei. Ein Leben wie unter dem Mikroskop. „Wir mussten so vorsichtig sein“, sagt sie. „Alles, was man gegen ihn hätte verwenden können, hätte man verwendet. Und dazu gehörten wir.“ Nie habe sie das als Belastung empfunden, behauptet die Autorin. Sie habe an diesen Sonntagen auch eine Menge darüber gelernt, wie die Menschen lebten im Land, was wahr und was wichtig sei. Aber seit sich ihr Vater vor vier Jahren aus der Politik zurückgezogen habe, sei das Leben entspannter geworden. „Ich konnte früher keine Witze machen. Ich durfte meine Persönlichkeit nicht zeigen. Und ich hätte in diesem Interview nicht die Hälfte der Dinge sagen können.“

Über ihre dunkle Seite, das Düstere will die Autorin trotzdem nicht reden. Über die Trennung der Eltern, über die sie stets hinweg gelächelt hat, sagt sie immerhin: „Natürlich war nicht immer alles nett und freundlich, und es hat mich stark geprägt. Aber es ist nicht dieses gewaltige, einschneidende Ereignis in meinem Leben.“ Um dann, ein paar Sätze später, von selbst auf das Thema zurückzukommen. Sie sitzt inzwischen in einem Café mit Meerblick, dessen Kinderspielplatz sie oft mit ihrer Tochter besucht. Latte Macchiato ohne Koffein. Sie hat erzählt, dass sie von klein auf Tagebuch geschrieben hat. Dass sie Schreiben als Therapie empfindet, weil es ihr hilft, die Dinge zu ordnen. Dass sie nicht wisse, woher ihre erstaunlichen Einfälle stammten. Jetzt sagt sie plötzlich, sie habe sich als Reaktion auf die elterliche Trennung in ihren Kopf zurückgezogen. „Ich habe mich in meiner Fantasie verloren. Ich habe mir Dinge vorgestellt, ich habe Geschichten geschrieben, ich habe Musik gehört. Ich habe eine kleine Cecelia-Blase geschaffen.“ Vermutlich, sagt sie, hätten diese kleinen Fluchten sie zu ihrem Beruf geführt.

Cecilia Who?

Cecelia Ahern, Jahrgang 1981, ist die Tochter des langjährigen irischen Ministerpräsidenten Bertie Ahern. Nach der Trennung der Eltern zu einer Zeit, da die irische Verfassung Scheidungen verbot, lebten Cecelia und ihre ältere Schwester bei der Mutter in einem Vorort von Dublin. Als Teenager wollte Ahern Tänzerin werden, in ihrem letzten Schuljahr spielte sie intensiv PantomiMe, 2000 belegte sie mit der Popgruppe „Shimma“ den dritten Platz beim irischen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest - und gab daraufhin alle Ambitionen als Sängerin auf.

Nach einem Studium „Journalismus und Medienkommunikation“ in Dublin beschloss sie, ein Buch zu schreiben, nachts, am Küchentisch. „P.S. Ich liebe Dich“ wurde 2004 zum Welterfolg. Seitdem hat Ahern fast jedes Jahr einen Roman vorgelegt. Außerdem schrieb sie das Konzept für die amerikanische Serie „Samantha Who?“. Derzeit entwickelt sie zwei Drehbücher im Auftrag des ZDF; ihr Erzählband „Solange du mich siehst“ (Krüger Verlag, 9,99 Euro) ist gerade erschienen. Ahern ist mit einem ehemaligen Leichtathleten verheiratet und hat eine zweijährige Tochter. (sha.)

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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