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Schönheit des Alterns : Die 103-Jährige, die zur Schneiderin ging

Ein Leben, in dem der Schneider noch eine feste Instanz ist, die dafür sorgt, dass man sich selbst keine großen Gedanken um den Auftritt machen muss: Giesecke im Atelier von Modedesignerin Christiane Wegner. Bild: Helmut Fricke

Ein Leben lang hat Maria Giesecke Geist und Körper fit gehalten. Und Mode war immer ihr Thema – auch jetzt noch. Ein neues Kostüm für jede Gelegenheit ist fällig. Ein Fitting.

          Ein Beige ist nicht unweigerlich ein Rentner-Beige, das längst seinen Ruf als Lieblingsfarbe einer ganzen Altersgruppe weg hat. Jenes Beige, das Menschen jenseits der Siebzig gleichermaßen kleidet und verschwinden lässt. Das Beige mit einer zurückhaltenden bis indifferenten Haltung. Die Farbe für die letzten Lebensjahre.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, ein Beige kann auch toll aussehen, wenn eine ältere Dame es trägt. Sie kann darin Klasse haben, vielleicht wirkt sie sogar stärker, weil sie sich selbst sicherer fühlt. Das geht auch mit 103. So wie Mode dann sowieso noch ein Thema sein kann. Und wie ein schönes Beige, so gesehen, eben zur Mode dazugehört.

          Mode ist im Leben dieser 103 Jahre alten Frau noch ein Thema, also kann es auch mal was Neues sein, besonders, wenn es maßgeschneidert ist.

          Maria Giesecke, im Mai 103 geworden, trägt an diesem Dienstagvormittag noch nicht mal sonderlich viel Beige, einen Seidenschal mit Leopardenmuster über der festen dunkelgrünen Jacke. Ihr Kostüm in Beige hängt jetzt noch bei Christiane Wegner, seit 26 Jahren als Designerin im Geschäft, mit eigenem Atelier und Laden in Frankfurt-Sachsenhausen. Das Kostüm ist so neu, dass es noch nicht mal ganz fertig ist – Mode ist schließlich im Leben dieser 103 Jahre alten Frau noch ein Thema, also kann es auch mal was Neues sein, besonders, wenn es maßgeschneidert ist.

          „Meine Mutter hat noch nie etwas so Enges angehabt“

          Natürlich gehört es sich eigentlich nicht, vor allem das Alter eines Menschen zu betonen, die 103 Jahre alte Frau, die sich für Mode interessiert und sich noch mal ein Kostüm schneidern lässt. Aber immerhin wäre so eine Geschichte über einen Mann, der in dem Alter zum Maßschneider geht, nicht weniger ungewöhnlich. Und was Maria Giesecke aus ihrem Alter macht, ist dann eben doch ein Verdienst für sich, gegenüber sich selbst. Wer keine Ahnung hat, wie alt Giesecke ist, würde sie vermutlich auf Anfang, Mitte achtzig schätzen. Auch so dürfte sie 103 geworden sein und immer noch am Leben teilnehmen wie vor zwanzig Jahren. Sie lebt allein im betreuten Wohnen, kocht selbst. Nächste Woche fliegt sie für zwei Wochen nach Mallorca. Macht sie seit vierzig Jahren. Seit ihrem hundertsten Geburtstag gehen die Übernachtungen aufs Haus. Sie will schwimmen. Und jetzt lässt sie sich hier ein Kostüm in Beige maßschneidern, ohne dabei eine Haltung in Rentner-Beige zu haben.

          Giesecke lässt ihren Rollator in der Ecke stehen und verschwindet mit ihrer Tochter in der Umkleidekabine in der Mitte des Ladenlokals. Hier entwirft, näht und verkauft Christiane Wegner ihre Kleider. „Meine Mutter hat noch nie etwas so Enges angehabt“, ruft die Tochter hinter dem Vorhang hervor. Und Wegner antwortet: „Sie müssen damit ja nicht Tennisspielen gehen.“ Giesecke hat zuletzt stark abgenommen, „mir passt jetzt nichts mehr“. Auch deshalb das neue Kostüm.

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          Im nächsten Moment tritt Giesecke vor den Spiegel, sie ist jetzt nicht größer als vor fünf Minuten, sie ist auch weiterhin zart, aber sie wirkt nicht zerbrechlich, sondern so resolut, dass sich der Auftritt mit ihrer Persönlichkeit deckt. Vielleicht liegt es auch an der Schulterpolsterung, die Wegner ihr gegen die Falten des Stoffes unter die Jacke schiebt. Giesecke schaut in den Spiegel, prüft, „ich möchte keine Polsterung“. Sie zieht an den Ärmeln, „recht eng, der eine ist enger als der andere“. Das müsse noch etwa weiter gemacht werden. Die Seidenbluse mit tiefem, schmalem V-Ausschnitt passt gut zu ihrer Perlenkette, die Kugeln sind nicht zu dick, der Strang nicht zu lang. Und das Kostüm darüber ist ihr Rüstzeug.

          Wer geht heute noch zum Maßschneider?

          „Wie ist der Ausschnitt?“, fragt die Tochter. „Sehr gut, sehr gut“, sagt die Mutter, und Christiane Wegner flüstert, ein, zwei Zentimeter mehr sollten sie ihn schon schließen. Auch die Jacke könne ein, zwei Zentimeter länger sein, „damit sie noch sitzt, wenn Sie sich bücken“.

          Giesecke stellt all die Fragen, wie sie es seit Jahrzehnten beim Maßschneider hält, und Wegner arbeitet an ihr, als wäre dieser Job für sie ebenso alltäglich. Als passe sie ein Kostüm nach dem nächsten für jede Gelegenheit an, statt vor allem Cocktail- und Brautkleider. Für die meisten Frauen ist das ja, wenn überhaupt, der einzige Moment im Leben, an dem sie noch einen Maßschneider konsultieren. Wer geht schließlich noch zum Maßschneider, wenn er einfach ein neues Kostüm braucht? Man bezahlt heute Reinigungsfrauen, Nachhilfelehrer, Personal Trainer, Masseure und Lebens-Coaches. Aber für den Maßschneider, der ebenso mithelfen könnte, in der Leistungsgesellschaft die beste, entspannte Version unserer selbst zu erarbeiten, fehlt uns die Zeit oder die Zahlungsbereitschaft oder die Geduld oder all das zusammen.

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