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Schauspieler Jason Segel „Ich wurde ohne Schamgefühl geboren“

 ·  Bekannt wurde er vor allem als Marshall in der Erfolgsserie „How I met your mother“: Jason Segel. Im F.A.Z.-Interview spricht er über seinen neuen Film, Beziehungen, männliches Ego, die Muppets und das Abspecken.

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© interTOPICS Jason Segel: „Wir Comedians sind eher ruhige Typen“

Sprechen Sie Jason bloß nicht auf sein Outfit an!“, warnt die Dame von der Produktionsfirma. „Sein Koffer ist am Flughafen verloren gegangen.“ Tatsache. Jason trägt ein braunes, verknittertes Cordhemd und eine verfleckte Jeans. Ansonsten sieht er so braungelockt, charmant und fidel aus wie Marshall Eriksen, den er in der Serie „How I met your mother“ spielt. Nur seine Haut verrät den Kettenraucher.

Hallo, schön, Sie kennenzulernen.

Hey, freut mich auch, Sie kennenzulernen. Sie haben ja einen schicken Hosenanzug an!

Eigentlich haben Ihre Leute mich gewarnt, ich sollte Sie nicht auf Ihre Klamotten ansprechen. Aber Sie lassen mir keine Wahl.

Oh Mann, die haben am Flughafen meinen Koffer verloren! Es ist so nervig. Jetzt trage ich seit zwei Tagen dieselben Sachen, und bin völlig underdressed. Wer weiß, wann ich meine Klamotten je wiedersehe.

Wäre ich Ihr Freund Barney Stinson aus der Serie „How I met your mother“, dann würde ich jetzt sagen...

„Suit up!“, ich weiß. Aber ich habe halt keinen Anzug parat. Nur Sie haben einen. Das muss reichen.

In Hamburg kann man toll einkaufen, heißt es.

Ich bin nur einen Tag hier, heute Abend geht es weiter nach Wien, dann Dublin, dann London, das sind vier Städte in vier Tagen. Der letzte Interviewer kann also richtig Pech haben, wenn ich bis dahin keine frische Wäsche habe.

Wenn es Sie tröstet: Man könnte denken, dass ein Stylist Sie so hergerichtet hat, damit Sie aussehen wie der gemütliche Koch Tom, den Sie in Ihrem neuen Film spielen.

Wenn man es so sieht, haben Sie Glück gehabt, Tom sieht ja nach der Hälfte des Films, nachdem er ein paar Monate in dieser öden Stadt in Michigan ausgeharrt hat, noch viel schlimmer aus als ich jetzt: mit Vollbart und selbstgestricktem Elch-Pullover.

Er ist ein gebrochener Mann. Ist „Fast verheiratet“ eigentlich eine Komödie oder eine Tragödie? Es gibt viele lustige Momente, aber die Krisen des Liebespaars Tom und Violet sind sehr traurig.

Wir haben versucht, einen Siebziger-Jahre-Beziehungskisten-Film zu machen, wie Woody Allen. Bei dem weiß man ja auch oft nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Im Film stellt Tom seinen Job als Spitzenkoch zurück, damit Violet Karriere an der Uni machen kann. Das macht ihn kreuzunglücklich, die Beziehung geht fast in die Brüche. Will der Film sagen, dass in der Ehe nur einer Karriere machen kann?

Nein, so drastisch soll es nicht sein. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich in einer Beziehung beide verwirklichen können.

Der Film zeigt recht ungeschminkt, dass die Realität anders aussieht, obwohl die beiden sich sehr lieben und sich Mühe geben.

Wer wie erfolgreich sein darf in einer Beziehung, das ist schon ein Riesenproblem unserer Zeit. Aber das Problem liegt nicht bei euch fleißigen, erfolgreichen Frauen, sondern hat seine Ursache im männlichen Ego. Einige von uns Jungs hängen der Zeit hoffnungslos hinterher. Es schüchtert uns ein und frustriert uns, dass ihr so durchstarten wollt.

Wie kann ein Paar mit dieser Situation umgehen?

Im Film nimmt Tom ja den radikalen Weg, er zieht mit Violet aus San Francisco nach Michigan, obwohl er da keine Jobperspektive hat. So ein radikales Opfer halte ich nicht für gut. Wer so viel aufgibt für den Partner, fühlt sich wie ein Märtyrer und erwartet, dass der Partner ihm Tag und Nacht dankbar ist. Genau diese Abhängigkeit macht Beziehungen kaputt.

Sie haben das Drehbuch mit dem Regisseur zusammen geschrieben, was hat Sie dazu inspiriert?

Ich habe auch eigene Erfahrungen eingearbeitet. Ich war selbst mal in einer Beziehung, in der für sie alles super lief und ich mich wie ein Anhängsel fühlte.

Das muss wohl im Kindergarten gewesen sein. Sie stehen ja vor der Kamera, seit Sie Teenager sind.

Nein, ganz ehrlich, da war ich um die 20. Ich habe sehr gelitten.

Seit ein paar Monaten ist auch offiziell, dass Sie mit Ihrer Schauspielkollegin Michelle Williams liiert sind. Die wurde schon für den Oscar nominiert, ist enorm erfolgreich, ein Liebling der Kritiker - ist das kein Problem für Sie?

Vielleicht hätte man Sie nicht vor der Klamotten-Frage warnen sollen, sondern lieber vor Fragen über meine Beziehung...

O.k., eine harmlose Frage: Sie wohnen schon Ihr ganzes Leben in Los Angeles, Ihre Freundin samt Tochter in New York. Würden Sie für die beiden umziehen?

Für eine Frau, die ich liebe, würde ich überall hinziehen.

Oft ist einer in der Beziehung nicht bereit, den Schritt zu mehr Verbindlichkeit zu machen.

Das ist hoffentlich auch eine Botschaft meines Films: Es dreht sich nicht immer alles um Verbindlichkeit. Tom und Violet haben mit commitment kein Problem. Trotzdem laufen die Dinge schief.

Was spielt dann eine Rolle?

Für mich ist Timing oft das viel größere Problem für Beziehungen. Ich höre die Leute immer sagen: „Ach, ich suche noch immer the one, meinen Traumpartner. Ich wette, sie haben ihn schon oft getroffen. Aber vielleicht waren sie da frisch liiert, oder frisch getrennt, oder zogen gerade in eine andere Stadt. Prompt nimmt man die große Liebe gar nicht wahr.

Sie spielen sehr oft dieselbe Rolle: den sympathischen Kumpel.

Also bitte, ich spiele sehr unterschiedliche Charaktere, mal chaotisch, mal schüchtern, mal hitzköpfig, mal verträumt. Was stimmt: Sie sind alle nett. Ich mag keinen hinterhältigen Humor, das ist billig. Es heißt ja immer, man wird nur respektiert, wenn man ein Kotzbrocken ist. Ich glaube, man gewinnt, wenn man nett ist.

Gutes Aussehen schadet auch nicht.

Ja, und Geld, wenn man ganz ehrlich ist.

Sie mussten viel Gewicht verlieren für den Film, habe ich gelesen.

Ich habe 30 Pfund abgespeckt. In „How I met your mother“ spiele ich einen verschmockten Ehemann, da kommt es auf mein Gewicht nicht an. Aber in „Fast verheiratet“ bin ich die Hauptfigur, der romantische Held, da muss man sich anstrengen.

Ihr letzter in Film in Deutschland waren die „Muppets“. Stimmt es, dass Sie eine Marionettensammlung zu Hause haben?

Ich weiß, das verstört viele Frauen. Ich habe schon ein riesiges Glück, dass ich mein Hobby als Schauspieler künstlerisch ausleben durfte. Sonst wäre ich nur so ein komischer Typ, der mit Puppen spielt.

In L.A. wimmelt es von komischen Typen, die berühmt werden wollen. Wie haben Sie es geschafft?

Als ich als Schüler das erste Mal auf der Bühne stand, war es eher ein Sport: Ich wollte testen, ob ich mir ein ganzes Theaterstück merken kann. Also habe ich im Schultheater in „Die Zoogeschichte“ von Edward Albee gespielt. O.k., das war ein Einakter, da gab es nicht viel zu merken. Aber es ist eine starke Geschichte über einen selbstmörderischen Obdachlosen. Bald danach habe ich angefangen, für Fernsehsachen vorzusprechen.

Ihr Durchbruch kam als Teenager in der Kultserie „Freaks and Geeks“. Legendäre Szene: Sie sind verliebt und schreiben dem Mädchen ein Liebeslied.

„Lady L.“ hieß das Lied, furchtbar. Da kam mir sehr zugute, dass ich ohne jedes Ehr- oder Schamgefühl geboren wurde. Davon hat meine Karriere enorm profitiert.

Muss man so sein, wenn man Komödien machen will?

Man muss diese Eigenschaft zumindest im Job anknipsen können. Im echten Leben stolpern wir Comedians natürlich nicht kichernd von einer Blamage zur nächsten, wir sind eher ruhige Typen.

Ihr Mentor, der Produzent Judd Apatow, hat Ihnen gezeigt, wie man Drehbücher schreibt. Verraten Sie seine Tipps?

Sein bester Tipp: Wenn du Komödien schreibst, vergiss erst mal die Witze, die kannst du später einweben. Die Story muss stimmen. Klar, die Leute lachen gern über Gags. Aber nur wenn die Story sie anspricht, halten sie 90 Minuten durch. Nur dann merken sie sich Sprüche, erzählen ihren Freunden davon. Ein toller Film nur aus Gags, das kann nur Monty Python.

Wie lange brauchen Sie für ein Drehbuch?

Ich kann es in drei Monaten raushauen. Aber das tut ihm nicht gut. Ich habe sowieso selten den Luxus, am Stück zu arbeiten. Meist schreibe ich nebenbei, in einem Trailer am Set, am Flughafen oder in einer Bar. In der Sommerpause der Serie von April bis August mache ich dann den Film, den ich das Jahr über vorbereitet habe.

Kein Urlaub?

Diesen Sommer kommt mein erster richtiger Urlaub, seit ich arbeite. Da will ich nur in Los Angeles herumhängen, ein bisschen schreiben, auf dem Balkon sitzen.

In der Vorschau für „Fast verheiratet“ gibt es Szenen, die im Film fehlen. Haben Sie viel improvisiert?

Das Drehbuch ist natürlich die DNA jedes Films. Aber wir erwarten, dass die Schauspieler mit den Dialogen frei und natürlich arbeiten, nur dann fühlt es sich echt an.

Es gibt da diese Szene, in der Tom und Violet im Bett streiten...

Ahh, meine Lieblingsszene!

Was macht sie besonders?

Weil wir chaotisch streiten. Mich ärgert es immer, wenn Paare im Film sich diese perfekten Wutdialoge liefern. Reale Konflikte sind hässlich, wirr, man verhaspelt sich vor Zorn, sagt dummes Zeug.

Tom sagt in der Szene: „Ich will allein sein.“ Violet will also rausgehen aus dem Schlafzimmer...

Genau, und dann ruft Tom: „Nein, ich will allein sein mit dir hier neben mir!“ Das ist das Leben! Haben wir alles in einer Nacht gedreht, einfach drauflos gestritten.

Die Fragen stellte Melanie Amann.

Der Puppenspieler

Jason Segel wurde 1980 in Los Angeles geboren und lebt noch dort. Sein Haus steht hinter dem legendären Hotel Chateau Marmont - angeblich darf er den Zimmerservice kostenlos nutzen; dafür dürfen Hotel-Mitarbeiter die Autos der Gäste in seiner Einfahrt parken. In Deutschland kennt man Segel vor allem als Marshall Eriksen in der Fernsehserie „How I met your mother“. In den Vereinigten Staaten wird Ende September die achte Staffel ausgestrahlt. Ob es die letzte sein wird, ist ungewiss. Segel ist nicht nur Schauspieler, er schreibt auch die Drehbücher seiner Filme oft selbst und komponiert die passende Musik: Für die Komödie „Nie wieder Sex mit der Ex“ von 2008 steuerte Segel mehrere Songs für ein Dracula-Musical bei, für den Film „Männertrip“ von 2010 komponierte er alle Songs der fiktiven Band „Infant Sorrow“. Segels großes Hobby sind die Muppets, auf seine Initiative produzierte Disney 2011 einen Film über die Puppen mit ihm in der Hauptrolle. In seinem neuen Kinofilm „Fast verheiratet“, der seit Donnerstag läuft, spielen er und die Britin Emily Blunt ein Paar, das in tragikomischen Konflikten mit Rollenbildern kämpft.

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