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„Wertvoller als Juwelen“ : Briefschatz der letzten deutschen Kaiserin gefunden

Postgeheimnis: Noch weiß niemand, was der späteren Kaiserin Auguste Victoria einst geschrieben wurde. Bild: dpa

Seit 1923 ist das Neue Palais in Potsdam zur Besichtigung freigegeben. Jetzt wurden in dem Schloss Briefe der letzten deutschen Kaiserin gefunden.

          Millionen Besucher sind schon durch die Gemächer des Neuen Palais in Potsdam gewandelt und haben die Räumlichkeiten bestaunt, in denen das letzte deutsche Kaiserpaar bis 1918 lebte. Dazu gehört das Garderobenzimmer der Kaiserin Auguste Victoria. Hier kleidete sie sich an, badete und trieb auch Sport, unter anderem mit einer Rudermaschine. Niemand wusste allerdings all die Jahre seit 1923, als das Schloss zur Besichtigung freigegeben wurde, dass in diesem Raum ein ganz besonderer Schatz lagerte. Gefunden wurde er erst vor wenigen Wochen. Am Dienstag wurde er von der Stiftung Preußische Gärten und Schlösser stolz als „kleines Wunder“ in einer Vitrine präsentiert.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Geschichte des Schatzes ist kurios: Bekannt war bisher, dass sich im Garderobenzimmer hinter einer Schiebetür der Juwelentresor der Kaiserin befand. Er ist aus Stahl, war verschlossen und wurde nie geöffnet, der Schlüssel ist verloren. Warum die sowjetischen Truppen, die 1945 das Schloss durchkämmten und die wertvollsten Dinge mitnahmen, ihn nicht aufbrachen, ist ungewiss.

          Möglicherweise gab es damals noch einen Schlüssel. Offenbar empfanden die Museumsleiter früherer Jahrzehnte den Tresor als nicht so wichtig, um ihn unbedingt auf seinen Inhalt zu prüfen. Schließlich war Auguste Victoria, im Volk wegen ihrer karitativen Tätigkeit bekannt, nur die Gattin des „Militaristenkaisers“ Wilhelm II. Der Star der preußischen Geschichte war hingegen Friedrich der Große, auf den die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt wurde.

          Geheimes Schrankfach über Tresor

          Im Zuge der Vorbereitungen für die aktuelle Ausstellung „Kaiserdämmerung“, die das Neue Palais im Jahr 1918 zwischen Monarchie und Republik darstellt, versuchte man nun doch, den Stahltresor im privatesten Zimmer der Kaiserin denkmalverträglich zu öffnen. Vier Anläufe wurden von Fachfirmen unternommen, doch alle blieben vergeblich. Schließlich gelang ein endoskopischer Eingriff. Durch ein kleines Loch wurde eine Kamera eingeführt – doch der Tresor war leer.

          Das Hochzeitsbild von Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria. Rund 1000 Briefe an die Kronprinzessin und spätere Kaiserin wurden in Potsdam entdeckt.

          Der Schlossermeister im Neuen Palais schaute sich die Sache genauer an. Und entdeckte oberhalb des Tresors ein geräumiges Schrankfach, das er öffnen konnte. Darin befanden sich zwei Transportkisten, aus Eichenholz gezimmert, eine Lederschatulle mit dem Monogramm Auguste Victorias und eine Dokumentenmappe. Er hatte einen Schatz gefunden, „der wertvoller ist als Juwelen und Geschmeide“, wie Samuel Wittwer von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten am Dienstag sagte.

          Briefe von der englischen Königin

          Es handelt sich um rund 1000 private Briefe an Auguste Victoria. Sie hatte sie zwischen 1883 und 1889 bekommen, also vor allem in Jahren, in denen sie noch Prinzessin war, bevor sie 1888 Königin von Preußen und deutsche Kaiserin wurde. Beim Umzug in das Neue Palais 1889 hatte sie die Kisten mitgebracht. Sie lagerten zunächst 15 Jahre an anderer Stelle, bis 1903 der Tresor eingebaut wurde. Als vor 100 Jahren nach der Revolution die ehemalige Kaiserin am 21. November ins niederländische Exil reiste, vergaß sie die Briefe – oder sie dachte, sie seien schon eingepackt worden. Jedenfalls wurden sie auch später nicht angefordert, wie Jörg Kirschstein, Kurator der Ausstellung „Kaiserdämmerung“, berichtet.

          Die Briefe stammen vor allem von engen Familienmitgliedern aus dem Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, wie der Mutter und den Schwestern Auguste Victorias, aber auch von Verwandten wie Königin Victoria, wie der Umschlag mit der Aufschrift „Briefe von der Königin von England“ zeigt.

          Die 67 Umschläge sind mit dem Allianzwappen Preußens und Schleswig-Holsteins versiegelt und wurden teilweise von Auguste Victoria selbst beschriftet. In der mit einem roten Kreuz versehenen Dokumentenmappe befanden sich Fotografien der Kinder der Kaiserin und Unterlagen über Kirchenbauten, die Auguste Victoria initiierte – im Volksmund wurde sie als „Kirchenjuste“ bezeichnet.

          Der Inhalt der Briefe ist noch unbekannt, die Umschläge sind bisher versiegelt. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten will sie zusammen mit dem Geheimen Staatsarchiv in Berlin wissenschaftlich auswerten und im 100. Todesjahr von Auguste Victoria 2021 als Edition herausgeben. Die Familie Hohenzollern ist über den Fund informiert; sie soll, wenn sie will, in die Aufarbeitung der Dokumente eingebunden werden. Das Leben von Auguste Victoria wird wohl nicht neu geschrieben werden müssen. Aber da ihr Nachlass im Geheimen Staatsarchiv klein ist und nur wenige Schriftstücke von ihr erhalten sind, wird der Schatz aus dem Schrankfach wohl viele Details über die Persönlichkeit der letzten deutschen Kaiserin preisgeben.

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