26.09.2011 · Im Internet-Zeitalter sind die Stars oft nackt - im übertragenen oder im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Hackern und Klatschseiten kämpfen sie um die Kontrolle der Bilder, die eigentlich privat bleiben sollten.
Von Jörg ThomannWer mit dem Gedanken spielt, eines Tages berühmt zu werden, der hat in den jüngsten Wochen manches lernen können über Risiken und Nebenwirkungen des Stardaseins. Nehmen wir einmal an, eine normalsterbliche Person stellte sich unbekleidet vor den Spiegel und knipste, warum auch immer, mit dem Handy ein Selbstporträt: Es dürfte nicht allzu viele Leute geben, die darauf scharf wären, an das Foto zu gelangen. Geriete es dennoch in fremde Hände, so müsste der Normalo-Nackedei kaum damit rechnen, dass sein Akt ins Internet gestellt würde. Geschähe das aber doch, so würden zumindest nicht Millionen Leute sich die Bilder anschauen - und auch die Medien nicht darüber berichten.
Scarlett Johansson aber ist keine normale Person und sieht auch nicht so aus, weshalb jene Fotos, die angeblich Hacker von ihrem Handy gestohlen haben, ebenjene Ereigniskette ausgelöst haben. Daran, dass immer wieder mal intime Bilder von Prominenten ohne deren Zutun in die Öffentlichkeit gelangen, haben wir uns längst gewöhnt, die Stars selbst offenbar nicht: Im Falle Johanssons soll inzwischen das FBI ermitteln. Ganz verstehen mag man den Wirbel nicht, gehört es doch zum Berufsbild des Schauspielers, sich den Blicken auszuliefern. Mit dem technischen Fortschritt vom Videorecorder bis zum World Wide Web freilich ist die flüchtige Blöße für die Ewigkeit gebannt; zahllose Websites dienen dem einzigen Zweck, mit wissenschaftlicher Akribie Nacktszenen zu dokumentieren.
Der Preis des Ruhms steigt
Dessen eingedenk hätte Scarlett Johansson gewiss unverfänglicheren Hobbys frönen können, als ihre ohnehin wohlbekannte Gestalt noch mal für den Privatgebrauch abzulichten - zumal vor gar nicht langer Zeit erst andere Prominente wie Vanessa Hudgens oder Jessica Alba für ähnliche Schlagzeilen sorgten. Der Preis des Ruhms ist jedenfalls gegenüber früheren Tagen deutlich gestiegen: Es reicht heute nicht mehr, sich hinter dicken Mauern zu verschanzen, man muss auch an die Firewall denken.
Auch die einstige Pop-Königin stand kürzlich mal wieder nackt da - wobei Madonna, die mit Freizügigkeit noch nie ein Problem hatte, diesmal völlig bekleidet war. Nach einer Pressekonferenz beim Filmfestival von Venedig war ihr ein Blumenstrauß überreicht worden, den sie erst dankend annahm, um danach zur Seite zu raunen: „Ich verabscheue Hortensien.“ Die Kameras liefen noch, und so wurde die Entgleisung des Stars, der die armen Hortensien und damit auch den gutmeinenden Fan schmähte, zum Hit bei Youtube. Dort blühen die Spekulationen, ob der Blumenkavalier von Madonnas Hortensienhass gewusst und sie in eine Falle gelockt habe: ein Danaergeschenk im neuen Medienzeitalter.
Das Internet als seltsame Solidaritätsadresse
Keine Bilder gibt es von Gérard Depardieus Debakel, doch die verbreiteten Zeugenaussagen reichen völlig aus, um sich eins zu machen: Der Filmstar hatte sich vor dem Abflug in einer vollbesetzten Maschine erleichtert, ohne zuvor die Toilette aufgesucht zu haben; sie war zum Zeitpunkt des Malheurs noch abgeschlossen. Nun wäre womöglich auch der Normalbürger nach einem solchen Vorfall anderntags in der Zeitung gelandet, nur eben allenfalls als kleine vermischte Meldung - während Depardieu es auf manche Titelseite schaffte sowie auf gefühlt Trilliarden Websites.
Die Intimitätsvernichtungsmaschine Internet zersetzt zumindest virtuell auch die Grenzen zwischen den Stars und ihren Fans - und ihren Verächtern; manch Hacker oder Klatschseiten-Betreiber mag seine Enthüllungen dann auch als Akt der Aufklärung missverstehen, der dem kleinen User Genugtuung gegenüber den überlebensgroßen Berühmtheiten verschafft. Medienprofis, die sie sind, versuchen jene, die Kontrolle über die Bilder zurückzugewinnen: Depardieu nahm sich selbst in einem Filmchen auf die Schippe, in dem er als Obelix im Flugzeug wiederum von einem menschlichen Bedürfnis geplagt wird (diesmal jedoch vom Wildschweinhunger), und auch Madonna schlug via Youtube zurück: Zu sentimentaler Musik versichert sie einem Hortensienstrauß, wie leid es ihr tue - um am Ende die Blumen zu Boden zu werfen und zu schreien, dass sie Hortensien eben doch hasse und Rosen liebe.
Scarlett Johansson dürfte es kaum nötig haben, nun ebenfalls mit einem Film zu kontern: Um ernsthaft ihre Ehre zu beflecken, wirken die Bildchen dann doch zu unschuldig. Ohnehin ist an ihrer Stelle längst die Web-Gemeinde aktiv geworden und hat den brandheißen Trend des Scarlettjohanssoning ausgerufen: Zahlreiche Frauen, Männer und auch Plüschtiere haben Fotos von sich ins Netz gestellt, auf denen sie wie Scarlett ihre nackten Rückseiten im Spiegel festhalten. Denn auch für so etwas bietet das Internet endlos Platz, wie immer man es auch verstehen will: als Hommage, als Jux oder als seltsame Solidaritätsadresse.
Weshalb?
Peter Müller (ExKontingent)
- 26.09.2011, 16:16 Uhr
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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