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Veröffentlicht: 28.02.2017, 13:59 Uhr

Grenzen der Satire Was darf der Karneval?

In Würzburg herrscht Empörung über als Flüchtlinge verkleidete Rassisten, der geköpfte Donald Trump als Faschingsmotiv gefällt nicht jedem, und in Fulda solidarisieren sich Narren mit dem „Südend-Neger“. Über ernste Debatten an närrischen Tagen.

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© dpa Karnevalswagen in Düsseldorf: Donald Trump missbraucht die Freiheit.

In den sozialen Medien bekommen Artikel, in denen es um Rassismus geht, besonders viel Aufmerksamkeit. So war es auch am Montag, als auf FAZ.NET darüber berichtet wurde, dass die rechtsradikale Partei „Der dritte Weg“ verschiedene Faschingsumzüge für Hetze gegen Flüchtlinge missbraucht hatte. In Würzburg hatten sich Neonazis mit schwarz angemalten Gesichter in den Umzug eingereiht, sie riefen „Ficki, Ficki“ und „Money, money, money“. Dazu hielten sie ein Plakat in die Höhe, auf dem es hieß: „Wir wissen es genau, abschieben wird uns keine Sau“.

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Auf Facebook bekam ein Nutzer unter dem FAZ.NET-Artikel Hunderte „Gefällt mir“-Angaben für den Kommentar: „Ach so, das ist Hetze, aber ein abgetrennter Präsidenten-Kopf ist in Ordnung weil Satire?“ Er spielte damit auf die Motive auf Düsseldorfer Karnevalswagen an, die den amerikanischen Präsidenten Donald Trump als Vergewaltiger, in einer Reihe mit Adolf Hitler, und einen von der Freiheitsstatue geköpften Donald Trump zeigten.

Wagenbauer Jacques Tilly hat für seine provokanten Festwagen im Düsseldorfer Rosenmontagsumzug Hunderte Hass-Mails erhalten. „Das war dieses Jahr viel härter als sonst. Dass wir vergast werden sollen, das gab es bisher noch nicht“, sagte er am Dienstag. Er steht aber zu seiner Arbeit: Die Wagen seien als „Abrechnung mit dem rechtspopulistischen Sturm“ gedacht gewesen, der gerade über den Globus fege. „Für die Rechten sind die Wagen ein Ausdruck von linksversiffter Mainstream-Presse. Das ist die übliche Beschimpfung eigentlich.“

Sachliche Kritik nachvollziehen konnte dagegen Christian Schicha, Professor für Medienethik an der Universität Erlangen-Nürnberg: „Kinder, die den Rosenmontagszug verfolgten, könnten durch die brutale Szenen verstört werden“, sagte er. Das „symbolisch dargestellte brutale Abschlachten“ stehe gerade nicht für einen zivilisierten Umgang mit Tätern, sondern für Selbstjustiz und Barbarei. Er finde das „weder sonderlich originell und schon gar nicht witzig“.

„Das überschreitet eindeutig die Schwelle zur Hetze“

Ansonsten blieb die große Entrüstung über die Motive in Düsseldorf aber aus. Zu dem Auftritt der Neonazis sagte die Würzburger Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake (SPD) dagegen: „Es ist schändlich, so eine friedvolle Veranstaltung zu missbrauchen." Die Stadt werde sich mit dem ausrichtenden Verein zusammensetzen, um zu überlegen, wie man solche Vorfälle in Zukunft verhindern könne. 

45046416 © dpa Vergrößern „Je suis Südend-Neger“: Es fehle vollkommen an der Fähigkeit zum Differenzieren, sagt ein Soziologe.

Herrscht hier also eine „Doppelmoral“, wie Kommentatoren auf Facebook schreiben? Jörn Ahrens, Soziologe an der Universität Leipzig, sagt: „Nein. Es ist ein Unterschied, ob man den mächtigsten Mann der Welt kritisiert oder eine marginalisierte Randgruppe. Das überschreitet eindeutig die Schwelle zur Hetze.“ Die Rechtsradikalen würden sich außerdem „doppelt verkleiden“: „Sie verkleiden sich als Flüchtlinge, aber sie verkleiden sich auch als Karnevalisten, obwohl sie Demonstranten sind.“ 

Ähnlich sieht das Rolf Peter Hohn, Vizepräsident des Bundes Deutscher Karneval: „Über guten Geschmack lässt sich streiten. Düsseldorf ist bekannt für eine provozierende Art der Darstellung. Ich persönlich kann mit den Trump-Motiven zwar auch nicht viel anfangen.“ Den Vergleich mit der Aktion der Rechtsextremen findet er aber völlig daneben: „Der Karneval hat immer die Obrigkeit aufs Korn zu nehmen und nicht Schutzbedürftige niederzumachen, die aus Kriegsgebieten zu uns geflohen sind.“ 

© Edgar Schoepal Karnevalswagenbau: Zwischen Kunst und Klamauk

„Die Erzählung von den minderwertigen Schwarzen“

Während sich in diesem Punkt die meisten einig sind, wird über einen anderen Fall weiter heftig diskutiert: Der Karnevalsverein Südend aus Fulda sah sich Rassismusvorwürfen ausgesetzt, weil Mitglieder in der Vergangenheit Kolonialuniformen getragen oder sich als schwarze Menschen geschminkt hatten. Wissenschaftler kritisierten das als Verherrlichung der Kolonialzeit, beim Umzug in Fulda am Montag verzichteten die Narren deswegen auf die Verkleidungen. Trotzdem solidarisierten sich viele Zuschauer und andere Karnevalsvereine  mit dem Verein, schminkten sich schwarz und trugen Schilder mit der Aufschrift: „Ein Herz für Neger“ oder „Je suis Südend-Neger“. Fuldas Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (CDU) erklärte sich solidarisch: „Ich bin dafür, dass im Karneval Narrenfreiheit herrscht.“

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Soziologe Ahrens hat dafür wenig Verständnis: „Das Ganze wird auch dadurch nicht besser, wenn sich die ganze Stadt mit dem Verein solidarisiert.“ Es fehle vollkommen an der Fähigkeit zum Differenzieren, wenn die Kritik an eine kulturhistorisch problematische Tradition mit dem Angriff auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ gleichgesetzt werde. Daher stamme schließlich die Losung: „Je suis Charlie Hebdo“.

Was ihn an der Verkleidung an sich stört? „Indem man sich als Schwarzer mit Knochen im Haar verkleidet, knüpft man nahtlos an die Erzählung von den minderwertigen Schwarzen an, die von Weißen zu Recht beherrscht werden. Das ist Alltagsrassismus und befördert ein Bild von Schwarzen, über das man lange hinweg sein sollte.“ Der Karnevalsverein Südend sei 1938 gegründet worden. „Natürlich gibt es da auch einen NS-Zusammenhang, die blutige Kolonialzeit wurde damals verherrlicht.“ Es sei eben nicht nur wichtig, offen rassistische Aktionen im Karneval zu unterbinden, sondern man müsse auch gefestigte Traditionen hinterfragen.

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