Home
http://www.faz.net/-gun-723co
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sanofi-Arbeitsdirektor Pharma statt Priestertum

 ·  Der Sanofi-Arbeitsdirektor Emmanuel Siregar war lange Zeit im Vatikan tätig. „Ich wünsche mir, dass ich dazu beitrage, den Standort zu sichern, dass wir im Konzern unabdingbar werden, weil wir so gut sind“, sagt er in Höchst.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ob er angesichts der Affäre um die Veröffentlichung vertraulicher Schriften aus dem Umfeld des Papstes gerne noch einmal an seiner früheren Wirkungsstätte im Vatikan wäre statt in Frankfurt-Höchst? Emmanuel Siregar lacht kurz und meint dann: „Natürlich nicht.“ Die Vatileaks genannten Vorgänge betrachtet Siregar lieber aus der Entfernung - zumal der Endvierziger nach wie vor sehr gute Kontakte zur katholischen Kirche pflegt, wie er sagt. Zudem mangelt es ihm auch in seiner jetzigen Aufgabe nicht an spannenden Zeiten.

Sein Amt als Arbeitsdirektor des Arzneimittelherstellers Sanofi in Deutschland hat der ehemalige Priester in einer Zeit des Umbruchs angetreten. Sanofi richtet sich nicht nur neu aus, weil der Patentschutz umsatzträchtiger Medikamente ausläuft und dem Konzern deutliche Erlöseinbußen drohen: Da Sanofi sich fortan nicht mehr nur auf die eigene Forschung verlässt, baut das Unternehmen auch im Industriepark Höchst zahlreiche Stellen ab - und Siregar muss sich darum kümmern.

„Vertrauen gewonnen“

Dass mit einer solchen Dynamik, wie sie Konzernchef Chris Viehbacher seit dreieinhalb Jahren ausstrahlt, auch Arbeitsplatzabbau an der einen oder anderen Stelle verbunden ist, hält er für normal. Gleichwohl hat die Vorgabe aus der Pariser Zentrale, in Höchst gut 330 Stellen zu streichen, für Wirbel gesorgt. Schließlich war es im Frankfurter Werk lange Zeit fast nur aufwärtsgegangen. Im Frühjahr setzte der Betriebsrat sogar kurzerhand die Gespräche aus. Doch letztlich hat sich die Geschäftsleitung ziemlich geräuschlos mit dem Betriebsrat und der Chemiegewerkschaft geeinigt. Der Arbeitsdirektor schreibt dies nicht nur der Zusage des Konzerns zu, in Höchst bis Herbst 2014 niemandem betriebsbedingt zu kündigen, was für Sanofi ungewöhnlich ist. Siregar hebt auch das Bemühen um Transparenz hervor: Wenn es um Abbau gehe, müsse man den Mitarbeitern „klipp und klar die Ansage aus Paris darstellen und innerhalb dieses Rahmens mit den Beschäftigten fair umgehen“.

Mit ihrem Verhalten hat die Geschäftsleitung in Höchst aus Siregars Sicht bei allen negativen Nachrichten Vertrauen gewonnen, auf dem sie aufbauen könne. Er stellt aber auch klar: „Ein Arbeitsdirektor schafft das nur, wenn er einen Sozialpartner hat, der ähnlich tickt - und so etwas wie hier habe ich vorher nicht erlebt“, lobt er die Arbeitnehmervertreter.

Zuvor bei Fielmann

Und die Erfahrungen des in Bremen aufgewachsenen Sohns einer Japanerin und eines Indonesiers beschränken sich keineswegs auf seine Zeit an der Universität Münster oder die Jahre am Germanicum in Rom, wo er promoviert worden ist und zehn Jahre lebte. Nachdem er dem Dienst in der Kirche aus Liebe zu seiner Frau den Rücken gekehrt hatte, fing der Theologe in den neunziger Jahren bei einer Unternehmensberatung als Trainer für Verkaufspersonal an. Diese Stelle ergatterte er, indem er in einem kleinen Film zur Bewerbung über die Dreifaltigkeit sprach. Das Thema habe er aus Sicht des Chefs der Firma in einer Art und Weise verkauft, die er ungewöhnlich fand. Er habe mit der Identifikation mit dem Produkt gepunktet, berichtet Siregar und meint: „Ein guter Verkäufer ist der, der sein Produkt liebt.“

Dies habe er auch von Günther Fielmann gelernt. Wenn der Brillen-Unternehmen keine Lust mehr auf ein Meeting habe, ziehe er sich in eine kleine Werkstatt hinter seinem Büro zurück und bastele an Brillen. Siregar beriet Fielmann zuerst einige Zeit, bevor ihn der Chef persönlich zum Wechsel überredete. Dort brachte er es bis zum Personalvorstand und wechselte später zu Karstadt. Dort kam seinen Ideen aber die Insolvenz des Unternehmens in die Quere, ohne ihm zu schaden. Vielmehr trat Sanofi über einen Headhunter an ihn heran. Im Industriepark Höchst verfolgt er, der regelmäßig auch in Paris weilt, ein klares Ziel: „Ich wünsche mir, dass ich dazu beitrage, den Standort zu sichern, dass wir im Konzern unabdingbar werden, weil wir so gut sind.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge