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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rückkehr nach 42 Jahren Ich bin ein Kind aus Lourdes

 ·  Wie wächst man auf in einer Stadt, deren Rhythmus vom Zug der Pilger bestimmt ist? Mit 18 ging Christian Zanési weg aus seiner Heimatstadt Lourdes. 42 Jahre später kehrte er zurück.

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Lourdes im Juli in der Abenddämmerung. Christian steht am großen Tor zum Pilgergelände und erzählt von seiner Kindheit. Er spricht mit dem rauhen, singenden Akzent des Midi. Auf dem riesigen, von einer Mauer umgebenen Gelände geht gerade die Prozession zu Ende. Die Stimmen aus den Lautsprechern, aus denen vorhin die Gebete und Gesänge tönten, wünschen nun eine gute Nacht. Kinder, Nonnen, Kranke, Krankenschwestern, Rollstühle, Rikschas, große Transparente mit den Namen der Gemeinden - alles muss den kleinen Berg hinauf zum Tor. Unten steht die Madonna, La Vierge. Dort, in der Nähe des Flusses, befinden sich die Bäder, die Kirche auf dem Fels, die unterirdische Basilika, die Grotte.

Jetzt kehren Tausende zurück, wie jeden Abend in der Saison. In den Händen tragen sie dünne Kerzen mit einem Windschutz aus Pappe. Die Kerzen haben sie ausgemacht. Man kann sie sparen bis morgen. Die Menschen wirken gelöst und erfüllt vom gemeinsamen Erlebnis. Vielleicht werden sie sich jetzt noch ein Eis erlauben oder eine Limonade, vielleicht schreiben sie eine Postkarte: „Souvenir de Lourdes“.

Eine religiöse Stätte des industriellen Zeitalters

Aus der Hitze unserer Städte sind wir hierhergekommen in die kühle Abendluft der Pyrenäen. Christian, der Komponist, aus Paris, ich aus Berlin. Leichter Dunst hängt in den Bergen, die Luft schmeckt rein. Graue, schroffe Berge. 42 Jahre lang war Christian Zanési nicht mehr in Lourdes. Mit achtzehn verließ er seine Heimatstadt. Ich habe ihn überredet, mit mir zurückzukehren. In einem Moment des Überschwangs hat er zugesagt.

Christian ist so alt wie ich, unsere Kindheit lag in den fünfziger, sechziger Jahren. Wir kennen uns von der gemeinsamen Arbeit fürs Radio. Jetzt will ich die Pilgerstadt voller Klöster, Hotels und Hospitäler aus der Perspektive seiner Kindheit erleben. Ich werde erfahren, warum der Bahnhof und die Züge voller Kranker ihm immer näher waren als die Grotte. Er wird mir erzählen, wie seine Familie zusammen mit Pilgern ihre Sommer verbrachte, wie er mit seinen Freunden einmal ein Wunder vollbrachte. Warum er noch heute den Klang von Regen liebt.

Unser Quartier ist ein Hotel in der Rue St. Joseph, ganz in der Nähe der Grotte. Am Hotel gegenüber ein alter Schriftzug an der Mauer: „Soubirous“. So hieß die kleine Hirtin Bernadette. Ihr erschien beim Holzsuchen an einem eisigen Februarabend an der Grotte die Jungfrau Maria; 1858 war das. Bald darauf wurde Lourdes ein Pilgerort mit Bahnanschluss, eine religiöse Stätte des industriellen Zeitalters.

Jeden Sonntag ins Kino

Mein erster Eindruck war: ein Badeort für Leute mit bescheidenem Einkommen. Die schlichte Kleidung. Ein gewisser katholischer Geruch. Familien mit Kinderwagen. Gedeckte Farben, keine Dekolletés, keine kurzen Röcke. Die Priester immer in der Nähe. Und die Kranken! Gezeichnete Gesichter, verzogene Körper. Die Krankenschwestern in weißer Tracht mit Häubchen und Schürze. Und viele junge Helfer.

Ich bin nicht katholisch, ich glaube nicht an Wunder oder höhere Wesen. Als Kind jedoch liebte ich die Madonnen auf Goldgrund. Sie schienen mir wertvoll wie Schmuck. Tante Mariechen, die rheinisch-katholische Kriegerwitwe, in deren warmer Wohnküche ich gerne saß, besuchte jeden Tag die Frühmesse. Die Kreidezeichen von den „Drei Königen“ an der Tür; St. Martin auf dem Pferd, der im November Weckmänner an uns Kinder verteilte; Weihrauch, Glöckchen und die prächtigen Roben der Priester - das gefiel mir. Beichtstuhl, Rosenkranz und Weihwasser jedoch und die Jungfrau Maria als Erscheinung - das ist mir bis heute fremd wie ein Kult in Afrika.

Christian wurde 1952 hier geboren. Seine geschwungenen Lippen erinnern mich an mittelalterliche Bilder. Er spricht leise, er ist scheu. „Zané“ wurde er genannt von seinen Schulkameraden, „der kleine Zané“, denn er hatte einen großen Bruder. „Eine ganz gewöhnliche Kindheit“ habe er gehabt, sagt er. Es gab zwei Kinos in Lourdes, „Le Pax“ und „Le Majestic“. War nicht teuer, zwei Francs. Der Großvater hat ihnen das Geld gegeben. Jeden Sonntag gingen sie ins Kino. Es gab nur Western und Mantel-und-Degen-Filme.

Die Landschaft erinnert an Italien

Mit acht Jahren wurde der kleine Zané Messdiener, als junger Mann war er Touristenführer in den Grotten der Umgebung. Mit fünfzehn Liftboy in einem Hotel. Beim Krankenhaus ging Christian als Junge mit seinen Kumpels nachts zum Springbrunnen, um die Münzen auf dem Grund des Beckens einzusammeln. Vorübergehende hatten sie tags hier hineingeworfen, den Wurf mit einem Wunsch verbindend. „Die Kinder von Lourdes hatten ihre besonderen Einkünfte“, kommentiert Christian und lächelt. „Wie soll ich das sagen. Wir kannten nur Lourdes. Die Pilger und der Pilgerbetrieb waren unser Leben. Tiefgläubig waren wir nicht, aber es gehörte einfach dazu.“ Die Saison dauert sechs Monate, von Ostern bis etwa Oktober: „Lourdes ist eine kuriose Stadt: im Winter klein, nur die einheimischen Zehntausend, und im August wohl zweihundert- bis dreihunderttausend Leute. Lourdes ist eine der Städte mit zwei völlig verschiedenen Gesichtern.“

Christian komponiert „elektroakustische Musik“, die er aus natürlichen Klängen zusammensetzt. Er ist künstlerischer Direktor des GRM, eines Klang-Musik-Forschungsinstituts in Paris. Er liebt das gute Fleisch und die besonders aromatischen Zwiebeln aus der Gegend um Lourdes, die Bohnen für den Wintereintopf. Christian ist der Sohn eines Metzgersgehilfen, die Familie hatte einen Stand in der Markthalle von Lourdes. Charcuterie - Wurst, Pastete, Schinken.

Er erzählt von dem italienischen Großvater mit dem klangvollen italienischen Namen Zanesi. Der war ein „Ritale“ - wie man in Frankreich abfällig sagt -, ein italienischer Einwanderer. In die Gegend von Lourdes zogen viele Italiener, weil das Land billig war und die Landschaft sie an zu Hause erinnerte. Christians Großvater, ein Bauer, war Bürgermeister gewesen in einem Dorf in Cremona. Er war gegen Mussolini, und als die Lage für ihn in den späten zwanziger Jahren gefährlich wurde, schickte er zur Sicherheit seine schwangere Frau vor nach Frankreich. Einige Monate später, just am Tag der Geburt seines Sohnes, kam er in Frankreich an. Die „alten Geschichten“ waren in der Familie kein Thema. Christians Vater Zoré sprach mit den Kindern kein Italienisch, und so ist das Gedächtnis für diese Wurzeln verlorengegangen.

Ab auf den Dachboden

Wir gehen auf dem schmalen Trottoir der dörflich anmutenden Rue Langelle zu Christians Elternhaus. Das kleine, bäuerliche Gebäude mit dem großen Tor sieht noch aus wie damals. Unten wohnten die französischen Großeltern, denen das Haus gehörte, oben die Zanésis. Vier Zimmer für sieben Personen: Vater, Mutter, fünf Kinder. Kost und Logis waren frei, doch der Großvater, der Metzger, zahlte seinem Gehilfen, dem Schwiegersohn, keinen Lohn. So wurden im Sommer die Zimmer an Pilger vermietet, „um uns Kindern das Gymnasium zu bezahlen“, erzählt Christian. „Wir sind dann zu siebt auf den Dachboden gezogen. Uns hat das gefallen, das war wie Camping daheim.“

Dann schliefen sie direkt unter dem Dach. Entweder war es sehr heiß, oder aber es regnete auf die Dachziegel. Das machte Christian nichts aus. „Im Gegenteil! Damals habe ich ein tolles Geräusch entdeckt: Regen auf Dachziegeln! Ich bin gerne im Bett gelegen und habe dem Regen zugehört.“

Und wie ging das mit den Betten, dem Wasser? „Wir hatten eine Waschküche, in der meine Mutter die Wäsche wusch“, sagt Christian, „und die wurde umfunktioniert zu einer Art Badezimmer. Wir organisierten uns, so gut wir konnten. Wenn alles schlicht abläuft und man gelassen ist oder dem Leben seine guten Seiten abzugewinnen weiß, liegt darin keinerlei Demütigung. Sommer, das hieß einfach: ab auf den Dachboden. So einfach war das.“

„Ich hasste dieses Instrument!“

Es ging gesellig zu in der Rue Langel. „Wir hatten unsere Pilger den ganzen Sommer lang.“ Die Geschwister spielten mit den Fremden Schafkopf, der Vater kochte, gegessen wurde im Hof. Zu fünfzehnt saßen sie am Tisch, sie lachten und sangen. „Wir freundeten uns an. Alljährlich kamen sie wieder, sie sind uns treu geblieben, obwohl wir keinen großen Luxus bieten konnten.“

Im Krieg hatte Christians Vater Zoré für die Deutschen in einer Raketenfabrik arbeiten müssen. Dort wäre er fast verhungert. Als er nach Frankreich zurückkehrte, wog er noch dreißig Kilo. Damals lernte er seine Frau kennen, Christians Mutter Fernande. Dem Vater verdanken die Kinder auch ihre musikalische Grundausbildung: Er schickte sie in die Musikschule. Damit er in der städtischen Blaskapelle mitspielen durfte, musste Christian Horn lernen, worauf er überhaupt keine Lust hatte. „Wir trugen Uniform und marschierten im Gleichschritt, ich als Hornist immer ziemlich am Schluss. Ich hasste dieses Instrument! Es gab Flöten und Klarinetten, doch ich wurde nicht gefragt: Ich musste ans Horn. Und so schleppte ich Knirps dieses Rieseninstrument mit mir herum. Ich war schüchtern, und alle Leute haben sich nach mir umgedreht. Ich wollte eine Klarinette haben! Die hätte ich unterm Arm verstecken können. Manche in unserer Blaskapelle konnten gar nicht musizieren! Da hat mich oft ein wildes Lachen gepackt.“

Auf dem Weg bergauf zur Markthalle im bürgerlichen Viertel von Lourdes erzählt mir Christian noch mehr von Fernande, der Mutter. Sie war eine fromme Frau und stammte von hier. Sie kümmerte sich auch um die Wäsche der Charcuterie, und als ihr Vater sich aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, musste sie noch die Buchhaltung für den Betrieb übernehmen.

Am frühen Nachmittag herrscht Stille

Eigentlich, sagt Christian, habe er eine glückliche Kindheit gehabt, dank der Fröhlichkeit seines Vaters. Aber diese eine traurige Erinnerung gibt es, von seiner Mutter: Einmal sah er sie am Monatsende weinen, weil ihr das Haushaltsgeld ausgegangen war. Ein anderes Mal wollte seine Mutter in den katholischen Wohltätigkeitsverein der Gemeinde aufgenommen werden: „Sie wurde abgewiesen, weil sie aus zu bescheidenen Verhältnissen kam. Der Pfarrer sagte ihr: Hören Sie, Frau Zanési, das geht leider nicht.“

Bei der Grotte waren Christian und seine Geschwister nicht oft. Die fromme Mutter nahm sie manchmal mit, aber die Kinder fanden es fad. „Wenn ich an Lourdes denke, denke ich an den Bahnhof“, stellt Christian fest. Vor diesem Kleinstadtbahnhof stehen wir jetzt, er ist aus dem hellen Stein der Pyrenäen gebaut. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde die Stadt zum Pilgerort. Die ersten Pilger kamen aus Belgien, es waren katholische Arbeiter aus den Bergwerken und Fabriken. An das Gebäude grenzt heute ein Andachtsraum. Davor große Parkplätze für die Busse. Am frühen Nachmittag herrscht hier Stille.

Als junger Mann arbeitete Christian mit seinen Freunden im Bahnhof. In den Ferien reinigten sie die Züge, die früh morgens hier ankommen. „Ich habe Waggons gesehen, die aus Sizilien gekommen sind, die waren in einem schlimmen Zustand. Die deutschen und belgischen Züge dagegen waren picobello und konnten sofort zurückfahren, ohne Reinigungsprozedur.“

Im Büro des Bahnhofsvorstehers trieben sie Unsinn

Die Freunde liebten es, wenn sie einen Zug gereinigt hatten, dieser abfahrbereit am Bahnsteig stand und nichts Besonderes passierte. Dann stiegen sie in den Zug und setzten sich in die Abteile der ersten Klasse. Für sie war das wie ein Wohnzimmer. Bezahlt wurden sie nach den französischen Eisenbahnertarifen, mit Zuschlägen für die Früh- und Spätschicht. Am Ende der Ferien hatten sie eine ordentliche Summe verdient. „Es war eine gute Arbeit, alles lief wie geölt ab.“

In dem kleinen Büro des Bahnhofsvorstehers trieb er mit seinem Kumpel Unsinn. Sie sollten die Ansagen für die Bahnsteige machen, wenn die Züge ankamen, und Jean-Luc, Student der Psychologie aus Toulouse, erfand ein Spiel: „Wenn ein Zug mit Pilgern aus Italien kam, herrschte auf dem Bahnsteig viel Betrieb. Jean-Luc rief durchs Mikrofon: ,Guiseppe!‘ Wir haben dann gezählt, wie viele sich umdrehten. Dann hat er ,Giiiino!‘ gerufen und so weiter. Wir haben eine richtige Statistik geführt und hatten viel zu lachen.“

Traurig anzusehen waren die Züge, die von Ärzten und Krankenschwestern begleitet wurden. „Wir stiegen in die Wagen, um zu schauen, ob alles in Ordnung war. Dort lagen die Schwerkranken. Sie stöhnten und klagten. Sauerstoffflaschen lagen neben ihren Liegen. Dieses Leid hat mich beeindruckt. Als die Kranken auf den Bahnsteig hinausgehoben waren, herrschte unter ihnen eine große Freude. Ob die Kranken ein Wunder erwarteten, weiß ich nicht – warum nicht? Ich selbst glaube nicht recht an Wunder. Sie waren jedenfalls froh, an der frischen Luft zu sein und ein paar Tage in einer Stadt zu leben, in der alles durchorganisiert ist: der Empfang, das Geleit zur Grotte, das Essen, die Übernachtung. Ich staunte über die Hoffnung in ihren Augen. Als sie dann abreisten, wirkten sie traurig. Wahrscheinlich nicht wegen des ausgebliebenen Wunders, sondern weil sie zurück mussten in ihren gar nicht lustigen Alltag.“

Die Wälder als Spielplatz

Christian erinnert sich an Menschen, die unvorstellbar deformiert waren, Behinderte, die man normalerweise verborgen hielt. „Hier in Lourdes waren sie in der Öffentlichkeit. Darauf kam es an. Das hatte ich begriffen. Deshalb waren sie voller Freude.“

Am Spätnachmittag sitzen wir auf einer Bank in der Nähe der Grotte. Überdachte, offene Warteräume vor den Türen, die zu den Kabinen mit den Bädern führen. Für heute werden sie geschlossen. Gläubige sitzen in Gruppen auf Bänken und beten. Nebenan brennen Tausende von Kerzen in eisernen Gestellen. Das Wachs wird in großen Eisenpfannen aufgefangen. Ein Arbeiter sammelt die Pfannen mit dem Wachs ein, auch die Kerzen. Morgen werden die Gläubigen wieder Hunderte Kerzen aufstecken und anzünden. Spanische Pilger verabreden sich zum Abendessen, ausgelassene afrikanische Kinder spielen Fangen.

Als Kind liebte Christian besonders die Pilgerumzüge der Zigeuner und die des Militärs. Wegen der Musik die einen, wegen der bunten Uniformen die andern. Christian und seine Brüder machten die Wälder um Lourdes zu ihrem Spielplatz. Er zeigt auf den Pic du Gers, auf dessen Gipfel drei mächtige Kreuze stehen. Eines Nachts zogen er und seine ganze Bande dort hinauf, zimmerten aus Holz im Wald ein viertes Kreuz zusammen und stellten es in der Dunkelheit neben den drei anderen auf. Am nächsten Tag blickten alle nach oben: „Ein Wunder!“

Am Sonntagmorgen hängen die Wolken tief. Es ist immer noch kühl. Wir hören Glocken schlagen, und Christian, der Musiker, reagiert sofort: „Glocken habe ich nie gemocht. Aber sie strukturieren die Klangwelt. Ich finde sie meist traurig. Wie schön ist die Ruhe, wenn die Glocken nicht mehr läuten.“

Noch nie so alt gefühlt

Etwa neunzig Klöster gibt es in Lourdes. Wenn in Frankreich gewählt wurde, kamen auch die Mönche und Nonnen in die Öffentlichkeit. Die staatliche Schule war das Wahllokal. Die Karmeliterinnen lebten in völliger Isolation, nur am Wahltag verließen sie das Kloster. So versammelten sich ihre Familien vor der Schule, um ihre Verwandten wenigstens an diesem Tag zu sehen. „Ich habe nicht begriffen, warum sich diese Frauen so isolierten. Als Kind liebt man das Leben. Man will doch Leute treffen und spielen! Mir erschien das Los der Karmeliterinnen als härteste Strafe. Im Grunde mochte ich keine Nonnen und Pfaffen. Sie gehörten für mich zu einer Trauerwelt.“

Schließlich zeigt mir Christian seine Schule, die École St.-Joseph, eine katholische Knabenschule. Sie ist wie der Bahnhof aus dem soliden Granit der Pyrenäen gebaut. Zwei Stockwerke, die Klassenzimmer liegen im ersten Stock. Auf dem Dach: eine Statue der Jungfrau Maria und eine der heiligen Bernadette; Bernadette erkennt man wie immer an ihrem Mantel, dem Kapuzenmantel. Die Schule sieht aus wie früher: die Mauer mit dem großen Tor zur Straße hin, der Innenhof mit den Bänken rund um die Bäume. Im Hof spielten die Schüler Murmeln. Damals, in den fünfziger Jahren, bekamen alle Schulkinder jeden Tag eine Schale warme Milch mit Zucker. Christian mochte die Milch nicht. Doch schließlich trank er sie.

Ich kann mir die Kinder vorstellen in den Klassenzimmern. Damals trugen sie keine Turnschuhe wie heute, sondern solides Schuhwerk, mit Eisen verstärkt, damit es länger hielt. Es muss einen ziemlichen Lärm gemacht haben, wenn sie die Treppen herunterrannten. Christian trug immer kurze Hosen, selbst im Winter. Seine erste lange Hose bekam er mit zwölf. „Seltsam, die Schule nach einem halben Jahrhundert zum ersten Mal wiederzusehen. Sie ist genauso groß wie in meiner Erinnerung.“ Fünfzig Jahre ist das jetzt her. Noch nie, sagt er, habe er sich so alt gefühlt. „Nichts hat sich verändert, unglaublich.“ Die Glocke einer nahen Kirche schlägt. „Das ist die halbe Stunde“, sagt Christian. Er steht von der Bank auf, auf der wir sitzen. „Voilà, opération souvenir terminée. – Und damit ist die Operation Erinnerung beendet.“

Stefanie Hoster ist Hörspielleiterin von Deutschlandradio Kultur.

Quelle: F.A.S.
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