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Royal Baby : George Alexander Louis, Prinz der Projektionen

Winke-winke: Grüßt der kleine Prinz womöglich seine künftigen Untertanen? Bild: REUTERS

Der Sohn von Prinz William und Kate heißt George Alexander Louis, teilt das Königshaus mit. Substantiellere Fragen bleiben nach der Namenswahl aber seltsam unterbelichtet. Die wohl spannendste: Wird „Baby Cambridge“ überhaupt irgendwann König?

          Queen Victoria, Mutter von neun Kindern, soll einmal bemerkt haben: „Ich habe nichts gegen Babys, ich finde nur die ganz jungen ein bisschen eklig.“ Am Dienstag, etwa eineinhalb Jahrhunderte später, teilte Victorias Ur-Ur-Ur-Urenkel William der Weltpresse mit, dass er gerade eigenhändig die Windeln seines ersten Sohnes gewechselt habe. Die Zeiten ändern sich.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Jedenfalls teilweise. Denn als der Kensington Palast am Mittwochabend den Namen des Neugeborenen bekanntgab, konnten alle Traditionalisten aufatmen: George Alexander Louis heißt der kleine Prinz; unter dem Namen Prinz George von Cambridge werde er bekannt sein, teilte der Palast mit. George hießen bisher sechs britische Könige, zuletzt George VI., der Vater von Königin Elisabeth II. Und da nun auch die Spekulationen über die Namenswahl beendet sind, können sich die Briten den substantiellen Fragen widmen. Die radikalste stellte am Dienstag der Labour-Abgeordnete Tristram Hunt im „Mirror“: Wird Prinz George, der Elisabeth II., ihrem Sohn Charles und dessen Sohn William auf dem Thron folgen soll, überhaupt König? Man möchte weiterfragen: Und wenn es so kommt – wann? Mit welchen Befugnissen wird der Prinz von Cambridge dereinst herrschen – und über welches Territorium, welches Volk?

          Drei Umstände könnten den Dritten in der Thronfolge von der Krone fernhalten: ein Unglücksfall, die Machtübernahme durch eine andere Dynastie, oder die Abschaffung der Monarchie. Ersteres möge Gott verhüten. Den Wechsel zu einem neuen Herrscherhaus bedingt historisch betrachtet eine handfeste Streitigkeit (wie die Rosenkriege des 15. Jahrhunderts) oder das Versiegen einer Linie (wie die der Tudors nach Elisabeth I.). Mit beidem ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Auch das Ende der Monarchie steht nicht unmittelbar bevor. Trotz eines hartnäckigen Kerns britischer Republikaner ist weder eine revolutionäre Umwälzung (wie unter Oliver Cromwell) noch eine gesittete Abschaffung, etwa durch ein Referendum, in Sicht. Unerschütterlich darf man das Vertrauen in die monarchische Zukunft aber auch nicht nennen: Nur 60 Prozent der Briten glauben laut einer Umfrage vom November 2012, dass die Monarchie in 50 Jahren noch bestehen wird.

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          Mehr Prinz als auf diesem Foto gab’s dann doch nicht zu sehen :

          Lebensnäher ist die Frage, wie lange sich der Prinz von Cambridge gedulden muss, bevor er zum 45. Regenten der britischen Monarchie aufsteigen darf. Schon William I. (der Eroberer) war 38 Jahre alt, als er gekrönt wurde. Die durchschnittliche Wartezeit, die der „Economist“ gerade anhand der 42 britischen Monarchen errechnet hat, betrug in dem sich anschließenden Jahrtausend 31 Jahre. In den vergangenen Jahrhunderten verlängerte sich das Vorhofstadium tendenziell. Prinz Charles wird wohl noch in diesem September den historischen Rekord von William IV. einstellen, der (nach dem Tod seines Bruders George IV. im Jahr 1830) im Alter von 64 Jahren und zehn Monaten gekrönt wurde - und noch sieben Jahre lang, bis zu seinem Tod, regierte.

          Sollte der junge Prinz George von Cambridge das Glück des Großvaters teilen und seine Eltern ähnlich lange um sich herum haben, stehen die Chancen gut, dass er die Briten ins 22. Jahrhundert führt. Aber werden es dann noch „die Briten“ sein? Im kommenden Herbst wollen die Schotten über ihre Unabhängigkeit entscheiden. Nordirland könnte mit seiner wachsenden katholischen Bevölkerung im Laufe des Jahrhunderts die Vereinigung mit der irischen Republik suchen. Auch in Wales regt sich separatistischer Appetit. Nicht weniger unsicher sind die Entwicklungen in den 15 Commonwealth-Staaten, die ihr Staatsoberhaupt bis heute im Inhaber der britischen Krone sehen. Die erste Reise des Baby-Prinzen geht angeblich nach Australien - vielleicht kein Zufall, denn dort hat gerade wieder Kevin Rudd die Macht übernommen, und der steht republikanischen Gedanken nicht fern.

          Wird Monarch Nummer 45 womöglich nur noch über „Little England“ herrschen? Und wie werden sich die Untertanen in Klein-England bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verändern? In London sind „the white british“ schon bald in der Minderheit; auch im Rest des Landes geht es zunehmend „multikulturell“ zu. Noch müssen die neuen Bürger, gleich welcher Herkunft oder Religion, der Krone Treue schwören. Aber wie lange werden sie tolerieren, dass ihr König zugleich das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche ist? Prinz Charles, der sich auch für andere Religionen interessiert, hat schon angekündigt, er werde sich eher als „Verteidiger des Glaubens“ sehen denn als Patron der traditionellen Staatskirche.

          Prinz George von Cambridge blickt einem ungewissen Morgen entgegen. Berechenbar bleiben nur die Wechselfälle des Lebens. Aller Voraussicht nach wird in den Ländern der Welt auch in den kommenden Jahrzehnten geboren, geliebt, geheiratet, getratscht, geschieden und gestorben werden. Und weil dies bislang keine Familie märchenhafter widerspiegelt als die Windsors, darf der Prinz von Cambridge darauf vertrauen, eines Tages zumindest ein König der Projektionen zu sein.

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