30.10.2006 · Die Scheidung von Paul McCartney und Heather Mills ist in Großbritannien der Aufreger der Saison in den Boulevardblättern. Er: ein Schläger? Sie: eine Lügnerin? Die Indiskretionen sind eine juristische Sensation.
Von Julia SchaafHätte Paul McCartney mal auf einem Ehevertrag bestanden, als er 2002 die 25 Jahre jüngere Heather Mills heiratete. Seine erwachsenen Kinder, die das Ex-Model angeblich nie leiden konnten, sollen ihn dazu gedrängt haben. Nicht einmal die Braut höchstselbst sei abgeneigt gewesen, schenkt man ihrer Schwester Glauben. Auf Heather Mills-McCartneys Homepage klärt Fiona Mills auf: "In Wirklichkeit hat Heather Paul gesagt, daß sie gerne bereit sei, einen Ehevertrag zu unterschreiben. Aber er wollte das nicht, weil er es unromantisch fand. Abgesehen davon, wußte er, daß es völlig unnötig ist."
Yesterday . . .
Hätte Paul McCartney auf einem Ehevertrag bestanden, Großbritannien müßte diesen Herbst wahrscheinlich auf auflagensteigernde, schmierige Details in dieser Jahrhunderttrennung verzichten, die als bisher teuerste Ehescheidung in der Geschichte des Landes gehandelt wird. Nicht nur der Boulevard, auch die seriöse Presse kolportiert fast täglich neue Wendungen in dem Fall. Immerhin ist nicht nur ein Vermögen von geschätzten 825 Millionen Pfund im Spiel (1,23 Milliarden Euro), sondern auch, mit Sir Paul, eine Art englisches Nationalheiligtum. Vor etwa zehn Tagen wurden den Medien geheime Scheidungsunterlagen zugespielt. Seitdem gilt die Akte McCartney-McCartney auch in Juristenkreisen als Sensation.
Der Rosenkrieg der McCartneys
When I'm 64:
Bei Bekanntgabe der Trennung im Mai hatte das Paar noch behauptet, man gehe freundschaftlich auseinander, und es sah so aus, als würde in erster Linie ein musikhistorisch bedeutsames Datum leiden. Der Ex-Beatle mußte seinen 64. Geburtstag Ende Juni ohne eine Frau an seiner Seite feiern, die mit ihm gealtert wäre, wie er es sich in seinem berühmten Song von 1967 gewünscht hatte. Als kurz darauf jedoch die Namen der hinzugezogenen Anwälte bekannt wurden, zeichnete sich ab, daß die ehemaligen Partner einander längst als erbitterte Gegner empfanden. Plötzlich drängten sich Parallelen zum bisher aufsehenerregendsten Scheidungskampf der Insel auf - dem Charles-Diana-Drama.
Das Personal:
Fiona Shackleton, Anwältin von Paul McCartney, Senior Partner bei der renommierten Kanzlei Payne Hicks Beach. Sie gilt als eine der besten Londoner Familienrechtlerinnen und wird wegen ihres Verhandlungsstils gerne als "stählerne Magnolie" bezeichnet. Als Rechtsbeistand von Prince Charles erreichte sie vor zehn Jahren, daß Diana auf ihren königlichen Titel verzichtete. Kollegen sagen: "Sie ist so gut, sie muß nicht einmal gemein werden."
Ihr Gegenspieler im Auftrag von Heather Mills, Anthony Julius, wird wegen seines glänzenden Rufs auch "Genius" genannt. Er hat für Prinzessin Diana die stolze Abfindung von 17 Millionen Pfund ausgehandelt. Da der Anwalt aus der Kanzlei Mishcon de Reya allerdings in erster Linie als Medienfachmann gilt, spekulieren Kollegen, ob er noch einen Spezialisten hinzuziehen wird.
Außerdem mit von der Partie: Nicholas Mostyn, der Jurist mit dem anerkannt größten Geschick und Erfolg vor Gericht. "Mister Payout" hat in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, daß Ehefrauen vermögender Männer in England bei der Scheidung mit astronomischen Summen rechnen können. Jetzt hat ihn Fiona Shackleton für Paul McCartney angeheuert - ein mehr als geschickter Schachzug.
Abgesehen von Anthony Julius und ihrem Engagement für Landminenopfer hat Heather Mills Noch-McCartney allerdings nichts mit der ewigen britischen Königin der Herzen gemein. Ganz im Gegenteil feilt die Presse hartnäckig an ihrem schlechten Ruf. Schon der im Internet veröffentlichte, etwas überholte Versuch von Fiona Mills, Verunglimpfungen ihrer Schwester mit angeblichen Fakten beizukommen, bezeugt die lange genährte Antipathie zwischen Heather und den Medien: Dieser selbstbewußten Blondine aus schäbigen Verhältnissen hatte man Paul McCartney nie gegönnt, nachdem dessen erste Frau Linda 1998 nach fast dreißig Jahren symbiotischer Ehe an Brustkrebs gestorben war. Nicht einmal die Hits der Beatles kannte sie! Heather Mills war als Unterwäschemodel zu etwas Glamour gekommen und verlor 1993, nachdem ein Motorrad sie umgefahren hatte, ein Bein. Seither sucht sie als Aktivistin das Licht der Scheinwerfer. Natürlich hat die Prominenz des Namens McCartney ihr Engagement gegen Pelz- und für Prothesenträger beflügelt. Die Medien schalten sie eine publicityverrückte Goldgräberin. Im Sommer nun brachen die Dämme. Uralte Softpornos wurden ausgegraben und Manipulationen am Lebenslauf aufgedeckt; Geschichten über Mills als Gespielin reicher Araber machten die Runde.
Und plötzlich schien es einen Moment lang, als könne alles ganz anders gewesen sein. "Daily Mail", "Evening Standard" und in Teilen auch die "Sun" veröffentlichten vertrauliche juristische Unterlagen aus dem Mills-Lager, in denen Paul McCartney schwer beschuldigt wird: Die Bealtes-Legende soll mehrfach gewalttätig geworden sein und seine Frau mit einem zerbrochenen Weinglas verletzt haben. Von Drogenkonsum ist die Rede, von Rücksichtslosigkeiten und einer herrischen Art, mit der McCartney seiner behinderten Frau die Benutzung einer Bettpfanne verweigert haben soll, woraufhin diese nachts ohne Prothese zur Toilette habe robben müssen. Außerdem soll er Heather davon abgebracht haben, die gemeinsame Tochter zu stillen - unter anderem mit den Worten: "Das sind meine Brüste."
Help!
Die britischen Medien tun jetzt täglich neue "Freunde", "Kumpel", "Quellen" auf, die den Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigungen kommentieren - wobei die Zweifler in der Mehrheit sind und mit Stars wie Rod Stewart und Kate Moss auch weitaus prominenter. Frau Mills hingegen wird eine Ungereimtheit nach der anderen nachgewiesen. In einer eleganten Erklärung der McCartney-Anwälte heißt es: "Unser Mandant würde gerne öffentlich und im Detail auf alle Anwürfe seiner Frau reagieren, er sieht - nach Beratung - aber ein, daß das einzig angemessene Forum hierfür das laufende Scheidungsverfahren ist." Spannend bleibt die Frage, die auch die Justiz umtreibt, nämlich wer die skandalösen Prozeßunterlagen an Redaktionen und Nachrichtenagenturen gefaxt hat, deren Authentizität bisher niemand bestätigt hat. Verdächtigt wird vor allem - Mills' Umfeld. Eigentlich darf die Presse über intime Details aus Scheidungsverfahren überhaupt nicht berichten, Gerichtspapiere sind streng geheim. Mills' Anwälte kündigten am Dienstag an, die verantwortlichen Blätter zu verklagen.
Die "Sun" wird seitdem besonders frech. Erst durften die Leser ankreuzen, welche Mills-Eigenschaften sie zuvor verkannt hatten: Nutte? Lügnerin? Porno-Star? Am Freitag dann rief das Klatschblatt zur Online-Abstimmung auf über das mieseste Weibsstück der Welt, die Kandidatinnen: Naomi Campbell, Heather Mills. Der "Guardian" ätzt über einen Auftritt der Scheidungsaspirantin in Overknee-Stiefeln aus der Kollektion ihrer Stieftochter Stella McCartney. Der "Telegraph" schwingt sich dazu auf, McCartneys vielgelobtes Album "Chaos And Creation in the Backyard" aus dem vergangenen Herbst als Produkt der Ehekrise umzuinterpretieren. Über Paul McCartney wird vor allem berichtet, wie sehr er unter den Indiskretionen leide. Bei einem alkoholisch orientierten Abend mit Tochter Stella in Notting Hill soll er recht zerknittert ausgesehen haben.
A Hard Day's Night.
Buchmacher sollen inzwischen Wetten annehmen, ob Mills eine Abfindung von mehr oder weniger als fünfzig Millionen Pfund herausschlagen wird. Die gemeinsame Tochter Beatrice ist seit einigen Tagen drei Jahre alt.
Das Biest
Johann Schnitzer (unsinn1)
- 31.10.2006, 11:23 Uhr
Yesterday
Ahmet Balkaya (maide4)
- 31.10.2006, 11:52 Uhr
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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