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Rosa Luxemburg Ihr Herbarium soll das Rätsel lösen

26.06.2009 ·  Liegt Rosa Luxemburgs Leichnam nicht auf dem Friedhof, sondern im Keller der Berliner Charité? Der Rechtsmediziner Michael Tsokos hat eine heiße Spur und will nun durch einen DNA-Test die Wahrheit herausfinden.

Von Arne Leyenberg
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Michael Tsokos ist kein Mann der großen Emotionen. Darf er nicht sein, von Berufs wegen. Mehr als 50.000 Leichen hat der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité bislang in seinem Leben gesehen. Eine unbekannte Tote in seinem Institut jedoch hat nicht nur den Ehrgeiz des Wissenschaftlers geweckt, sondern auch das Interesse des Menschen Tsokos: die unidentifizierte Wasserleiche, die nach Auffassung des 42 Jahre alten Rechtsmediziners der Leichnam der Revolutionärin Rosa Luxemburg sein könnte.

Am Mittwoch sicherte Tsokos in Warschau Spuren, mit denen er nun einen DNA-Abgleich vornehmen kann. Im Archiwum Akt Nowych lagert das Herbarium Rosa Luxemburgs - es galt lange als verschollen. „Fantastisch diese Sammlung, sie hat sich damit so eine Mühe gegeben, das hat mich wirklich angerührt“, sagte Tsokos nach seiner Rückkehr. In drei Wochen hofft er, Gewissheit zu haben, ob es sich bei der rund 90 Jahre alten Leiche ohne Kopf, Hände und Füße tatsächlich um die am 15. Januar 1919 ermordete Rosa Luxemburg handelt.

„Meine Leidenschaft und beste Erholung“

Ende Mai hatte sich Tsokos mit seinem Verdacht an die Öffentlichkeit gewandt, in der Hoffnung, für eine DNA-Probe verwertbare Spuren von Rosa Luxemburg zu erhalten. Ein Hinweis auf ihr Herbarium führte ihn nach Warschau: Dort spürte er insgesamt 18 dunkelblaue Hefte im Format DIN A 5 auf - 17 Pflanzenbände und ein Dokumentationsheft. „Sie hat sich ganz akribisch Notizen gemacht, die Merkmale der Pflanzen bestimmt“, sagt Tsokos. Von 1913 an sammelte Rosa Luxemburg, die während ihres Studiums in Zürich Vorlesungen der Botanik besuchte, Blätter von Bäumen und Büschen und klebte sie in die Bände ein. Daneben schrieb sie die deutschen und lateinischen Bezeichnungen, bestimmte die Monate der Blüte sowie Farbe und Duft.

„Dieses Herbarium gibt einen anderen Blick auf die Revolutionärin und Politikerin“, sagt Tsokos. Rosa Luxemburg führte ihre Pflanzensammlung selbst in der Gefangenschaft weiter. Mehrfach wurde sie zu Haftstrafen verurteilt, die längste Zeit saß sie während des Ersten Weltkriegs ein. Zwei Jahre und vier Monate verbrachte sie in Berlin, Wronke und Breslau im Gefängnis. So trägt der Band „XVI“ ihres Herbariums die Aufschrift „Breslau Strafgefängnis. 1. Oktober - 6. Oktober 1918“. Während einer früheren Haftzeit hatte Rosa Luxemburgs Sekretärin und Vertraute Mathilde Jacob ihr Pflanzen in die Haftanstalt gebracht. Am 9. April 1915 schrieb sie aus dem Frauengefängnis Berlin-Barnimstraße an Mathilde Jacob: „Für die Blumen einen ganz besonderen Dank. Sie wissen gar nicht, welche Wohltat sie mir damit erweisen. Ich kann nämlich wieder botanisieren, was meine Leidenschaft und beste Erholung ist. Seit Mai 1913 habe ich ungefähr 250 Pflanzen eingeklebt, sie sind alle wunderbar getrocknet.“

DNA von Rosa Luxemburg

Eine Kopie von Rosa Luxemburgs Pflanzensammlung ist im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam archiviert. Auf welchen Wegen das Original nach Warschau kam, ist nicht bekannt. „Der Karton war irgendwann im Keller“, sagt Tsokos. Auch Tadeusz Krawczak, Direktor des Archiwum Akt Nowych, hat keine Erklärung für den Fund in seinem Institut. Die Anfrage aus Berlin, den Inhalt des lange Jahre unbeachteten Kartons sichten zu dürfen, erstaunte ihn zunächst. Aber er leistete ihr prompt Folge. „Die Unterstützung aus Polen ist sehr groß“, sagt Tsokos. Auf dem Karton, in dem die Blättersammlung lagerte, war eine Empfängeradresse in New York geschrieben. „Er wurde nach Amerika geschickt, irgendwie kam er nach Polen.“ Krawczak fand darüber hinaus Fotos, Briefe und Postkarten, die von Rosa Luxemburg stammen sollen. „Damit kann ich aber leider nichts anfangen, diese Sachen sind durch zu viele Hände gegangen“, sagt Tsokos.

Verwandte der Revolutionärin konnten ihm ebenfalls nicht die entscheidende DNA-Probe liefern. „Das sind Urenkel von ihren Geschwistern. Die sind von Rosa Luxemburg zu weit weg.“ Das Herbarium allerdings wies eine ganze Fülle von Fingerabdrücken auf. „Für die Pflanzen hat sich ja niemand interessiert“, sagt Tsokos. Die Hoffnung des Rechtsmediziners ist groß, tatsächlich eine verwertbare Spur Rosa Luxemburgs gesichert zu haben. „Natürlich könnte die auch von einer Archivarin stammen. Aber das ist die heißeste Spur, und die Wahrscheinlichkeit, dass die DNA von Rosa Luxemburg ist, ist doch sehr hoch.“ Die Abstriche aus Warschau gibt der Rechtsmediziner nun zur Untersuchung in das Institut für Medizinische Genetik in der Charité. „Sollten die Proben übereinstimmen, haben wir Gewissheit. Falls nicht, bedeutet das keinesfalls, dass es sich bei der Leiche nicht um Rosa Luxemburg handelt. Dann gebe ich die Hoffnung nicht auf. Die Geschichte trägt sich jetzt auch ins Ausland, vielleicht gibt es dort noch Spuren von ihr.“

Verbascum lychnitis, Mehlige Königskerze

Offiziell wurde die Leiche Rosa Luxemburgs am 31. Mai 1919 im Berliner Landwehrkanal gefunden und am 13. Juni 1919 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin beigesetzt. Tsokos ist sich sicher, dass die Tote, die damals beerdigt wurde, nicht die ermordete Revolutionärin war. Im Obduktionsbericht war ausdrücklich vermerkt worden, dass die Leiche weder einen Hüftschaden noch unterschiedlich lange Beine aufwies, auch ein Kopfschuss als Todesursache konnte nicht zweifelsfrei identifiziert werden. Rosa Luxemburgs unterschiedlich lange Beine waren die Folge einer Hüftverrenkung, sie hinkte. Diese Merkmale weist die bislang unbekannte Tote in der Charité auf, laut Altersbestimmung per Computertomographie war sie zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 40 und 50 Jahre alt. Rosa Luxemburg starb im Alter von 47 Jahren. Die unidentifizierte Leiche liegt im Keller des Medizinhistorischen Museums, in der Sammlung für Lehrzwecke und Demonstrationen.

Opfer von Unfällen oder Gewaltverbrechen wurden und werden noch heute in der Charité obduziert, ebenso wie unter ungeklärten Umständen Verstorbene. Offiziell wurde Rosa Luxemburg im Juni 1919 von Tsokos' Vorgängern Fritz Strassmann und Paul Fraenckel obduziert. Die unbekannte Tote, sollte sie nicht Rosa Luxemburg sein, könnte als Selbstmörderin oder Mordopfer in der Charité gelandet sein. Sie wurde der Sammlung für Lehrzwecke zugeführt, vielleicht weil sich keine Verwandten für ein Begräbnis einsetzten. „Die Leiche war schon da, als ich hierherkam“, sagt Tsokos, der Anfang 2007 die Leitung der Rechtsmedizin übernahm. „Warum sie hier ist und die Charité nie verlassen hat, ist der entscheidende Punkt.“ Er hält es für möglich, dass die Leichen bewusst vertauscht wurden. Unter dem Druck von Militär und Regierung hätten Strassmann und Fraenckel der aufgebrachten Masse um jeden Preis einen Leichnam präsentieren müssen. Der explizite Hinweis auf den fehlenden Hüftschaden sei von ihnen möglicherweise als Spur gelegt worden. Tsokos will die Spuren nun, rund 90 Jahre später, verstanden und das Rätsel gelöst haben. „Wenn eine andere Tote die Identität von Rosa Luxemburg erhalten hat, dann ist eine Leiche über.“

Die letzte datierte Blüte im Warschauer Herbarium stammt vom 15. Oktober 1918 - Verbascum lychnitis, Mehlige Königskerze. Auf den Tag genau drei Monate später wurde Rosa Luxemburg ermordet.

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