Der innige Kuss zwischen Daniel Reece und seiner alten Liebe Krystle Jennings (Linda Evans) war am 6. Februar 1985 im amerikanischen Fernsehen zu sehen. Nur wenige Episoden später musste sich Rock Hudson von der Erfolgsserie „Dynasty“ zurückziehen. Zu weit fortgeschritten und vor allem unübersehbar war seine Krankheit. Nicht nur für die Schauspielerin Linda Evans war die Vorstellung, den an Aids erkrankten Hudson geküsst zu haben, der reinste Horror. Später sagte sie, viele Kollegen hätten zunächst auch mit ihr keinen Kontakt mehr haben wollen, aus Angst, sie könnten sich in ihrer Nähe infizieren. Die Filmszene war 1985 der Skandal des Jahres, noch nach seinem Tod wurden Hudson heftige Vorwürfe gemacht, so unverantwortlich mit der mutmaßlich doch hochgefährlichen Seuche umgegangen zu sein.
Zugleich war der Aidstod eines der berühmtesten Hollywoodstars ein Wendepunkt. Der 1,96 Meter große Hudson, der zum Schluss gerade noch 78 Kilogramm wog und lange darauf beharrte, nur auf einer Diät zu sein, bereitete den Weg für einen offeneren Umgang mit der „mysteriösen Krankheit“. Wenn selbst ein Hollywood-Schauspieler an ihr stirbt, kann man die Infizierten, überwiegend Homosexuelle und Heroinsüchtige, wohl doch nicht einfach ignorieren oder wegsperren. Dass der gerade 59 Jahre alte Hudson homosexuell war und damit zu der Risikogruppe zählte, die besonders von Aids betroffen war und gerade darum massiv diskriminiert wurde (die Rede war von „Schwulen-Seuche“), verschwieg der Schauspieler über den Tod hinaus.
Durch seinen Tod setzte ein Umdenken ein
Hudson zeigte sich im Juli 1985 ein letztes Mal in der Öffentlichkeit – an der Seite seiner alten Filmpartnerin Doris Day. Der Tod stand ihm ins Gesicht geschrieben. Noch im selben Monat wandte er sich – schriftlich – an sein Publikum. Er habe sich wohl durch eine Bluttransfusion mit HIV angesteckt. Die Nachricht ging um die Welt. Beinahe sofort setzte ein Umdenken ein. Noch im August wurde in Los Angeles ein Aids-Antidiskriminierungsgesetz erlassen, im September erwähnte der amerikanische Präsident Ronald Reagan, der seinen Schauspielerkollegen Rock Hudson bestens aus alten Hollywood-Tagen kannte, erstmals in einer öffentlichen Rede das Wort „Aids“. Zu diesem Zeitpunkt, vier Jahre nach Bekanntwerden der ersten Fälle, gab es schon Tausende Infizierte alleine in den Vereinigten Staaten. Im gleichen Monat begann Hudsons enge Freundin Elizabeth Taylor Geld für die Aidsforschung zu sammeln, wenig später wurde sie die Vorsitzende einer Stiftung (Amfar), die sich der Erforschung und Heilung der Krankheit widmet. Initiiert hatte sie Rock Hudson – mit einer Spende in Höhe von 250.000 Dollar. Kurz nach Hudsons Tod bewilligte der amerikanische Kongress 47 Millionen Dollar für ein Netzwerk von Aids-Forschungseinrichtungen (ACTG).
Auch in Deutschland gab es schon seit Juli 1982 Aidsfälle. Ein knappes Jahr später war die Krankheit im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen: „Tödliche Seuche Aids“ titelte am 6. Juni 1983 der „Spiegel“. Damals wurde über den Umgang mit den Infizierten heftig gestritten. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler forderte rigorose Zwangsmaßnahmen: „Uneinsichtige“ Aids-Kranke sollten notfalls weggesperrt werden. Bundesgesundheitsministerin Rita Süßmuth (CDU) jedoch wollte vor allem aufklären. Im November 1985, kurz nach Hudsons Tod am 2. Oktober, wandte sich die Bundesregierung mit einer Postwurfsendung an alle 27 Millionen Haushalte: „Was Sie über Aids wissen sollten“. Zwei Jahre später, 1987, wurden „Aids“ und „Kondom“ von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ gewählt – vor Perestroika, Glasnost, Ozonloch und Kremlflieger.
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