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Rock am Ring „Metallica“ - nothing else matters

06.06.2006 ·  Von wegen Festival: Wenn der Headliner „Metallica“ heißt, wird selbst ein mehrtägiges Programm mit Bands aus der ersten Rock-Liga zum Beiwerk. „Nothing else matters“ - schon gar nicht, da das „Guns n'Roses“-Comeback gründlich mißriet.

Von Peter Badenhop
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Tobias ist nicht mehr ganz frisch. Es ist zwar erst kurz vor sechs, aber er liegt schon eine Weile in der Boxengasse. Dort, wo vor ein paar Wochen noch Michael Schumacher und die anderen Formel-1-Piloten ihre Boliden über den Asphalt gejagt haben, hat sich der Neunzehnjährige aus Baden-Baden auf die Erde gehockt. Auf der anderen Seite, hinter dem Boxengebäude, brüllt sich der Sänger der japanischen Metal-Rocker von „Dir En Grey“ gerade die Seele aus dem Leib und tanzt wie ein Derwisch mit blutigem Gesicht über die Bühne. Aber Tobias ist zu abgekämpft, um sich das Spektakel anzuschauen. Drogen? „Nee, nee“, lallt er, „nur ein bißchen viel Eistee. Eistee? „Na ja, mit Wodka . . .“ Er grinst gequält und deutet auf den 1,5-Liter-Tetrapak, der ein Stückchen weiter auf dem Rasen liegt. Anders als Flaschen und Dosen darf man diese Kartonverpackungen mit auf das Festivalgelände bringen - und Tausende machen davon Gebrauch. Nur scheinen die meisten ihre stimmungsaufhellenden Mischungen besser dosieren zu können als Tobias.

Mehr als 80.000 Rockfans sind zum Nürburgring in die Eifel gekommen. Als Tobias schon in den Seilen hängt, sind viele andere noch auf dem Weg zum dreitägigen „Rock am Ring“. Auf den Straßen zur Rennstrecke, an deren Zielgerade das Festivalgelände liegt und deren Pisten Zehntausenden von Besuchern als Campingplatz dienen, bilden sich schon Freitag mittags die üblichen Staus - und diesmal sind sie deutlich länger als in den Vorjahren. Nachdem Veranstalter Marek Lieberberg ein paar Mal wegen der Formel-1 von seinem Stammplatz weichen mußte, findet Deutschlands größtes Open-Air in diesem Jahr wieder am langen Pfingstwochenende statt. Und die Fans strömen in Scharen.

„Guns n'Roses“ enttäuschen

Am Freitag, dem ersten Tag, dauert es allerdings eine Weile, bis im Publikum und auf den drei Bühnen, auf denen am gesamten Wochenende knapp 90 Bands und Solokünstler auftreten sollen, der Funke überspringt. Auf der riesigen „Centerstage“ an der Rückseite des Boxengebäudes bringen gegen 19 Uhr die „Deftones“ die Menge zum ersten Mal richtig in Stimmung. So haben „Korn“ - Jugendfreunde der „Deftones“ - anderthalb Stunden später schon leichteres Spiel: Zu ihrem treibenden New-Metal hüpften die inzwischen nach Zehntausenden zählenden Zuschauer in den Abend. Der bringt noch „Tool“ und um kurz vor zwei in der Nacht schließlich das lang erwartete Comeback von „Guns n' Roses“.

Rock am Ring: „Metallica“ - nothing else matters

Auch am nächsten Tag sind die Meinungen darüber noch geteilt. Viele Fans haben sich vor allem über das lange Warten auf den vollkommen unberechenbaren Axel Rose und seine neue Truppe geärgert. Und auch das Organ des exzentrischen Frontmanns begeistert lange nicht alle, die es bis morgens um vier vor der Bühne ausgehalten haben. „Der kann doch überhaupt nicht mehr singen, kannste in der Pfeife rauchen“, schimpfen drei Thüringer, die mit ihren Frauen zum zehnten Mal an den Ring gekommen sind und die nächtliche Show gesehen haben. Ende vierzig sind sie, ziehen die Pension inzwischen dem Zelt vor, haben gerade den begeisternden Auftritt von „The Darkness“ gesehen und freuen sich vor allem auf eins: „Metallica“. „Die sind wenigstens auf dem Boden geblieben“, meinen sie. „Das wird der Hammer!“

„Die werden wohl vernünftiger“

Das kann und will Karl Häffner nicht beurteilen. Aber für ihn ist etwas ganz anderes „der Hammer“: Es bleibt am Samstag ebenso ruhig und friedlich wie schon am Freitag. „Die werden wohl tatsächlich vernünftiger“, sagt der Notfallseelsorger, der sich seit Jahren mit anderen freiwilligen Helfern von der evangelischen Kirchengemeinde Adenau beim Open-Air am Nürburgring die Nächte um die Ohren schlägt. „Alles superfriedlich“ heißt es auch bei Polizei und Rotem Kreuz - angesichts der Besucherzahlen geradezu unglaublich, doch wegen der guten Organisation auf Zufahrtswegen, Campingplätzen und Festivalgelände offenbar auch kein Zufall. „Wir haben alle unheimlich dazugelernt“, sagt Häffner.

Steffen rockt inzwischen zu „Disco Ensemble“ - vier junge Finnen, die am frühen Samstag abend auf der sogenannten Club-Stage ihr Bestes geben, um die überschaubare Menge vor der kleinen Bühne zu begeistern. „Gute Jungs“, sagt der 42 Jahre alte Anlagentechniker aus Sangerhausen im Ostharz. Auf seiner Jacke prangt ein Aufnäher mit der Zeile „Lieber frei und Rocker sein als ein dummes Spießerschwein“ und am Ring ist er zum dritten Mal. Schon den ganzen Tag wandert er von einer Bühne zur anderen, freut sich über das überraschend gute Wetter und will jetzt „Metallica“ sehen. Die spielen erst in ein paar Stunden, aber wer einen guten Platz ergattern will, sollte nicht zu lange warten. „Das geht ab“, sagt Steffen, schultert seinen zusammengefalteten Klapphocker und zieht Richtung Hauptbühne.

„Metallica“-Euphorie in allen Zelten

Knapp drei Stunden später werden die großen Erwartungen nicht enttäuscht. Mit einem furiosen Auftritt, der erst nach Mitternacht endet, versetzten „Metallica“, die unumstrittenen Superstars der Metal-Szene, die 80.000 - oder zumindest den größten Teil davon - in einen Rausch. Selten hat man das Gelände vor der Hauptbühne so voller Menschen gesehen - und selten hat man die vier Amerikaner in den vergangenen Jahren so dynamisch, gut gelaunt und vor Spielfreude geradezu explodierend gesehen. Vor allem Sänger James Hetfield sprüht vor Elan und Kraft. Zum Jubiläum ihrer 1986 erschienen Platte „Master of Puppets“ spielen er und seine drei Bandkollegen gut eine Stunde lang alle acht Titel ihres inzwischen legendären Albums und bringen dabei das Kunststück fertig, 20 Jahre alte Songs - manche immer wieder gespielt, andere langsam in Vergessenheit geraten - so frisch und energiegeladen klingen zu lassen, als seien es Stücke von einem gerade erst eingespielten Album. Das enttäuscht nur jene im Publikum, die vor allem auf die Hits der Band gewartet haben. Auf die müssen sie lange warten: Erst am Ende des knapp zweieinhalbstündigen Auftritts bekommen sie auch „Nothing else matters“ und „Enter Sandman“ zu hören.

Die Songs der vier Kalifornier sind auch in der Nacht und am nächsten Tag allgegenwärtig auf Campingplätzen und Festivalgelände. Rauf und runter laufen sie in Cassettenrekordern, Autoradios und CD-Playern. Selbst als am Sonntagmittag auf den drei Bühnen das Programm des dritten und letzten Tages langsam anläuft, ist die „Metallica“-Euphorie noch nicht abgeklungen: Während sich die „Kaiser Chiefs“, „Muff Potter“ oder später „Juliette & The Licks“ ins Zeug legen, locken T-Shirt-, Schmuck und CD-Verkäufer immer noch mit „Fuel“, „Ride the Lightning“ oder „St. Anger.“ Die Pop-Superstars der späten Achtziger, „Depeche Mode“, die zur Zeit weltweit ein umjubeltes Comeback feiern, beschließen das Festival am Abend zwar mit einer gigantischen Lichtshow und Dutzenden von Hits zum zehntausendfachen Mitsingen. Doch auch sie können nichts daran ändern, daß das Pfingstwochenende in der Eifel nur einen alles überragenden Abräumer hat: „Metallica“.

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Jahrgang 1964, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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