13.12.2011 · Vor 100 Jahren erreichte Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol – und blieb letztlich doch auf der Strecke.
Von Peter-Philipp SchmittRoald Amundsens Heldentum dauerte nur einige Monate. Sein Stern begann seit Mitte Februar 1913 zu sinken. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Kathleen Scott auf einem Schiff und auf dem Weg nach Neuseeland, wo sie ihren Mann nach mehr als zweieinhalb Jahren endlich wieder in die Arme schließen wollte. Sie wusste nicht, dass er schon fast ein Jahr tot war und dass sich diese Nachricht gerade um die ganze Welt verbreitete. Und während sich am 14. Februar 1913 Tausende zur St. Paul’s Cathedrale in London aufmachten, um im Beisein ihres Königs Georg V. Robert F. Scott und seiner mit ihm ums Leben gekommenen Kameraden zu gedenken, erschienen schon die ersten negativen Artikel über seinen norwegischen Gegenspieler.
Dabei war dem 1872 geborenen Norweger Roald Engelbregt Gravning Amundsen gelungen, was der vier Jahre ältere Robert Falcon Scott zunächst geplant hatte. Genau vor 100 Jahren, am 14. Dezember 1911, erreichte Amundsen als erster Mensch den Südpol. Damit schlug er nicht nur Scott um fast fünf Wochen. Der Brite war Mitte Dezember auch noch fast 700 Kilometer vom südlichsten Punkt der Erde entfernt.
Als Scott schließlich am 16. Januar 1912 an seinem Ziel ankam, entdeckten er und seine vier Begleiter „eine schwarze, an einem Schlittenständer befestigte Fahne“ und einen Brief an den norwegischen König Håkon VII. Scott schrieb dazu in seinem Tagebuch: „Das Furchtbare ist eingetreten – das Schlimmste, was uns widerfahren konnte! . . . Die Norweger sind uns zuvorgekommen – Amundsen ist der erste am Pol!“ Doch, so Scott weiter, nichts tue ihm so weh, „wie der Anblick meiner armen, treuen Gefährten!“ Das waren Sätze, die den augenscheinlich so selbstlosen Briten später, nachdem man sein Tagebuch im ewigen Eis gefunden hatte, nur noch mehr zum Helden und nicht nur der Herzen werden ließen.
Amundsen dagegen galt als Schurke, der sich seinen Sieg mit einer Lüge erschlichen hatte. Denn der Norweger wollte eigentlich nicht zum Süd-, sondern zum Nordpol. Er entschied sich um, als bekannt geworden war, dass der Amerikaner Robert Edwin Peary kurz zuvor, im April 1909, den nördlichsten Punkt erreicht hatte. Niemand sollte von seinen neuen Plänen erfahren, Scott am allerwenigsten.
So war der Brite schon einige Wochen mit dem Schiff Richtung Süden unterwegs, als er erkennen musste, dass aus seiner Forschungsreise plötzlich ein Wettlauf geworden war. Und der war in jeder Hinsicht ungleich: auf der einen Seite der perfekte englische Gentleman, Offizier der Royal Navy, glücklicher Ehemann und stolzer Vater eines kleinen Sohns. Auf der anderen Seite ein nach Ruhm lechzender unverheirateter Hallodri, der angeblich gleich mit drei verheirateten Frauen Verhältnisse einging und mit einer Inuit sogar ein Kind gezeugt haben soll (derzeit wird mittels DNA-Analyse geprüft, ob sich tatsächlich Nachfahren Amundsens unter den kanadischen Ureinwohnern nachweisen lassen). Der Norweger hielt sich – bisweilen rücksichtslos – an keinerlei Spielregeln und ist wohl gerade deshalb zum mit Abstand erfolgreichsten Entdeckungsreisenden in Arktis und Antarktis geworden.
Scott wurde trotzdem zum größeren Helden. Das lag nicht zuletzt daran, dass er und alle seine Kameraden auf dem Rückweg vom Südpol meist an Entkräftung starben. Unter ihnen war auch der besonders bewunderte Lawrence Oates, der, als er merkte, dass sich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechterte, das Zelt einfach verließ und mit den berühmt gewordenen Worten in den sicheren Tod ging: „I am just going outside and may be some time.“ – „Ich gehe nur raus und könnte etwas länger brauchen“.
Es waren sinnlose Tode, die vor allem darauf zurückzuführen waren, dass Scott viele falsche Entscheidungen getroffen hatte. Während Amundsen sich mit nur vier Begleitern und altbewährten Hundeschlitten auf den Weg machte, bestand Scotts Tross zunächst aus 16 Männern mit Hunden, Ponys und Motorschlitten. Mühsam kam man voran, die völlig untauglichen Ponys und Motorschlitten fielen schon bald aus, Scotts Kameraden kehrten der Reihe nach um, ohne genau zu wissen, was eigentlich ihre Aufgaben gewesen waren.
Der hoch dekorierte britische Offizier zeigte mehr als einmal Führungsschwäche. Nicht so sein norwegischer Konkurrent, der bis heute für seine bis ins Detail perfekt geplante Expedition gefeiert wird. Sie gilt als logistische Meisterleistung. Seinen Männern schrieb er sogar genau vor, wann und wie oft sie sich zu rasieren hatten, damit sich nicht zu viel Eis in ihren Bärten bilden konnte. Der Extrembergsteiger Reinhold Messner, der selbst vor gut 20 Jahren zusammen mit Arved Fuchs die Antarktis durch- und den Südpol dabei überquerte, zieht vor beiden Helden den Hut: Amundsens und Scotts Leistung sei heute nicht mehr wiederholbar, „weil die Leute nicht mehr diese Härte mit sich selbst haben“.
Amundsen, aber auch Scott zu Ehren haben sich 100 Jahre nach ihrer Großtat gleich 20 verschiedene Expeditionen auf den Weg zum Südpol gemacht. Das zweiköpfige norwegische Team begeht natürlich die „originale“ Amundsen-Tour, allerdings erst seit November, nicht – wie ihr Vorbild – schon seit Mitte Oktober (Scott brach damals erst zwei Wochen nach Amundsen auf). Dabei scheinen auch sie – trotz ihrer modernen Ausrüstung – der Route nicht ganz gewachsen: Am Dienstag war noch mehr als fraglich, ob der Polarforscher Harald Jlle und der mehrfache Langlauf-Olympiasieger Vegard Ulvang es rechtzeitig auf Skiern bis diesen Mittwoch zur amerikanischen Polarstation „Scott-Amundsen“ schaffen, wo sie der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg in Empfang nehmen will.
Merkwürdiger Bericht
Georg Richter (G_Richter)
- 14.12.2011, 14:36 Uhr
Spielregeln
Jörg Marwitz (JM19)
- 14.12.2011, 11:55 Uhr
Hallodri?
Michaela Link (Hans.Link)
- 14.12.2011, 11:49 Uhr
Große Worte,
Michael Scheffler (Striesner)
- 14.12.2011, 11:06 Uhr
Thomas Crean
Matthias Ashauer (tissy69)
- 14.12.2011, 10:34 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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