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Rio de Janeiro Was die Armensiedlung erzählt

 ·  Das Museu da Maré in Rio gibt den Bewohnern des Stadtviertels Maré Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Not und Elend werden hier dokumentiert, aber auch so manche Legenden.

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© dapd Bergvolk: Die Favelas von Rio de Janeiro sind auf den Morros, den Hügeln der Stadt, errichtet.

Die meisten Favelas von Rio de Janeiro liegen auf den Morros, den Hügeln, doch einige dehnen sich auch in der Ebene aus. Alle haben sie eine Geschichte, doch die wenigsten stecken so voller Geschichten wie der „Complexo da Maré“. Als die Portugiesen in die Gegend des heutigen Rio kamen, fanden sie an der Bucht noch Strände, Inseln und Mangrovenwälder.

Im 16.Jahrhundert entstand der Hafen von Inhaúma, auf einem Foto aus dem Jahr 1910 ist er noch zu sehen. Anfang des 20. Jahrhunderts siedelten sich Fischer an, die Mangrovenwälder wurden weitgehend abgeholzt. Mit dem Wirtschaftswachstum von Rio und Zuwanderern aus dem Nordosten entstanden Favelas, die zum „Complexo da Maré“ zusammenwuchsen, einem Stadtviertel mit heute 130.000 Einwohnern.

Orosina Vieira kam in den vierziger Jahren in die Gegend, sie gilt als die erste Bewohnerin des Maré-Gebiets. In einem Fernsehfilm erinnert sie sich an die alten Zeiten. Als sie kam, war noch alles bewaldet, in den ersten Hütten gab es kein Wasser, kein Licht. Sie war „Gesundbeterin“, „aus Freude und nicht des Geldes wegen“. Ein Foto von 1928 zeigt noch die Mangrovenwälder. Frühe Besucher berichten auch von Affen auf den Bäumen.

Ein Samba im Gedenken an eine Katze

Die heutige Vila dos Pinheiros, eine der Teilgemeinden der Maré, war früher eine Insel, die „Affeninsel“, sie ist längst dem Terrain einverleibt worden. Die Bilder aus frühen Zeiten sind in einem unscheinbaren Gebäude am Rand des Maré-Komplexes zu betrachten, einem Kulturzentrum, das ein kurioses Museum beherbergt: Das Museu da Maré ist das erste - inzwischen aber nicht mehr das einzige - Favela-Museum in Brasilien, in dem die Bewohner die Geschichte und Geschichten ihrer Siedlung dokumentieren.

Marcelly Pereira, die Kuratorin, erzählt beim Rundgang die Geschichte der „Katze von Bonsucesso“. Maria Dentão, eine Maré-Bewohnerin, stand mit den Lausbuben ihrer Umgebung auf Kriegsfuß, und die mit ihr. Immer wenn der Fußball in ihrem Garten landete, ließ sie ihn verschwinden. Also sannen die kleinen Möchtegern-Pelés auf Rache. Sie fingen die Katze von Dona Dentão und prügelten sie zu Tode. Wutschnaubend rannte die Senhora zur Polizeistelle und schrie: „Sie haben meine Katze getötet, sie haben meine Katze getötet!“

Daraufhin fing die Polizei drei des Katzenmordes beschuldigte Jungen und verprügelte sie. Um sich auch für diese Schmach zu rächen, bespannten sie ihre Trommeln mit dem Fell der Katze. Nachts trommelten sie im Sambarhythmus vor dem Fenster von Dona Maria und brüllten dazu: „Sie haben meine Katze getötet!“ Die Rufe wurden im Viertel so berühmt, dass sich zunächst ein Samba-„Bloco“ und danach eine Sambaschule nach der „Katze von Bonsucesso“ benannte. Das Tier lebte also weiter.

Die Palafita-Hütte, ein Symbol des Elends

Um die Legenden und Dokumente für die Nachwelt zu retten, gehen Freiwillige in der Maré auf die Suche. Die Lebensumstände der Leute waren die schlimmsten im gesamten Bundesstaat, erzählt Marcelly. Die „Palafita-Bauten“, Hütten, auf Stelzen über Sumpf und Wasser gebaut, waren bis in die achtziger Jahre „Symbol des nationalen Elends“. Luftaufnahmen vom Maré-Viertel Baixo do Sapateiro aus den Siebzigern zeigen Stelzenhäuser, die wie Streichholzschächtelchen in die Lagune geschüttet scheinen. Wenig romantisch sind die Berichte mancher Anwohner über das Leben in den „Palafitas“. Es erforderte Geschicklichkeit, über die schmalen Holzstege und Brücken zu balancieren, leicht konnte man ins Wasser fallen, sich schmutzig machen oder gar ertrinken.

In den achtziger Jahren beschloss die Regierung den Abriss aller Stelzenbauten. Die Leute wurden umgesiedelt in neue Behausungen, zum Beispiel nach Nova Holanda, einem provisorischen Projekt der Militärregierung, das die Lebensumstände eher noch verschlimmerte. Bewohner verschiedener Favelas wurden dort in Waggons untergebracht, es gab keine Fenster, keine Luft, keine Grundversorgung und vor allem kein Wasser.

Die Leute mussten es von anderswo holen, die Frauen bauten Blechkanister auf Rollen, auf Fahrradreifen, um Wasserkanister zu befördern, erzählt Marcelly. Die „Waggons“ waren nicht auf Dauer gedacht, aber die Leute blieben. Mehrere Familien, die sich nicht einmal kannten, hausten in einem dieser Gehäuse. Es war eines der gescheiterten Siedlungsprojekte. Der Staat kümmerte sich nicht um das Wohlergehen der Bewohner.

„Viele Leute sagen, dass das Leben in den Palafita-Häusern früher besser war, weil es weniger Gewalt gab als heute“, bemerkt Marcelly, während sie die Einrichtung eines rekonstruierten Stelzenhäuschens erläutert. Anders als in anderen Favelas, wie etwa im benachbarten „Complexo do Alemão“, hätten in der Maré Rauschgifthandel und gemeine Kriminalität eher zugenommen.

Die Maré ist noch nicht befriedet, es gibt dort auch noch keinen festen Posten der „Befriedungspolizei“. Eine solche „UPP“ wäre auch nicht unbedingt die Lösung, meint Marcelly, weil Teile der in den Favelas stationierten Polizei korrupt seien. Verbessert haben sich inzwischen allerdings die Lebensbedingungen in den mittlerweile halbwegs soliden Gebäuden. Die Urbanisierung kommt allmählich voran.

Exponate zum Anfassen

„Alle Objekte im Museu da Maré gehören Bewohnern von hier“, sagt die Museumspädagogin. „Sie wecken Erinnerungen bei jedem von uns. Man darf sie anfassen, denn wir sind kein Museum von Dingen, sondern von persönlichen Erfahrungen, um die Vergangenheit lebendig zu erhalten.“ Und dann zeigt Marcelly auf eine Vitrine, die mit Hunderten von Patronenhülsen gefüllt ist. „Die wurden alle hier in der Maré aufgesammelt.“ An der Wand gleich daneben hängt ein wunderliches Kunstobjekt.

Der ortsansässige Künstler Marcelo Vieira, der auch für die Gestaltung des Museums verantwortlich ist, hat einen Bilderrahmen mit den Utensilien eines Schuljungen gefüllt - Heftseiten mit Schriftübungen, kindliche Zeichnungen, den Titel eines Kinderbuchs („Reis und Bohnen zu jeder Jahreszeit“), Buntstifte und weiße und rosafarbene Blütenblätter. Es ist das Epitaph für den sieben Jahre alten Matheus aus der Maré, der 2010 Opfer einer Polizeiaktion wurde. Er hatte Geld bei sich, das ihm die Mutter gegeben hatte, er sollte Brot kaufen. „Einen solchen Fall vergisst man nicht in der Favela“, sagt Marcelly.

Das im Mai 2006 eröffnete Museu da Maré soll den Bewohnern die Möglichkeit zur Selbstdarstellung geben. Schon lange waren Ausstellungsstücke gesammelt worden. Das Bildarchiv ist ein einmaliger Schatz von Dokumenten zur Geschichte der Favelas. Das Goethe-Institut in Rio de Janeiro hat die Verantwortlichen beim Aufbau des Museums beraten und zwei Leute nach Kapstadt geschickt, um sich dort im Seven District Museum Anregungen zu holen. Aus der Zusammenarbeit hat sich eine Dauerpartnerschaft entwickelt. Das Goethe-Institut will nun auch dabei helfen, die Fotos in einem Bildband zu veröffentlichen.

„Es ist wie eine Zeitreise, zurück in meine Kindheit, als wir glücklich waren, trotz der Not und des Elends, ohne Angst vor Gewalt spielen konnten“, sagt eine ältere Frau, die noch die Maré in ihrem Frühzustand mit den Stelzenhäusern erlebt hat, beim Betrachten der Bilder. Alle Objekte erzählen Geschichten: Marien- und Jesusfiguren, Nähmaschinen und Nippes, Koffer und Küchengeräte, Nummernschilder und Lebensmittelwaagen.

Zu den Besuchern zählen vor allem Schulkinder aus den Maré-Favelas. Es kommen aber auch Touristen aus aller Welt, weil das Museum verkehrsgünstig auf halber Strecke zwischen der Innenstadt von Rio und dem internationalen Flughafen Galeão direkt an der Avenida Brasil (Autobahn Linha Vermelha) und in einer sicheren Zone liegt.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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