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Rio de Janeiro : Der glückliche Mann vom Zuckerhut

Deutsche Ingenieurskunst: Ein retuschiertes Foto zeigt den Bau der Bahn auf den Morro da Urca und weiter auf den Zuckerhut. Bild: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln

Ein Kölner Unternehmen baute vor hundert Jahren in Rio de Janeiro die Seilbahn auf einen der berühmtesten Gipfel der Welt. Mehr als 40 Millionen Menschen sind seither mit ihr gefahren, aber keiner kennt den Zuckerhut so gut wie Giuseppe Pellegrini.

          Gerade einmal 396 Meter ist der Zuckerhut in Rio de Janeiro hoch, eher ein Fels denn ein Berg, doch sein Gipfel ist einer der beliebtesten der Welt: Albert Einstein, John F. Kennedy, Papst Johannes Paul II. und James Bond waren oben, mehr als 40 Millionen Menschen insgesamt. Aber keiner kennt diesen Granitblock so gut wie Giuseppe Pellegrini.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          3500 Mal ist er die steilen Wände hochgeklettert, ein paar Dutzend verschiedene Routen, sein Rekord liegt bei neun Minuten vom Einstieg in den Fels bis zum Gipfel. An Tagen, an denen Pellegrini nicht klettert - seit er über 70 ist, hat er es ganz sein lassen - fährt er mit der Seilbahn. Und jedes Mal, wenn er oben steht, wundert er sich von Neuem über das Panorama, das sich unter ihm ausbreitet. „Das ist so schön“, sagt er. „Da kann man sich kaum dran gewöhnen.“

          Seit mehr als 50 Jahren ist der Zuckerhut Pellegrinis Arbeitsplatz. Seine Werkstatt steht auf dem Vorhügel Morro da Urca. Er hat eine Ausbildung als Mechaniker und Industrie-Elektroniker, später hat er noch BWL studiert. Inzwischen ist er Technischer Direktor der Seilbahn, die täglich Tausende Touristen auf den Zuckerhut hoch- und wieder runterkarrt - und die vor einem Jahrhundert von einem Unternehmer aus Köln-Zollstock gebaut wurde.

          Alte Eisen: Giuseppe Pellegrini vor einer der ersten Gondeln, die heute auf dem Morro da Urca ausgestellt werden.

          Hunderte Millionen Jahre ist der Zuckerhut alt, gneisartiger Granit, einst als Magma aus dem Inneren der Erde aufgestiegen. Den Menschen galt der mystische Fels lange als unbezwingbar - bis 1817 ausgerechnet eine englische Bergsteigerin, die 39 Jahre alte Henrietta Carstairs, den Gipfel erreichte. Sie stellte die britische Flagge auf, eine Provokation für die portugiesischen Kolonialherren. Gleich am nächsten Tag stieg deshalb ein Soldat in die steile Wand, und tatsächlich schaffte er es, den Union Jack abzuhängen und durch die weiße Flagge des Vereinigten Königreichs von Portugal, Brasilien und den Algarven zu ersetzen.

          Wenig später wurde Brasilien unabhängig und Rio de Janeiro Hauptstadt eines Kaiserreichs, dann einer Republik. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts lebten knapp eine Million Menschen an der Guanabara-Bucht. Viele waren bitter arm, das Gelbfieber raffte Tausende dahin. Doch es waren auch Zeiten des Aufbruchs. Rio de Janeiro schüttelte den kolonialen Muff ab, die Avenida Central, ein breiter Boulevard, wurde gebaut. Die Stadtväter träumten von einem Paris der Tropen. Und so stieß der Ingenieur Augusto Ferreira Ramos auf offene Ohren, als er einen kühnen Plan präsentierte: die Hügel, die der Stadt ihre unvergleichliche Kulisse geben, mit einer freischwebenden Drahtseilbahn zu verbinden.

          Die technischen Herausforderungen waren gewaltig. Seilbahnen für den Transport von Menschen waren eine absolute Neuheit, in Europa, am Monte Ulia in Spanien und am Wetterhorn in der Schweiz, hatten gerade die ersten ihren Betrieb aufgenommen. Kaum einer traute Brasilien, diesem jungen Land, eine ähnliche Leistung zu, viele hielten Ramos für verrückt. Doch der Ingenieur ließ sich nicht von seiner Idee abbringen - und fand bald einen Partner für sein Vorhaben: die deutsche Julius Pohlig AG.

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