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Rikscha-Zirkus : In der Lächelmaschine durch Iran

  • -Aktualisiert am

Annika Schmeding fährt mit der Rikscha von Kabul nach Istanbul – rund 8000 Kilometer. Bild: Adnan Khan

Eine junge Deutsche fährt mit ihrem Freund fast 8000 Kilometer von Kabul nach Istanbul – mit einer bunten Rikscha durch Afghanistan, Iran und die Türkei. Sie nutzen das Gefährt als Zirkusmobil, um Kindern Glück zu bringen.

          Der Winter in Kabul war bitterkalt. Eigentlich komme ich aus Porta Westfalica, aber nach meinem Studium in Berlin bin ich in Afghanistan gelandet. Dort habe ich Entwicklungsarbeit für die Regierung geleistet, und dort habe ich auch gewohnt, mit meinem Freund Adnan. Wir flohen also vor dem kalten Winter, einem der härtesten der vergangenen 20 Jahre. Zumindest für ein Wochenende, nach Jalalabad, denn dort ist es wärmer als in Kabul. Und da sahen wir sie dann, diese Rikschas, die einfach anders waren als alle Rikschas, die wir bisher gesehen hatten. Mit Automotor (Suzuki Alto) und ziemlich bunt. Sie sahen aus wie kleine Zirkusmobile.

          Rikschas sind toll. Sie sind klein, wendig, unabhängig. Eine Rikscha hat keine Seitenfenster. Jeder kann kommen und reingucken. Eine Rikscha ist ein sehr öffentliches Gefährt. In unserer Freizeit hatten Adnan und ich für den Mobilen Mini-Zirkus in Afghanistan (MMCC) gearbeitet, aber mit dem Abzug der Truppen schwinden auch hier die Gelder. Wir wollten in die Türkei, Adnan mietet nahe Antalya ein Haus. Und wir wollten eine Rikscha haben in der Türkei. Da war die Idee geboren: mit der Rikscha von Kabul nach Istanbul. 8000 Kilometer durch Stadt und Land. Als mobiler Zirkus für die Kinder des Krieges. Unser Freund Peter, ein Brite, begleitet uns.

          Afghanistan kann mehr sein als Krieg

          Unsere Rikscha kommt auch aus Jalalabad. Wir haben sie stark verändert: Türen angebracht, sie bunt angemalt, Taschen für Ersatzreifen hergestellt und einen Dachgepäckträger montiert. Afghanistan kann mehr sein als nur Krieg und Krise. Aus Afghanistan kommen auch Rikschas, die gut gebaut und zuverlässig sind. Unser Gefährt hat einen zauberhaften Charme. Egal wohin wir kommen, alle winken, lächeln und springen. Kinder laufen uns hinterher, Jugendliche springen auf, Motorradfahrer fahren neben uns her und fragen uns aus, Lastwagenfahrer bieten Datteln und Wasser an. Jeder schenkt uns ein Lächeln. Die Freude springt von der Rikscha zu den Menschen und wieder zurück. Wir nennen die Rikscha eine Lächelmaschine.

          Adnan, Peter und ich machen sozialen Zirkus. Das ist eine wachsende Bewegung auf der ganzen Welt, die Zirkus als eine Art therapeutische Intervention sieht. Der Fokus liegt auf traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Wir helfen den Kindern, in einer sicheren Umgebung Risiken einschätzen und eingehen zu können. Das hilft ihnen aus ihren Schutzhüllen. Wir wollen Orte schaffen, an denen sich Kinder wohl fühlen, an denen sie endlich Kind sein können. Wir treten auf, wo die Menschen leben. In Hinterhöfen, Krankenhäusern, Flüchtlingslagern. Wir verwandeln ihre Lebenswelt und heben sie aus ihrer Umgebung heraus, zumindest für ein paar Minuten. Vielleicht zehren sie Monate davon.

          Waren uns der Gefahren bewusst

          Natürlich sorgen sich meine Eltern um mich, während ich auf dieser Reise bin. Sie haben schon einige Verrücktheiten mit mir erlebt. Die Route führt uns durch schwierige Gebiete und auch einige, die ziemlich gefährlich sind. Wir sind uns dessen bewusst, wir sind ja nicht neu in dieser Gegend. Wir haben mit Sicherheitsberatern gesprochen und können auf Gefahren reagieren. Wie in Belutschistan, im Südwesten Pakistans, berüchtigt für Räuber, Banditen, Überfälle und Entführungen. Teilweise musste Adnan alleine fahren, er ist ja Pakistani. Von Quetta bis zur Grenze haben wir die Rikscha dann auf einen Lastwagen verfrachtet. Für die Strecke brauchen Ausländer eine Genehmigung. Die Rikscha musste mit einem Kran draufgehievt werden, und viele Lastwagenfahrer wollten uns nicht mitnehmen. Wir brauchten 19 Stunden für die Strecke, für die wir mit neun bis zehn gerechnet hatten. Die Polizei hat uns dann eskortiert.

          Ein Kind in Kabul schaut aus der Rikscha. Bilderstrecke
          Ein Kind in Kabul schaut aus der Rikscha. :

          Als wir in Iran ankamen, gab man uns eine neue Eskorte bis Bam. Im südlichen Iran fuhren wir durch weite Strecken Wüste. Oft mussten wir stoppen, den Motor abkühlen lassen und dann weiterfahren, sonst wäre unsere Rikscha überhitzt. Das belastet, bei 60 Grad und schwindenden Wasserressourcen. In Teheran haben wir mit der Organisation Mahak gearbeitet, die krebskranke Kinder unterstützt. Viele von ihnen durchlaufen eine Chemo-Therapie und sind stark geschwächt. Es war faszinierend, wie die Kinder zuerst lethargisch und ängstlich den Auftritt erwarteten und danach in der Interaktion über sich hinauswuchsen. Sie halfen dem Clown, vermeintlich schwere Keulen hochzuheben, und strahlten dabei übers ganze Gesicht. Diese gespielte Stärke machte ihnen unglaublich Spaß. Es ist ein Rollenspiel, für die Kinder aber ist es noch viel mehr.

          Rikscha-Zirkus trifft arabischen Frühling

          In den letzten Tagen haben wir mit Kindern gearbeitet, die vom Erdbeben nördlich von Täbris betroffen waren. Wir sind in zerstörte Dörfer und Zeltstädte gefahren und haben mit Jugendlichen gespielt und sie unterhalten. Viele Kinder haben ihre Eltern verloren und leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen. Es ist ein gutes Gefühl, sie glücklich zu sehen.

          Mittlerweile sind wir im Osten der Türkei angekommen. Die Reise ist bald vorüber. Wir haben sie zum großen Teil aus Spenden finanziert und hoffen, mit einem Plus rauszugehen. Das Geld spenden wir für den Mini-Zirkus in Afghanistan. Für mich geht es dann nach Mitteleuropa zurück. Ich werde in den Niederlanden meinen Master machen. Später will ich dann noch mal mit einer Rikscha auf große Reise gehen. Rikscha-Zirkus trifft arabischen Frühling. Das wär doch was.

          Aufgezeichnet von Florian Siebeck.

          Quelle: F.A.Z.

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